Kinoplakat: Nightcrawler – Jeder Nacht hat ihren Preis
Jake Gyllenhaal als Mensch 3.0 bietet
einen Blick in die Abgründe der Seele
Titel Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis
(Nightcrawler)
Drehbuch Dan Gilroy
Regie Dan Gilroy, USA 2014
Darsteller Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton, Riz Ahmed, Ann Cusack, Kevin Rahm, Kathleen York, Viviana Chavez, Marco Rodríguez, James Huang, Kent Shocknek, Pat Harvey, Sharon Tay, Rick Garcia, Leah Fredkin, Bill Seward, Michael Papajohn, Rick Chambers, Holly Hannula, Jonny Coyne, Nick Chacon u.a.
Genre Drama
Filmlänge 117 Minuten
Deutschlandstart
13. November 2014
Website nightcrawlerfilm.com
Inhalt

Lou Bloom hat eine sehr eigene Vorstellung vom American Dream – er ist überzeugt, dass die guten Dinge nur zu denen kommen, die sich ehrgeizig den Arsch abrackern. Seinem Motto nach kann man nur die Lotterie gewinnen, wenn man Geld für einen Lottoschein hat. Doch bei Lou will es mit dem Traumjob nicht so richtig klappen, weswegen er sich als Gauner mit kleinen Diebstählen über Wasser hält.

Als er wieder mal trotz kluger Sprüche und druckreifen Selbstmarketings den Job nicht bekommen hat und frustriert durch die nächtlichen Straßen Los Angeles' kurvt, sieht er, wie zwei Polizisten versuchen, einen Menschen aus einem brennenden Auto zu holen. Umringt sind die Polizisten von Kameraleuten, die das filmen, ohne zu helfen. Als Lou dann auch noch erfährt, was TV-Sender für solche Aufnahmen zahlen, kennt er den Weg, auf dem er sich ehrgeizig den Arsch abrackern will.

Bewaffnet mit einer Videokamera hört er den Polizeifunk ab, lernt die Polizeicodes auswendig, um Bagatelldelikte von Schießereien, Überfällen oder Bränden unterscheiden zu können, macht Aufnahmen von Unfällen, Verbrechen, Mord und verkauft sie an einen lokalen TV-Sender. Die dortige Nachrichtenchefin Nina ist begeistert von dem Material, lobt Lous speziellen Blick und motiviert ihn, weiterzumachen, „bringen Sie mir eine schreiende Frau, die mit durchschnittener Kehle die Straße runterläuft“.

Lou lernt schnell, auf den Kopf gefallen ist er nicht. Bald arrangiert er Tatorte und Schwerverletzte so um, dass er das perfekte Bild drehen kann, das, welches den Zuschauer „emotional packt“. Chaos und menschliches Leid werden in dem Blut-und-Tränen-Business des „Nightcrawling“ in bare Münze umgerechnet.

Angetrieben von einem Drang nach Anerkennung und Erfolg steigt Lou mit immer zwielichtigeren Methoden weiter in den Abgrund, manipuliert, arrangiert – und räumt unliebsame Konkurrenten aus dem Weg …

Was zu sagen wäre

Wäre das ein weiterer Film über die skrupellose Macht der Einschaltquotengeilen Medien, wäre es ein langweiliger Film – nicht schon wieder. Darum geht es in diesem Film nur als MacGuffin – jenem Hitchcock-Konstrukt, dass eine Handlung ans Laufen bringen soll.

Ohne Jake Gyllenhaal wäre es einfach nur ein Medienfilm

Dieser Film ist Jake Gyllenhaal (Source Code – 2011; „Brokeback Mountain“ – 2005; The Day After Tomorrow – 2004; Moonlight Mile – 2002; „Donnie Darko“ – 2001). Gyllenhaal drückt diesem Nightcrawler, diesem Lou, der Atmosphäre des Films seinen Stempel auf. Das Business der Bilderjäger ist in den Metropolen Amerikas sehr viel ausgeprägter, als dieser Film das zeigt, in dem es neben Lou nur einen Konkurrenten gibt, aber Dan Gilroy, der bisher als Drehbuchautor in Erscheinung getreten ist (Das Bourne Vermächtnis – 2012; Real Steel – 2011), will in seinem Regie-Erstling ja, wie gesagt, keinen Medienfilm machen, ihn interessiert, was für Typen solche Jobs machen und in welcher Welt sie sich bewegen – es ist eine abgefuckte Welt, in der lokale TV-Stationen nur noch dann Zuschauer vor den Fernseher ziehen, wenn sie blutende Leichen zeigen, die „schreiende Frau, die mit durchschnittener Kehle die Straße runterläuft“ – alles andere hat das Internet ihnen weggefressen.

Gilroys Los Angeles ist auf unheimliche Art entvölkert. Zu Beginn zeigt er uns lauter Totalen der Stadt, ohne einen einzigen Menschen. Dabei setzt er die handliche Digitalkamera ein, die scharfe, hart konturierte, kalte Bilder ermöglicht und so die Seelenlosigkeit der Stadt unterstreicht. Und er baut sie meistens auf den Dolly oder ins Steadycam-Geschirr.

Der Reporter als Vertreter einer Menschheit 3.0

Schließlich sehen wir Lou Bloom, der einen Wachmann zusammenschlägt und ihm die Uhr klaut. Schon in dieser ersten Szene ist nichts mehr Nettes an dem stets so sympatschisch wirkenden Jake Gyllenhaal, ausgemergelt, fettige Haare, kein Schulabschluss, hängt den ganzen Tag am Computer; die einzige Beziehung, die er hat, ist die zu seiner Zimmerpflanze, die er liebevoll wässert. Freunde hat er nicht in dieser entvölkerten Stadt, sprechen gelernt hat er, so wie er klingt, vor dem Rechner. Bei seinen ganz und gar untauglichen Bewerbungen spricht er von „richtigen Gelegenheiten“, „Chancen, die sich bieten“, über „Ziele, die ich mir setze und Sie mir mir“, betont mit aufrichtiger Inbrunst Kalendersprüche aus dem Motivationsseminar, die er auf irgendwelchen Websites gelernt hat. Er ist mehr C3-PO als Mensch.

Vom richtigen Leben unter richtigen Menschen hat dieser Lou ganz offensichtlich keine Ahnung – Karriereschritte sind beim ihm „das nächste Level“, wie in einem Computergame. Und in einem Game geht alles, was ihm einprogrammiert ist. Lou sieht das Leben als Computergame – in dem alles geht, woran er nicht gehindert wird. Der einzige Kontakt zu einer Frau, den er hat, ist der zur Nachrichtenchefin Nina, die er mit dem Versprechen, ihre Nachrichten zu höherer Quote und ihren Job damit zu retten, ins Bett zwingt; die großartige Rene Russo (Thor– 2011; Die Thomas Crown Affäre – 1999; Kopfgeld – 1996; Outbreak – Lautlose Killer – 1995; In the Line of Fire – 1993; Lethal Weapon 3 – 1992) spielt diese Nina als Frau jenseits moralischer Illusionen, die ahnt, was einer Frau ihren Alters noch bleibt und darüber die lezten Krümel Selbstachtung zusammenzuhalten versucht. Es passt zu diesem Film, das Dan Gilroy den Sex in einem Nebensatz abhandelt – kuschlige Bettszenen und seien sie noch so gewaltätig passen nicht ins Bild dieses Films.

Die falsche Oscar-Nominierung

Gyllenhaal verschwindet völlig hinter der Rolle des Lou, der in einem Wimpernschlag von Bedrohung zu Sonnenschein wechselt, von der dämonischen Physiognomie, die an den jungen Al Pacino erinnert, zu gewinnendem Lächeln; sein Wahnsinn ist nicht Kino, nicht abwegig, auch wenn wir sein albernes Marketingsprech dechiffrieren, hängen wir doch an seinen Lippen, möchten ihm jedes Wort glauben, wenn er über seine „Zielen“ schwadroniert – ein Vertreter der Menschheit 3.0, nur sich selbst und seinen Zielen verpflichtet, ohne Empathie, ohne Skrupel – sein eigener Avatar, der Erfolgspunkte sammelt, um zusätzliche Leben zu generieren, indem er andere Avatare vernichtet; er arrangiert Tatorte um, hält Beweismittel zurück, deckt Mörder, bis er sie an kameratauglicher Position von den Cops erschießen lassen kann.

Das Drehbuch dieses Films ist für einen Oscar nominiert. Da haben die Damen und Herren der Acadamy offenbar was verwechselt oder haben sich blenden lassen. Das Buch ist klug geschrieben, variiert die These, dass Du nur skrupellos genug sein musst, um in der modernen Voyeur-Gesellschaft zu gewinnen, ist als Oscar-Kandidat aber kaum mehr als eine höfliche Geste; Jake Gyllenhaal ist es, der das Buch – und damit den Film – zum Fliegen bringt.

Wertung: 7 von 8 €uro