Kinoplakat: Noah

Hoher Anspruch, der am
Hollywood-System scheitert

Titel Noah
(Noah)
Drehbuch Darren Aronofsky + Ari Handel
Regie Darren Aronofsky, USA 2014
Darsteller Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ray Winstone, Anthony Hopkins, Emma Watson, Logan Lerman, Douglas Booth, Nick Nolte, Mark Margolis, Kevin Durand, Leo McHugh Carroll, Marton Csokas, Finn Wittrock, Madison Davenport, Gavin Casalegno u.a.
Genre Abenteuer, Drama
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
3. April 2014
Inhalt

Er schuf die die Welt in sieben Tagen. Schon am achten bekam er eine Ahnung, dass sie nicht gut war. Eva aß von der verbotenen Frucht und der Schöpfer vertrieb sie aus dem parades. Seither nähren sich die Nachkommen von Adam und Eva von dem Kargen, was sie der Erde abtrotzen. Es reicht kaum zu Überleben und Bruder tötet Bruder.

Der Schöpfer ist das zügellose und rücksichtslose Gehabe der Menschen leid geworden; er will ihn durch eine Sintflut von der Erde fegen. Doch nicht alle sollen seinem Zorn zum Opfer fallen, um nach der Sintflut mit den Überlebenden einen Neuanfang zu wagen. Noah ist der Auserwählte, der im Auftrag von Gott eine Arche bauen soll, auf der von jeder Art unseres Planeten ein Paar aufgenommen werden soll, um das Überleben dieser Gattung zu sichern.

Noah macht sich mit seinen Söhnen sogleich an die Arbeit, um Gottes Werk zu verrichten. Aber Noah und die seinen sind nicht allein auf Erden. Es gibt auch Tubal-Kain, selbsternannter Herrscher über jene, die übrig sind und Tubal-Kain schreckt auch vor Mord nicht zurück, um sich einen Platz auf Noahs Arche zu sichern.

Und es gibt noch einen anderen Feind: Noah ist überzeugt, dass der Schöpfer alle Menschen vom Erdboden tilgen will – also auch Adoptivtochter Ila und seinen Sohn Shem, die Nachwuchs erwarten …

Was zu sagen wäre

Warum sollte man die Geschichte des Noah auf die Leinwand bringen? Es gibt die Möglichkeit, spektakuläre Sintflut-Bilder in ganz groß zu zeigen; sowas freut die Produzenten. Es gibt auch die Möglichkeit, über Gott und religiösen Wahn zu diskutieren; sowas freut Autoren. Darren Aronofskys „Noah“ ist irgendwas dazwischen oder der vorläufige Beweis, dass man die Geschichte des Noah besser nicht in die Kinos bringen sollte.

Darren Aronowsky ist kein Regisseur für das klassische Summerevent-Movie. Seine Filme sind Dramen über die Abgründe des Menschen (Black Swan – 2010; „The Wrestler“ – 2008; „Requiem for a Dream“ – 2000; Pi – 1998). Sein Drehbuch ist eine interessante Abhandlung über menschliche Untiefen, über religiösen Eifer. Es ist ein sehr akademischer Text, der Noah, den wir immer nur als den Erbauer der Arche kennen, als innerlich zerrissenen Mann zeigt, der bereit ist, für seinen Glauben selbst die eigene Familie zu töten; da ist dieser Text sehr aktuell, ein Kommentar gegen islamistische Selbstmordattentäter, evangelisch-katholische Kreuzritter und alle anderen, die im Namen des Glaubens sich über die Bedürfnisse Anderer hinwegsetzen. 

Und dann kommt das Studio ins Spiel, das den Text ins Kino bringen will. Dazu braucht es große Fluten, große Schlachten, Fantasyelemente wie etwa steinerne Riesen und wie aus dem Nichts wachsende Wälder; und es braucht große Namen. Mit dem Autoren und Oscarpreisträger Darren Aronofsky selbst auf dem Regiestuhl – ein Autorenfilm für 125 Millionen Dollar, der weit über zwei Stunden dauert. Dafür passiert zu wenig.

Die Bedrohung durch den Nachkommen des Brudermörders Kain bleibt Behauptung, denn was soll das für eine Bedrohung sein, wenn alle wissen, dass Gott, der hier konsequent immer „Schöpfer“ genannt wird, Noah und die seinen mit den Tieren auf die Arche bringen wird. Dieser Tubal-Kain, dem Ray Winstone ein vernarbtes Gesicht leiht, wird als Alter Ego Noahs inszeniert, eine Art Anwalt des Zuschauers, der sein Recht als Mensch auf Erden einfordert, unabhängig von unsichtbaren Kräften, die sich ihm nicht offenbaren wollen. Weil dieser Kampf aber entschieden ist, bevor er richtig beginnt – wir wissen ja, wie die Geschichte in etwa ausging – gibt es den einen Sohn Noahs, der sich vom Vater vernachlässigt fühlt, der keine Zukunft für sich sieht, weil da keine Familie sein wird für ihn; Ham ist der Unsicherheitsfaktor im Film, eingebaut, um Spannung zu erzeugen.

Und so schauen wir der bezaubernden Jennifer Connely („Der Tag, an dem die Erde stillstand“ – 2008; „Blood Diamond“ – 2006; Hulk – 2003; A Beautiful Mind – 2001; Pollock – 2000; Dark City – 1998) und der bezaubernden Emma Watson (The Bling Ring – 2013; Vielleicht lieber morgen – 2012; Harry Potter – 2001) als Schmerzensreiche zu – mehr als die Großen Leidenden hat Aronofsky ihnen nicht zu spielen gegeben – und finden Gefallen an der Idee, dass ja gar nicht Adam und Eva aus einem Paradies vertrieben wurden, dessen Tür dann hinter ihnen für immer ins Schloss gefallen ist, sondern dass das Paradies als solches einfach verschwunden ist und die Erde als grauen, tristen Ort zurückgelassen hat.

Aber dann ärgere ich mich darüber, dass Aronofsky der Fernsehästhetik fröhnt und Close-Up an Close-Up klebt, sein großes Drama zum Talking-Head-Gebrabbel macht, damit die wuchtige Physis Russell Crowes (Man of Steel – 2013; 72 Stunden – The Next Three Days – 2010; Robin Hood – 2010; State of Play – 2009; Lebenszeichen – 2000; Gladiator – 2000; Insider – 1999; L.A. Confidential – 1999) und dessen spielerische Möglichkeiten verschenkt und, dass in diesem Kommerzkino der Schöpfer natürlich nicht so streng sein darf, sich also die Happy Ends überschlagen. Vor diesem Hintergrund zerfällt das Drama in all seine albernen Einzelheiten – Noah, der drei bewaffnete Krieger ausschaltet. Methusalem, der ein Flammenschwert in den Boden rammt und Riesen rettet, die auch schon mal explodieren. Beleidigte Verfluchte, die Noah als Verräter schimpfen, wobei sie selber Hochverrat begangen haben. Hunde mit schlecht aufgeklebter Drachenhaut und so weiter und so weiter und Tiere, die pauschal „frei von Sünde sind“, obwohl es eine Schlange war, die das Drama mit dem Apfel einst im Paradies anschob – das wäre mal eine akademische Abhandlung wert gewesen. Furchtbar.

Vielleicht wäre es konsequenter gewesen, für diesen religiös-kritischen Text nicht den Autor auf den Regiestuhl zu setzen. Andererseits: Die Sintflut spülte 363 Millionen Dollar in die weltweiten Kinokassen.

Wertung: 3 von 8 €uro