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Plakatmotiv: Coco – Lebendiger als das Leben (2017)

Ein bunter Reigen
auf Disney-Niveau

Titel Coco – Lebendiger als das Leben
(Coco)
Drehbuch Lee Unkrich + Jason Katz + Matthew Aldrich + Adrian Molina
Regie Lee Unkrich & Adrian Molina, USA 2017
Stimmen

Anthony Gonzalez, Pablo Ribet-Buse, Salvatore Scire, Benjamin Bratt, Heino Ferch, Kevin Kraus, Gael García Bernal, Karlo Hackenberger, Ana Ofelia Murguía, Luise Lunow, Renée Victor, Ulrike Lau, Jaime Camil, Patrick Winczewski, Sofía Espinosa, Dina Kürten, Luis Valdez, Helmut Gauß, Lombardo Boyar, Michael Pan, Edward James Olmos, Peter Groeger, Alanna Ubach, Alexandra Wilcke, Selene Luna, Daniela Reidies, Alfonso Arau, Frank-Otto Schenk, Herbert Siguenza, Joachim Kaps, Hans Hohlbein, Octavio Solis, Axel Malzacher, Gabriel Iglesias, Lutz Schnell, Cheech Marin, Oliver Siebeck, Blanca Araceli, Vera Teltz u.a.

aufgeführt sind Stimmen der US- und der deutschsprachigen Version

Genre Animation
Filmlänge 100 Minuten
Deutschlandstart
20. November 2003
Website pixar.com
Inhalt

Der zwölfjährige Miguel lebt in einer Stadt in Mexiko und glaubt, dass ein Fluch über seiner Familie liegt, denn sein Ururgroßvater, der Musiker war, wollte einst für die ganze Welt spielen, ging fort und kam nie wieder zurück. So musste seine Ururgroßmutter Imelda selbst für sich und ihre Tochter Coco sorgen und begann, Schuhe zu machen.

Heute ist Coco Miguels Urgroßmutter, spricht jedoch kaum noch ein Wort und dämmert vor sich hin. Wie seine Ururgroßmutter steht seit der Begebenheit in der Vergangenheit jeder in seiner Familie mit Musik auf Kriegsfuß, Miguel hingegen liebt sie. Besonders verehrt er Ernesto de la Cruz und hat für den verstorbenen mexikanischen Musiker heimlich im Dachstuhl einen Schrein errichtet und Fotos seines großen Vorbildes aufgestellt. Von seinem heimlichen Rückzugsort weiß nur der Hund Dante, der sich auf den Straßen der Stadt herumtreibt. In seinem Versteck hat sich Miguel mit der Hilfe von einigen Videos seines Idols selbst das Gitarrespielen beigebracht.

Miguel trägt als Schuhputzer zum Familieneinkommen bei, die sonst alle in alter Familientradition mit der Herstellung von Schuhen beschäftigt sind. Hierfür ist er in der gesamten Stadt unterwegs, doch seine Großmutter will nicht, dass Miguel dort Kontakt zu Musikern, den Mariachi, hat. Lieber soll Miguel seine Familie ehren, denn es ist Día de Muertos in Mexiko, an dem sich Freunde und Verwandte zusammenfinden, um gemeinsam der geliebten Verstorbenen zu gedenken. Als Miguel auf dem Familienaltar ein Foto betrachtet, das seine Ururgroßmutter Imelda mit der noch kleinen Coco zeigt, entdeckt er darauf die Gitarre von Ernesto de la Cruz, die er aus der für diesen errichteten Ehrenhalle in der Stadt kennt. Miguel glaubt nun, dass dieser sein Ururgroßvater sein müsste. Er offenbart seiner Familie, dass er gerne in dessen Fußstapfen treten würde und diese erfährt hierbei von seinem Versteck. Als seine Großmutter seine selbstgebaute Gitarre zerstört, läuft Miguel weg. Er will unbedingt am Talentwettbewerb teilnehmen, der am Tag der Toten veranstaltet wird. Um an eine funktionsfähige Gitarre zu kommen, will er sich die von de la Cruz leihen. Doch als er auf die Totenblumen tritt, die in dessen Mausoleum auf dem Friedhof verstreut wurden und er einen Akkord auf der Gitarre spielt, geschieht etwas Sonderbares, denn Miguel kann plötzlich auch die Toten sehen, die Lebenden sehen ihn umgekehrt jedoch nicht mehr.

Miguel trifft sogleich eine Tante, mehrere seiner verstorbenen Onkel, so Oscar und Felipe, die alle für den Día de los Muertos in die Stadt gekommen sind. Gemeinsam gehen sie mit ihm über die Blumenbrücke in das Land der Toten, wo sich viele andere darauf vorbereiten, bis zum Sonnenaufgang wieder hinüber in die Welt der Lebenden zu gehen, um zu sehen wie es ihren Liebsten geht. Nur wenn Angehörige ein Foto eines Verstorbenen aufgestellt haben, kann dieser die Brücke passieren.

Seine verstorbenen Familienmitglieder versuchen Miguel wieder zurückzubringen, aber als Mamá Imelda ihm ihren Segen gibt, um ihm den Übergang in die Welt der Lebenden zu ermöglichen, ist er schnell wieder zurück, denn kaum dort, wollte er gleich wieder die Gitarre von de la Cruz an sich nehmen. Miguel glaubt, wenn er zu seinem großen Idol gelangt, werde der ihm sicher seinen Segen geben, ohne die Auflage, in Zukunft auf die Musik zu verzichten. Da kommt ihm Héctor gerade recht, über den er durch Zufall erfahren hat, dass dieser de la Cruz kennt. Héctor verspricht dem Jungen, ihm zu helfen, wenn dieser im Gegenzug ein Foto von ihm mit hinüber in die Welt der Lebenden nimmt und aufstellt, damit auch er am Tag der Toten die Brücke passieren kann. Der Weg zu Cruz gestaltet sich jedoch nicht so einfach, wie es anfangs scheint. Erst müssen sie für den Jungen eine Gitarre besorgen, dann versuchen sie über einen Talentwettbewerb eine Einladung zur Party von de la Cruz zu ergattern, und dann ist ihnen noch Miguels tote Verwandtschaft auf den Fersen, die ihn zurückbringen will, besonders weil Miguel Imeldas Foto mit ins Totenreich brachte, und sie die Blumenbrücke nun nicht passieren kann …

Was zu sagen wäre

Die Welt der Toten ist komplexer, als unsere Alltags-Religion das zu fassen vermag. Sie unterteilt sich nicht einfach in Himmel und Hölle; die Toten haben diverse Karriereleitersprossen zu erklimmen, wie die Lebenden diesseits des Vorhangs. Es ist ein bisschen wie bei Germany's Next Topmodel: Ohne Foto im Diesseits kommst Du im Jenseits nicht weiter, Du diffundierst; richtig tot bist Du erst, , wenn sich keiner im Diesseits mehr an Dich im Jenseits erinnert. Deshalb begeht man in Mexiko jährlich den „Tag der Toten“ (Día de Muertos), um sich seiner Vorfahren auf immer zu erinnern, damit sie auch im Jenseits Party haben.

Das Gedenken unserer Vorfahren, jener, ohne die es Oma, Vater, mich nicht gäbe, ist nicht ausgeprägt in unserer Gesellschaft. Wir haben es nicht so mit der Ahnen-Ehrung. Das macht uns den Zugang zu dieser Produktion aus dem Hause Pixar etwas schwer; im kühlen Deutschland müssen wir die Verflechtungen der Geschichte erst durchdringen. In der Vorbereitung auf den Film setzen sich Lee Unkrich und die Leute von Pixar intensiv mit den Menschen, der Kultur und den Traditionen von Mexiko auseinander. Hierfür stand ihnen neben einer Reihe von mexikanischen Musikern auch ein Stab an Beratern und Experten zur Seite. Zur Idee sagte Unkrich in einem Gespräch mit epd Film, diese sei von ihm gekommen, da er von der Tradition des Dia de las Muertos fasziniert gewesen sei: „Ich wollte mehr darüber erfahren und musste bei meinen Recherchen feststellen, dass es dabei weniger um den Tod geht als um eine Feier des Lebens, besonders um die Familie – im Rahmen einer Wiederbegegnung wird der Kontakt zwischen den Lebenden und den Toten lebendig. Es geht dabei sehr stark um die Erinnerung, um unsere Verpflichtung, die Erinnerung an die Verstorbenen lebendig zu halten, was auch bedeutet, das an die nächste Generation weiterzugeben.“ Auch die Vorstellung, dass ein Toter ganz zu Staub zerfällt, wenn niemand mehr an ihn denkt, entstammte der Mythologie des Dia de los Muertos entnommen, wie die Macher des Films bei ihren Research-Trips in Mexiko erfahren hatten.

Das Kino kann eine gewisse Macht entfalten, wenn es darum geht, regionale Riten und Kulturen in den weltweiten Kanon zu verlagern. Als der James Bond-Zirkus für Spectre in Mexiko City Station machte und zum Tag der Toten eine große Parade quer durch die Stadt inszenierte, fühlten sich die Stadtoberen aus Marketinggründen verpflichtet, nun jährlich einen solchen Umzug durch die Stadt ziehen zu lassen – als Touristenattraktion. Ein ähnlicher Erfolg wird der Pixar-Produktion „Coco“ eher verwehrt bleiben.

Mit „Coco“ immerhin hat sich Pixar zum ersten Mal seit 2015 was Neues ausgedacht. Aktuell arbeiten die Künstler eher an Fortsetzungen erfolgreicher Geschichten: Zuletzt liefen Cars 3 und Findet Nemo 2, als Nächstes kommen „Die Unglaublichen 2“ und „Toy Story 4“.

Der Film ist ein farbenprächtiges Spektakel, mit liebevoller Phantasie bebildert. Das Jenseits ist eine buntere, funkelnde Kopie der Welt der Lebenden, mit Häusern, Theatern und einem Verwaltungsapparat. Der Tod bedeutet hier kein Ende, sondern vor allem eine schmalere Taille: Die Verstorbenen laufen als Skelette umher, ohne Nase, aber mit Augäpfeln. Da kann man eine Weile gut zuschauen. Die Geschichte des Jungen Miguel aber ist arg vorhersehbar, also nie wirklich spannend; selbst die verzwickten Verwandtschaftsverhältnisse, die im Lauf des Films eine entscheidende Rolle bekommen, haben wir im Kinosessel längst aufgedröselt, wenn sie offenbart werden. Es bleibt ein Film aus Pixars Mutterkonzern Disney – das Märchen über einen Jungen, der gegen die sehr strenge Familientradition seinen Weg finden und dann auch gehen muss. Davon ist der Film leider voll. So opulent die Bilder, so raffiniert die erzählerischen Volten, am Ende steht die klassische Disney-Message: Sei Du selbst! Glaub an Dich! Die Ahnen zu ehren und den Nachwuchs in seinen Ambitionen unterstützen, „Dafür ist Familie doch da!“, ruft Miguel verzweifelt.

Die Pixar-Designer haben sich viel Mühe gegeben, der Gegenwelt ein lebendiges Antlitz zu schaffen, die Autoren haben belastbare Geister und befriedigende Bilder gefunden, um die Welt, die Gegenwelt und die Welt der Toten in Einklang zu bringen. Anders gesagt: Pixar hat seine verschiedenen Gewerke blühen lassen – aber nebeneinander, nicht miteinander. Miguels Abenteuer im Jenseits sind bunt, fröhlich, ein bisschen dramatisch, aber für Pixar-Verhältnisse (s.u.) oberflächlich vorhersehbar.

Wertung: 5 von 8 €uro
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