Kinoplakat (US): Mission: Impossible – Rogue Nation
Alpha gegen Omega, Yin gegen Yang
Das IMF findet seinen dunklen Spiegel
Titel Mission: Impossible – Rogue Nation
(Mission: Impossible – Rogue Nation)
Drehbuch Christopher McQuarrie + Drew Pearce
nach Motiven und mit Charakteren der TV-Serie, geschrieben von Bruce Geller
Regie Christopher McQuarrie, USA, Hongkong, China 2015
Darsteller Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Rebecca Ferguson, Ving Rhames, Sean Harris, Simon McBurney, Jingchu Zhang, Tom Hollander, Jens Hultén, Alec Baldwin, Mateo Rufino, Fernando Abadie, Alec Utgoff, Hermione Corfield u.a.
Genre Action
Filmlänge 133 Minuten
Deutschlandstart
6. August 2015
Inhalt
Das IMF ist auf die Abschussliste der US-Regierung geraten. Zu oft hatten die Agenten eigenmächtig gehandelt und diplomatische Katastrophen ausgelöst. Jetzt ist es offiziell aufgelöst. Ethan Hunt wird zum Outlaw, denn seit der letzten Missionist er untergetaucht, jagt eigenmächtig „das Syndikat“, eine Geheimorganisation, die weltweit Terror entfacht, von der nur offenbar niemand etwas weiß – außer Hunt. Aber bevor der handfeste Beweise beibringen kann, ist nicht nur das IMF aufgelöst. Auch Hunt ist gefesselt in einem Keller seinen Folterknechten ausgesetzt. Das „Syndikat“ war schneller. Dass er frei kommt, verdankt er Ilsa Faust, einer Doppelagentin des MI6, die sich in die Organisation eingeschlichen hat.

Monate später in Wien: Nach einem Atentat auf den österreichischen Bundeskanzler, das Hunt nicht verhindern konnte, trifft er wieder auf Ilsa Faust, die ihn und Benji, den Hacker seines Teams, nach Marokko lockt, wo sie eine hochgeheime Datei aus einem unterirdischen Komplex stehlen sollen.

Der Plan gelingt, doch Ilsa hintergeht die beiden und flieht mit dem verschlüsselten USB-Stick. In dem Glauben, darauf befänden sich die Netzwerke und Klarnamen des „Syndikats“, übergibt sie den Stick dem MI6-Chef. Aber der spielt ein doppeltes Spiel, zwingt Ilsa zurück ins „Syndikat“ zu dessen Boss Solomon Lane mit dem klaren Auftrag, Hunt zu töten, um Solomon ihre Loyalität zu beweisen.

Ethan Hunt, ehemaliger Top-agent des US-Geheimdienstes, trommelt seine versierte Truppe zusammen, um der planerischen Brillanz des Geheimbundes seine eigene entgegenzustellen  …

Was zu sagen wäre
Was für eine schöne Überraschung. Der vierte Aufguss entpuppt sich als der emanzipierteste der Serie – entspannt, wendungsreich, witzig und selbst Tom Cruise ist unverkrampft bei der Sache. Es gehört zur Grundausstattung dieser Filme, dass die Story logiktechnisch im Fitnessstudio entsteht – dauernd wird gerannt, gesprungen und geprügelt. Dieser hier ist auf der Straße entstanden – es wird gerannt, gerast, geschossen und geprügelt. Vieles davon in der physikalischen Realität.

Der spezielle Look für die große Leinwand

„Rogue Nation“ hat einen besonderen Look, der erst nicht auffällt, wenn zum Titelvorspann die Geschichte aus dem Trailer abgehandelt wird, in der Ethan Hunt draußen an einem Flugzeug hängt. Da ist viel Pixeltechnik im Einsatz, ganz wie zu erwarten war. Unterlegt mit schönen Landschafts- und Action-Totalen, garniert mit witzigen Zwischenschnitten setzt dieses Intro den Ton für die folgenden zwei Stunden Kino, deren spezieller Look daher rührt, dass die Filmcrew eben nur selten auf die Pixeltechnik zurückgreift. Das meiste ist handmade Action – im Mittelpunkt eine Motorradjagd durch Marokko, die so dynamisch gefilmt ist, dass ich mich endlich mal wieder am Sitz festkralle im Kino – auch wenn die Zwischenschnitte auffallen, die doch vor Green Screen gedreht wurden oder in die noch einige Lkw als zusätzliche Hindernisse bei der Raserei eingebaut worden sind; sie nehmen aber dem Gedsamteindruck nichts von seiner rasenden Eleganz.

Im Zentrum des Films steht der schon im Trailer weidlich ausgeschlachtete SuperMegaPower-Tresor mit Wasserkühlung, in den Ethan Hunt eintauchen und binnen drei Minuten einen Chip austauschen muss, andernfalls Klappe zu, alle tot, Welt unterjocht. Die Sequenz ist eine zu lang geratene Verbeugung vor Brian De Palmas Tresor aus dem ersten Mission: Impossible-Film (1996), bei der ich Zeit habe, darüber nachzudenken, dass Tom Cruise die Rolle jetzt auch schon seit 19 Jahren spielt. Ethan Hunts Großvater, James Bond, wurde in der Zeit von drei Schauspielern gegeben.

Zwei neue Gesichter

Der Bond-Vergleich ist erlaubt. Nicht nur die mondänen Schauplätze und die Action im Smoking nötigen ihn auf. Regisseur Christopher McQuarrie wechselt bei seiner erst dritten Regiearbeit (nach Jack Reacher – 2012 – und „Way of the Gun“ – 2000) auch die Schauplätze in bester James-Bond-Manier – Washington, Wien, Havanna, Paris, Casablanca in einem Fingerschnippen – und er gönnt uns viel freie Sicht. Das ist erwähnenswert, weil sich Produzenten gerne auf die lukrative DVD- und TV-Auswertung konzentrieren, für die wegen kleinerer Bildschirme Großaufnahmen besser geeignet sind. McQuarrie nutzt die Möglichkeiten, die ihm die Leinwand schenkt, weidlich.

Das bekannte Personal ist um zwei Gesichter ergänzt. Alec Baldwin (Still Alice – 2014; Blue Jasmine – 2013; To Rome with Love – 2012; Departed – Unter Feinden – 2006; …und dann kam Polly – 2004; Pearl Harbor – 2001; Das Mercury Puzzle – 1998; Auf Messers Schneide – 1997; Das Attentat – 1996) gibt als CIA-Chef eine Variation seiner vielen knarzigen, zwischen jovialer Freundlichkeit und boshafter Intriganz changierenden Boss-Charaktere. Rebecca Ferguson, die Erfahrung aus TV-Arbeiten in ihrer schwedischen Heimat mitbringt und im Kino als smarte Prinzessin neben Dwayne Johnson in Hercules (2014) hatte, spielt die – wieder – neue Frau nach Paula Patton, Thandie Newton und Emmanuelle Béart. Hunts am Ende von Teil III versteckte Ehefrau, die von Michelle Monaghan gespielt wurde, wird gar nicht mehr erwähnt. Rebecca Ferguson ist ein interessantes Gesicht für die Kamera. Die 32-Jährige wechselt mühelos zwischen schmollmündigem Mädchen und erwachsener, vom Leben vernarbter Frau. Das Rätselhafte ihrer Figur nehme ich ihr gerne ab.

Zu spannend und zu witzig, um nachdenken zu können

Auch zur Grundausstattung solcher Filme gehört, dass man über die innere Logik der erzählten Geschichte besser nicht allzu laut nachdenkt. Es gehört nachgerade zum Qualitätsmerkmal, ob ein Film dieses Genres es dann schafft, mich am Nachdenken zu hindern, während ich im Kinosessel sitze oder ob er so doof ist, dass ich laut schreiend aufwache. Dieser hier lässt mich die Fragen erst auf dem Nachhause-Weg stellen
- wie es eigentlich sein kann, dass in ein Opernhaus, in dem ein Europäischer Staatschef zu Gast ist, gleich drei schwer bewaffnete Killer unentdeckt herumlaufen können?
- wer sich eigentlich einen so albernen und kostenintensiven Tresor ausdenkt?
- wie oft die IMF eigentlich noch vor ihrer Auflösung steht?

Es ist nicht so, dass diese und ein paar weitere Fragen nicht die ganze Zeit auf der Hand liegen. Während sie da liegen, ist aber der Film wahlweise so spannend oder so witzig, dass ich keine Zeit für sowas habe. Einzig die Frage nach der Motivation des Schurken bremst mich im Kinosessel aus. Dessen Plan ist schon arg elaboriert und auf menschliche Schwächen ausgelegt – „Sie wussten von Anfang an, dass es hier an diesem Tisch enden würde. Richtig?“ „Richtig!“ Da muss ich viele Augen zudrücken. Und dass der so überaus kontrollierte, sehr intelligente, nichts dem Zufall überlassende Solomon Lane eine offensichtliche Doppelagentin in seinen Reihen zweimal nicht tötet, mutet mir schon einen arg hohen Spieleinsatz ab. Dazu kommt die etwas verworrene Strategie des MI6-Chefs.

Andererseits – und weil mich die Fragen während des Films ja nicht groß gestört haben: „Verworren“ gehört auch zur Grundausstattung solcher Filme.

Wertung: 6 von 8 €uro