Kinoplakat: Prometheus - Dunkle Zeichen
Phantastische Welten, grosse
Bilder, naive Hänschen-klein-Philosophie
Titel Prometheus - Dunkle Zeichen
(Prometheus)
Drehbuch Jon Spaihts + Damon Lindelof
mit Storyelementen von Dan O'Bannon + Ronald Shusett
Regie Ridley Scott, USA 2012
Darsteller Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Guy Pearce, Logan Marshall-Green, Sean Harris, Rafe Spall, Emun Elliott, Benedict Wong, Kate Dickie, Patrick Wilson, Lucy Hutchinson u.a.
Genre Science Fiction
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
9. August 2012
Website projectprometheus.com/
Inhalt

In Höhlen überall auf der Welt findet das Archäologenpaar Elisabeth Shaw und Charlie Holloway identische Wandmalereien – Darstellungen von Menschen und ihrem Schöpfer. Die Malereien stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Alle deuten auf den Planeten LV-223 als Ursprungsort des menschlichen Lebens hin.

Vier Jahre später erreicht ein gigantisches Raumschiff jenes Planetensystem, zu dem LV-223 gehört. Der milliardenschwere Unternehmer Peter Weyland hat die Exkursion unter dem Namen „Prometheus“ finanziert und ausgestattet. Er will mit Shaws und Holloways Hilfe den Ursprung der Menschheit erkunden. Während des zweijährigen Fluges von der Erde nach LV-223 hat der menschenähnliche Android David an Bord die Stellung gehalten, die Lebenserhaltungsfunktionen der Tiefschlafkabinen und den Antrieb des Schiffes kontrolliert. Daneben hat er die indogermanische Ursprache erlernt, von der Shaw und Holloway annehmen, dass die „Konstrukteure“ sie sprechen, jene unbekannte Spezies, die Ursprung all dieser Wandmalereien sein müssen.

Beim Anflug auf den fremden Planeten findet die Crew der „Prometheus“ mehrere Strukturen, die offenbar keines natürlichen Ursprungs sind („Gott baut keine geraden Linien.“). Bei der Erforschung des Geländes stoßen sie auf eine gigantische Halle. Darin konische Behälter und die gigantische Büste eines humanoiden Kopfes. Android David findet eine holografische Nachricht. Sie zeigt mehrere fliehende Wesen – wovor fliehen die? Vor einer verschlossenen Tür finden sie schließlich den toten Körper eines der Fliehenden; dem Corpus fehlt der Kopf.

Ein schwerer Sturm zieht auf. Die Erkundungsmannschaft wird getrennt. Während die einen sich im Eilschritt zurück zur „Prometheus“ machen, bleiben der Biologe Milburn und der Geologe Fifield in dem höhlenartigen Labyrinth. Als sie die Region unmittelbar um die gigantische Büste untersuchen, werden sie angegriffen – beide Männer sterben.

An Bord der „Prometheus“ hat Holloway sich betrunken. Während Elisabeth den Kopf des Fremden untersucht, von dem sie annimmt, dass er zur Rasse der „Konstrukteure“ gehört (und dabei unangenehm überrascht wird), bietet Android David dem betrunkenen Holloway einen Drink an. David hat einen Tropfen einer von ihm heimlich in der Höhle sichergestellten Substanz in den Drink gemischt.

Am nächsten Morgen findet die Rettungscrew nur den grässlich entstellten Milburn, ist Holloway hundeelend zumute und ist Shaw schwanger. Wie das? Elisabeth kann überhaupt keine Kinder bekommen. Was wächst da in ihr ..?

Was zu sagen wäre

Es ginge mir besser, könnte ich behaupten, jederzeit die Leerzeilen im obigen Inhaltstext mit logischen Erklärungen zu ergänzen. Das kann ich nicht.

Ridley Scott ist ein mutiger Mann. Und er schiebt ein großes Ego vor sich her, das er ausführlich in den Making-Of-Abteilungen der DVD- und Blu-ray-Editionen seiner Filme zur Schau stellt. Ohne diese beiden Eigenschaften hätte er diesen Film nicht machen können. Auch, wenn Scott bisweilen versucht hat zu beschwichtigen, wenn er auf das Alien-Prequel angesprochen wurde – läge „Prometheus“ nicht in dem großen Alien-Schatten, „Prometheus“ würde sich ohne weiteres in die Ausrutscher des britischen Regisseurs einreihen. Aber so ist es Ridley Scott und Alien. Der Regisseur, der neben dem Jahrhundert-Klassiker Alien ein paar Jahre später noch den Jahrhundertklassiker Blade Runner gemacht hat.

Ridley Scott will Fragen beantworten, die keiner gestellt hat

Ridley Scott erzählt also ein Kapitel aus dem Alien-Universum, das Jahre vor dem Flug der „Nostromo“ spielt und also Antworten liefern soll – den dargestellten Wissenschaftlern auf die Frage nach dem „Woher?“, dem Zuschauer im Kino … was eigentlich? Was wollen wir wissen über die Rasse der Aliens, das wir nicht schon wissen? Wie sie wohnen? Ob sie so was wie den Five-o'clock Tea haben? Ridley Scott sagt, es sei „der Space Jockey“, der noch vollkommen unerforscht sei – und das sei doch einigermaßen verwunderlich. Beim „Space Jockey“ handelt es sich um jenen großen, versteinert wirkenden Leichnam eines Wesens an – mutmaßlich – einer Kanone, der in Ridley Scotts Film von 1979 am Anfang jener Höhle steht, in der die Mannschaft die zahllosen Alien-Eier findet.

Und dann wird es kompliziert und es hat mit Gen-Manipulation zu tun. Ridley Scott hat Jahre überlegt, wie er es hinbekommt – sollte er sich denn jemals daran machen – einen weiteren Alien-Film zu machen, ohne sich zu wiederholen. Die Momente des Wiedererkennens sind rar. Die Art, sich fortzupflanzen, die die Aliens damals zeigten – Ei legen, Facehugger, Wirt besamen, Brustbrecher-Alien, Ei legen – wirkt einfach zu verstehen im Vergleich mit der vorliegenden Geschichte. Offenbar haben wir es mit einem mikrospischen, einem Nano-Organismus zu tun, der bei Berührung mit einem Lebewesen in die Genstruktur des Wirtes eindringt und diese verändert. In „Prometheus“ tauchen unterschiedliche Aliens auf, die nicht in Beziehung zueinander gebracht werden können. Die halbgare Aufklärung am Schluss kommt … zu spät. Da hat die Rasse der Space Jockeys eine Massenvernichtungswaffe gebaut und diese – weil man nicht in den eigenen Garten scheißt – fernab des Heimatplaneten verbuddeln wollen. Aber warum auf der Erde? Auf der laut Film sie es gewesen sein sollen, die den Grundstein des Menschen gelegt haben? Fortsetzung?

Der Film ist andauerndes Eye-Candy

Optisch ist „Prometheus“ großartig. Scott zeigt fremde Welten, die einzigartig sind, geht souverän mit dem 3D um, das er unaufdringlich für die Tiefe der Landschaften nutzt. Scott und James Cameron, der damals das Sequel zu Scotts Alien, Aliens - Die Rückkehr, inszenierte, liefern sich einen Wettkampf um das beeindruckenste Raumschiff-nähert-sich-dem-Zielplaneten-Bild. Mit Prometheus übernimmt Scott die Führung wieder. Spektakuläre 3D-Bilder. Ausnahmsweise lässt er sich viel Zeit, bis die „Prometheus“ endlich auf LV-233 gelandet ist. Und wenn sie dann gelandet ist und die Crew ausgestiegen, fällt der Film auseinander.

Kinoplakat: Prometheus - Dunkle ZeichenZu viele Mann Besatzung, zu viele unterschiedliche Tötungs- und Geburtsarten. Scott unterschätzt sein Alien-vorgebildeten Publikums. Immerhin: Die Neuinszenierung der Geburtsszene aus dem Original-„Alien“ überrascht in ihrter Drastik, das ist sehr sehenswert. 1979 ließ Scott die gerade aus dem Kälteschlaf erwachte Crew sich am Küchentisch versammeln. Vier Minuten später waren alle Charaktere eingeführt, zu jeder Figur gehörte eine kleine Geschichte, die das Identifizieren zu jeder Zeit einfach machte.

Es gibt kein Rätsel

Im aktuellen Film sammelt sich die Crew wieder am Frühstückstisch. Und es kommen immer mehr. Einige Gesichter kann ich mir merken, meist die, die schnell keine Rolle mehr spielen. Andere Gesichter bleiben verschwommen. Wie bei einem Bilderrätsel scheucht Scott sein Publikum durch den Film. Das Problem ist, dass es kein Rätsel gibt. Man guckt und guckt, dann kommt ein Hologramm, dann der große Schädel vom Kinoplakat und dann ein Sandsturm, der die Truppe auseinander reißt – die im Raumschiff und die nicht im Raumschiff. Das berühmte Alien taucht erst in der letzten Szene auf. Davor – und da wird Scotts Widerwille verständlich, dauernd auf Alien angesprochen zu werden – geht es (noch) gar nicht um den Xenomorph.

In „Prometheus“ geht es um die andere Frage, die in den Alien-Filmen auch immer wieder ventiliert wurde: Der Schöpfer und seine Schöpfung. Wer sind wir? Woher kommen wir? Was ist unsere Bestimmung? Im aktuellen Film fragen sich das nicht nur die Menschen. Auch Anfroid David fragt nach seiner Bestimmung, fragt, warum der Mensch ihn erschaffen habe – und Holloway, der Forscher, sagt der Maschine: „Weil wir es können!“ Androiden, die nach dem Sinn des Lebens fragen? Forscher, die anstatt auf Wolke Sieben zu schweben, weil sie gerade die Entdeckung des Jahrtausends gemacht haben, sich lieber volllaufen lassen, weil die Schöpfer – die „Konstrukteure“ – alle tot sind? Vickers, die oberste Chefin mit dem Eiswürfel-Charme, die Lichtjahre weit von der Erde geflohen ist, um Männern zu entkommen, die nur Sex wollen, lässt sich mit der einfachen Frage „Sind Sie ein Roboter?“ flach legen? Echt jetzt?

Wie hängt alles zusammen? Was ist das für eine Frau, die sich gerade ein Oktopus-artiges Wesen bei lokaler Betäubung aus dem Bauch geholt hat, und dieser Bauch dann notdürftig zusammen getackert worden ist, die daraufhin noch mehrere Spurts, Kämpfe und allerlei Action absolviert? Womöglich soll Noomi Rapace unbedingt cooler sein als Sigourney Weaver. Ist sie nicht. Seit ihrer Darstellung in der schwedischen Verfilmung der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson gilt Rapace (Sherlock Holmes - Spiel im Schatten – 2011) in Hollywood als Geheimtipp. Warum das so ist, das macht auch dieser Film nicht deutlich. Rausreißen jedenfalls aus seinem Loch kann Rapace den Film nicht.

Fassbender und Theron zelebrieren ihre Auftritte

Michael Fassbender (X-Men - Erste Entscheidung - USA 2011) gibt wunderbar den Androiden David, der sich sein Menschsein bei Lawrence von Arabien abguckt und die linkische Motorik eines Brent Spiner hat, wenn der den Androiden Data an Bord der USS Enterprise gibt. Dass der Android ein doppeltes, dreifaches Spiel spielt, gehört zur Alien-Mythologie dazu. Auch Charlize Theron (Young Adult – 2011; Hancock – 2008; „Kaltes Land“ – 2005; „Monster“ – 2003; The Italian Job – Jagd auf Millionen – 2003; Im Bann des Jade Skorpions – 2001; 15 Minuten Ruhm – 2001; The Yards – 2000; Wild Christmas – 2000; Gottes Werk & Teufels Beitrag – 1999; Die Frau des Astronauten – 1999; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Im Auftrag des Teufels – 1997) als kühle Oberkommandierende beeindruckt. Theron sucht sich zielsicher jene Rollen aus, die einen Hau haben, irgendeinen Tick! Wenige Monate vor „Prometheus“ hatte sie erst die böse Stiefmutter Schneewittchens in all derer Abgründigkeit gespielt.

Warum allerdings Guy Pearce (The King's Speech – 2010; The Time Machine – 2002; Memento – 2000; Rules – Sekunden der Entscheidung – 2000; Priscilla – Königin der Wüste – 1994) den alten Mann spielen muss, den Inhaber jener verfluchten Corporation, die das alles in Gang setzt, warum nicht ein … älterer Schauspieler das spielen konnte, weil man Pearce ohnehin nicht erkennt, aber abgelenkt ist, weil seine Altersmaske aussieht, wie eine … Maske, ist mir unklar.

Klischeebildchen-Träume eines großen Regisseurs

Der Film ist eine zweistündige Oper der großen Bilder. Beeindruckend, was Dariusz Wolski hier aus Real-, Modell- und Computerbild fotografiert hat. Aber die Story zu dieser Oper, die Suche nach Sinn und Gott und den Antworten auf die letzten Fragen sind Scott entglitten. Seine große Parabel zerfällt in die Klischeebildchen-Träume des kleinen Hänschen, das sich den strafenden Gott und das große Ganze mit Aliens und so vorstellt. Mal sehen, wie es nach der zu erwartenden Fortsetzung aussieht.

<Nachtrag 2017>Mit der Fortsetzung Alien – Covenant (2017) wird einiges von dem plausibler, was „Prometheus“ 2012 in der Luft hängen gelassen hat. Besser macht es das Hin und Her im vorliegenden Film aber nicht.</Nachtrag 2017>

Wertung: 3 von 7 €uro