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Plakatmotiv: Adieu Bulle (1975)
Ein lakonischer Großstadt-Western mit
einem melancholischen Lino Ventura
Titel Adieu Bulle
(Adieu Poullet)
Drehbuch Francis Veber
nach dem Roman von Raf Vallet
Regie Pierre Granier-Deferre, Frankreich 1975
Darsteller Lino Ventura, Patrick Dewaere, Victor Lanoux, Julien Guiomar, Pierre Tornade, Françoise Brion, Claude Rich, Michel Peyrelon, Claude Brosset, Gérard Hérold, Gérard Dessalles, Jacques Rispal, Patrick Feigelson, Jean-Yves Gautier, Pierre Londiche u.a.
Genre Krimi
Filmlänge 91 Minuten
Deutschlandstart
29. Januar 1976
Inhalt

Im Wahlkampf in der nordfranzösischen Stadt Rouen wird eine Gruppe von Plakatierern nachts von einem Schlägertrupp überfallen, einer der Plakatierer wird dabei getötet. Ein Polizist, der die Schläger stellen will, wird angeschossen und muss schwer verletzt in ein Krankenhaus.

Nach einer versuchten Geiselnahme durch die Familie des getöteten Plakatierers übernimmt Verjeat, ein angesehener, entschlossener Kommissar, gemeinsam mit dem ihm unterstellten Inspektor Lefèvre die Ermittlungen und muss erkennen, dass der skrupellose Regionalpolitiker Pierre Lardatte derartige Methoden zumindest billigend in Kauf nimmt. Lardatte erkennt seinerseits bald, dass die Situation seine Ambitionen durchkreuzen kann.

Plakatmotiv (DDR): Adieu Bulle (1975)Er versucht über seine Kontakte zu erwirken, dass Verjeat die Ermittlungen wieder entzogen werden. Da dessen Amtsführung jedoch tadellos ist, kann er dies nur dadurch erreichen, dass er Verjeat eine Beförderung verschafft, die eine Versetzung nach Montpellier mit sich bringt.

Verjeat durchschaut das Spiel und inszeniert mit Hilfe des loyalen Lefèvre einen gegen ihn selbst gerichteten Korruptionsverdacht, so dass Richter Delmesse gegen ihn ermitteln muss …

Was zu sagen wäre

Wir sind wie Könige. Allein und frei.“, sagt Inspector Lefevre, als sein Chef, Verjeat, ihn fragt, warum er Polizist geworden ist. Er selbst kann diese Frage auf sich selbst bezogen nicht beantworten: „Ich bin seit 30 Jahren Polizist. Und ich weiß nicht, warum.“ Und als Zuschauer im Kinosessel kann man Verjeats ratlosigkeit leicht teilen: Das Schwarz-Weiß Schema Gut-Böse, für das es sich lohnte, die Welt zu retten, in dem man einfach das Böse bekämpft, ist grau geworden, Kriminelle haben Herz, Polizisten sind korrupt. „Mit Kriminellen umzugehen, ist etwas anderes, als mit Politikern“, belehrt Oberkommissar Ledoux seinen Untergebenen Verjeat und und der antwortet, „Sicher werden Sie mir den Unterschied eines Tages einmal erklären.

Plakatmotiv (Fr.): Adieu Bulle (1975)Das Muster dieses Films ist nicht neu, es gab schon zu Zeiten Humphrey Bogarts den korrupten Spitzenpolitiker, der sich unter dem Deckmäntelchen sozialer Wohltaten alles unter den Nagel reißen will. Aber weil das Thema als solches nicht aus der Welt ist, muss man als Filmkünstler immer wieder davon erzählen. Und wie Pierre Granier-Deferre das tut, ist sehenswert.

Mit Lino Ventura in der Hauptrolle („Der Ehekäfig“ – 1975; „Die Ohrfeige“ – 1974; „Die Filzlaus“ – 1973; „Ich – Die Nummer eins“ – 1973; „Die Valachi-Papiere“ – 1972; „Der Clan der Sizilianer“ – 1969) hat er den knurrigen, harten Hund, der auch mal Ohrfeifgen verteilt und bei der Befragung von Unterweltlern nicht zimperlich ist. Ventura spielt diesen Kommissar Verjeat mit zurückgenommener Körperlichkeit, ohne überflüssige Manierismen – und Granier-Deferre ist geradezu vernarrt in Venturas ausdrucksstarke Augen, Augenbrauen und Stirn. Patrick Dewaere legt seinen Inspektor Lefevre dagegen als Feuerkopf an, jederzeit bereit auszuflippen und den eigenen Ruf zu riskieren.

Eine wichtige Rolle in diesem Stück über Macht und Moral spielt die Stadt Rouen, in der der Film gedreht wurde. In vielen Totalen zeigt sich die Stadt umgeben von einer Smog-Glocke; es ist eine Industrie– eine Arbeiterstadt im Norden Frankreichs, eine Gegend, in der man eher nicht zu hochfliegenden Träumen neigt.

Verjeats Traum ist es, den Lokalpolitiker Lardatte festzunageln. Das ist schon alles. Und weil er schließlich erkennt, dass selbst der härteste Hund auf dem Hof dem wachsweichen Charme der Obrigkeit, in der man immer einen kennt, der einen kennt, der da was machen kann, nicht gewachsen ist, sorgt er dafür, dass die Dinge sich selbst bereinigen. Dann dreht er sich um und geht.

Ein lakonischer Großstadtwestern mit einem melancholischen Helden, einem liebenswerten feuerkopf und einem schmierigen Schurken.

Wertung: 6 von 8 D-Mark
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