Plakatmotiv: Wild
Wolf meets Girl
Liebe in Deutschland
Titel Wild
Drehbuch Nicolette Krebitz
Regie Nicolette Krebitz, Deutschland 2016
Darsteller Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Nelson, Cossa, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl, Kotti Yun, Laurie Young, Joy Maria Bai, Pit Bukowski, Benedikt Lay, Tamer Yigit, Hayder Yilmaz, Frowin Wolter, Anne-Kathrin Gummich u.a.
Genre Drama
Filmlänge 97 Minuten
Deutschlandstart
14. April 2016
Website wild-film.de
Inhalt

Ania ist verblüfft, als ihr mitten im Stadtpark eines Tages ein Wolf vor die Füße läuft. Nachdem sie einmal Augenkontakt mit dem wilden Tier hatte, kommt ihre bisherige Existenz ihr plötzlich nichtig und sinnlos vor. Die Begegnung mit dem wilden Tier löst in Ania eine starke Anziehung aus. Ihre Gedanken kreisen zunehmend um den Wolf, dem sie sich allmählich anzunähern versucht, indem sie etwa nachts heulend nach ihm ruft, ihm Fleisch oder sogar lebende Kaninchen als Futter kauft.

Sie beschließt, den Wolf zu sich zu holen; tatsächlich gelingt es ihr, das Tier zu betäuben und in ihre Wohnung zu bringen.

In ihrer Wohnung in einem der zahlreichen Stockwerke eines Hochhauses sperrt sie den Wolf ein. Mit ihm in ihrem Leben setzt sie sich zunehmend über gesellschaftliche Grenzen und Zwänge hinweg. Doch das wirkt sich nicht nachteilhaft auf ihr Leben aus. Im Gegenteil: Insbesondere ihr Vorgesetzter, Boris, ist von dem Wandel, der mit Ania vor sich geht, angetan …

Was zu sagen wäre

Anias Welt ist eine kleine. Sie lebt in Halle, in beengten Verhältnissen. Nicolette Krebitz (Bandits – 1997) inszeniert ihre Hauptdarstellerin in vollgestellten Räumen, filmt sie durch Glaswände, alles ist eng, selbst in den wenigen Totalen engen Bäume oder Kiesboden das Blickfeld ein. Charakterlose Straßenzüge reihen sich aneinander, ohne eine Stadt zu ergeben. Leidenschaftslose Menschen treffen aufeinander, ohne eine Gesellschaft zu ergeben. Gesprochen wird nicht viel. Die wenigen Dialoge dienen mehr atmosphärischer Einordnung denn storyentwickelnder Dramaturgie.

Kurz: Anna ist einsam, bewegt sich durch ihren Tag wie ferngesteuert. Eine lange Busfahrt, ein Agenturjob, der vor allem aus Kaffeeholen besteht, einsame Abende im Schlafstadtturm. Wenig scheint sie zu berühren. Sie wirkt wie eine Schlafwandlerin, die schon ewig darauf wartet, geweckt zu werden. Beim Weg zur Arbeit sieht sie einen Wolf und ist fortan wie hypnotisiert. In der Welt der langweiligen Kollegen und Chefs, die die IT-Spezialistin ignorieren, ist des Menschen Wolf der Wolf. Konsequenterweise holt sich Ania den einzig wahren Wolf.

Begehren, Hoffnung, Abenteuerlust - all das ist nach einem kurzen Blick in die gelben Augen des Wolfs geweckt. Ania wirkt so glücklich wie noch nie. Ob sie jemand kennengelernt habe, fragt ihr Chef Boris sie. Ja. Und was macht der Neue so? Na, gut aussehen. Vom Reden hat die Frau die Schnauze voll, Worte hat die IT-Spezialistin aus einer unwichtigen Werbeagentur längst als Lüge entlarvt.

Kaum ist der Wolf in ihrem Leben und lässt im Zuschauer allerlei Metaphern über Frau und Natur, Rotkäppchen und der Wolf und andere Märchen-Bilder aufpoppen, sorgt Krebitz dafür, dass Ania jetzt auch mit den Menschen besser zurecht kommt. Ein Traum, in dem sie der Wolf oral befriedigt, wird Voraussetzung dafür, dass sich Ania auf die Avancen ihres Chefs einlassen kann.

Ein Schauspielerfilm. Lilith Stangenberg durchlebt glaubhaft intensiv die Wandlung zur Wofsfrau, die nach und nach alle menschlichen Bindungen löst und zum Tier wird. Ein interessantes Experiment. Krebitz' souveräne Regie und ihre spärlichen Dialoge verleihen dem Film im Unglaublichen ein hohes Maß Erdung. Und Lilith Stangenberg darf ihre ganze Bandbreite schauspielerischer Kunst austoben.

„Wild“ ist eine interessante Phantasie, ein beachtliches Experiment im Erzählkino. Strange, nicht durch und durch nachvollziehbar, aber cineastischer Solitair im deutschen Kino.

Wertung: 5 von 8 €uro