Plakatmotiv: Casablanca (1942)
Großes Melodram mit einem
sehr emotionalen Bogart
Titel Casablanca
(Casablanca)
Drehbuch Julius J. Epstein + Philip G. Epstein + Howard Koch + Murray Burnett + Joan Alison + Casey Robinson
Regie Michael Curtiz, USA 1942
Darsteller Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Rains, Conrad Veidt, Sydney Greenstreet, Peter Lorre, S.Z. Sakall, Madeleine Lebeau, Dooley Wilson, Joy Page, John Qualen, Leonid Kinskey, Curt Bois u.a.
Genre Drama, Romantik
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
29. August 1952 (bearbeitete Version)
Inhalt
Casablanca während des zweiten Weltkriegs: Frankreich ist von der deutschen Wehrmacht erobert und teilweise besetzt, nicht dagegen das französische Protektorat Marokko, das zu Französisch-Nordafrika gehört und damit durch das Vichy-Regime verwaltet wird. Viele fliehen nach Casablanca, um dort einen Flug ins neutrale Lissabon zu ergattern, von wo aus sie hoffen, weiter nach Amerika gelangen zu können. Die meisten der Flüchtlinge gelangen allerdings nicht über Casablanca hinaus, da der französische Polizeichef Capitaine Louis Renault mit den Deutschen zusammenarbeitet und Transit-Visa nur gegen Bezahlung mit hohen Geldbeträgen oder Sex erteilt.

Eines Tages werden zwei deutsche Offiziere ermordet und die Transit-Visa gestohlen, die sie bei sich getragen haben, wonach die Polizei alle verdächtigen Personen (insbesondere Flüchtlinge und nach Casablanca Emigrierte) verhaftet und auf ihre Papiere untersucht.

Der deutsche Major Strasser reist in Casablanca ein. Grund seines Aufenthalts ist der tschechische Widerstandskämpfer Victor László, der den Nazis schon mehrmals entkommen ist, ebenso berühmt wie einflussreich und nunmehr auf dem Weg nach Casablanca. László will sich mit seiner Frau Ilsa Lund nach Amerika absetzen.

Der vom Amerikaner Richard „Rick“ Blaine betriebene Nachtclub Rick’s Café Américain ist Treffpunkt vieler Emigranten in Casablanca. Rick hat in den 1930er-Jahren Waffenschmuggel für das von Italien angegriffene Äthiopien betrieben und auf der Seite der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Inzwischen ist er jedoch ein desillusionierter Zyniker geworden, der „kein Interesse daran hat, für andere den Kopf hinzuhalten“. Da der korrupte Renault, der mit den Deutschen zusammenarbeitet, Transit-Visa nur gegen Bezahlung mit hohen Geldbeträgen oder Sex erteilt, gibt es auch zwielichtige Gestalten wie die Italiener Ugarte und Ferrari, die Visa gegen geringere Geldbeträge auf dem Schwarzmarkt anbieten.

An dem Abend, an dem Ugarte, der von der Polizei bereits als Mörder der deutschen Offiziere ermittelt worden ist, verhaftet werden soll, bittet dieser Rick, für ihn die Transit-Visa aufzubewahren, bis die Aufregung sich gelegt habe. Ugarte wird kurz darauf durch Renaults Leute festgenommen und kurze Zeit später getötet. Die Visa bleiben unentdeckt.

László benötigt zwei Transit-Visa und sucht mit Ilsa Ricks Lokal auf. Ilsa ist eine ehemalige Geliebte Ricks. Die beiden haben sich ein Jahr zuvor in Paris kennengelernt und haben eine leidenschaftliche Affäre gehabt. Bis Ilsa Rick mit ein paar dürren Zeilen im Regen stehen ließ, nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen war und hatte ihn wissen ließ, dass sie nicht mit ihm gehen könne.

Überall in Casablanca versucht László, Transit-Visa aufzutreiben. Als ihm geraten wird, es bei Rick zu versuchen, bietet er diesem für die Dokumente 200.000 Franc. Rick, wegen Ilsa gekränkt, weigert sich zu helfen …

Was zu sagen wäre

„Louis, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ – famous last words, einer der berühmteste letzten Sätz eines Kinofilms. Claude Rains krönt damit eine wunderbare Arbeit, die er als Polizeipräfekt zwischen schmierigem Charme und gnadenloser Korruption abliefert; die Figur des Capitaine Renault ist eine prägende dieses Films. Produzent Hal B. Wallis und sein Regisseur Michael Curtiz vollführen hier die gehobene Kunst des Melodrams, in ihrem Casablanca stößt Weltpolitik auf den Mann von der Straße, werden Krieg und Frieden vor dem Hintergrund romantischer Liebe und feigen Verrats verhandelt. Im Grunde sind es Menschen wie Du und ich.

Dieser Rick Blaine, dem das Café Americain gehört, ist einer, der in einer fernen Vergangenheit mal mit Rebellen gegen Diktatoren und/oder Faschisten gekämpft hat, heute als Wirt aber nur dafür bekannt ist, niemals mit seinen Gästen zu trinken, einer, der am liebsten in Ruhe gelassen werden, Trubel nach innen genießen will; das kennen die meisten Männer unter den Zuschauern aus dem eigenen Leben. Und dass Frauen aus einst stolzen Widerstands-Männern wimmernde Wracks mit Whisky zu machen pflegen, auch das ist – unter Männern – eine Binsenweisheit. Dass für diese Rolle Humphrey Bogart der erste Ansprechpartner war, überrascht, wenn man zunächst seine bisherigen Rollen durchblättert, die das Warner-Studio ihm auftrug: Kriegshelden, Killer, Kleptomanen – als romantischer Liebhaber schien Humphrey Bogart nicht zu taugen. Deswegen haben die Männer aus Produktion, Regie und Drehbuch-Team ihren Rick auch so gar nicht erst angelegt.

Humphrey Bogart sieht aus, als sehe er einen Geist, als er, nachdem er gerade erst seinen Freund und Pianisten Sam zurechtgewiesen hat, „dieses Lied“, was Sam gerade spielt, nicht mehr zu spielen, in Ilsa Lunds Augen blickt. Das ist nur Auftakt zu einer ganzen Reihe von wunderbaren Mann-mit-gebrochenem-Herzen-Miniaturen, die Bogart uns anbietet. Er stellt sich als perfekte Besetzung für dieses Melodram heraus. Gerade sein Image als Mann, für den Frauen allenfalls eine andere Form von Männern sind, erzeugt die Fallhöhe der Figur Rick.

Dieser Rick Blaine ist der klassische Typ sitzengelassener Mann, der nicht darüber hinweg kommt, seiner Großen Liebe nicht noch die abschließende Meinung gesagt zu haben. „Uns bleibt immer Paris“, sagt Blaine am Flughafen, als er seine Ilsa ins Flugzeug schiebt, ihrem Victor, dem Freiheitskämpfer und Ehemann, hinterher. „Wir hatten es nicht bis gestern Abend!“, was wohl im bigotten Hollywood die platte Umschreibung ist für „Mir, Rick, gehörtest Du, Ilsa, nicht, bis ich Dir gestern Abend endlich zeigen konnte, wo der Hammer hängt! Nun magst Du gehen.“ Das ist eine zynische Haltung diesem großen amerikanischen Helden gegenüber?

Das ist nicht zynisch. Das ist mehrheitsfähig. Die Auffassung, der durschnittliche Mann lasse sich von seinem Genital steuern, teilen sogar viele Männer – manche mit stolz geschwellter Brust. Das ist auf jeden Fall weitaus sympathischer (und näher dran), als das Bild eines Mannes, der für einen weit entfernten militärischen Konflikt auf die Liebe seines – persönlichen, endlichen, unwiederholbaren – Lebens verzichtet und Ilsa ziehen lässt; als Jesus, der sich opfert für die Sünden der Welt, taugt Humphrey Bogart dann doch nicht recht. Aber als Mann, der sich über den Beischlaf mit einer Frau von einem durch diese Frau verursachten Trauma befreit, erweist sich dieser Schauspieler als erste Wahl, facettenreich spielt er den Loner, der seinem moralischen Kompass folgt. Dieser Rick Blaine ist wie extra erfunden für Humphrey Bogart.

Der auffällig kleine Bogart mit seinen dunklen Augen, den schiefen, leicht als Hasengebiss zu verunglimpfenden Zähnen und dem fliehenden Haar ist nicht die geborene Heldenfigur. Typen wie er sind im Hollywood der 1940er Jahre festgelegt auf das, was Bogart auch eine lange Weile spielte: der Killer aus der zweiten Reihe, der beim ersten Shoot Out irgendwo im Bild-Hintergrund umfällt. Trotzdem folgte eine, man möchte fast sagen: metaphysische Karriereleiter, bei der wir Bogart nacheinander als Leader einer Gang sehen (Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern), als Bandenchef (Oklahoma Kid – 1939) und schließlich als veritabler Kriegsheld (Abenteuer in Panama – 1942). Und schon mit seinem nächsten Film, eben: „Casablanca“, erweitert er sein Rollenspektrum auf den Liebhaber – aber den ohne rosa Wolken. Dafür mit Vergangenheit – und zwar einer dunklen, glaubt man den kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern von Director of Photography Arthur Edeson.

„Casablanca“ ist kraftvolles Abenteuerkino: ein Held, der zum Helden wird, weil er innere Dämonen überwindet; ein selbstsüchtiger Froschfr … Franzose, der im entscheidenden Augenblick sein zynisches Mundwerk im Zaum hält, die Liebeserklärunng eines Mannes an einen anderen (siehe oben). Und das alles, damit ein ungarischer Freiheitskämpfer Adolf Hitler einen Tritt vors Schienbein verpaasst.

Wertung: 5 von 6 D-Mark