Kinoplakat: Deadpool
Grandiose Action-Comedy mit
fragwürdigen Zwischentönen
Titel Deadpool
(Deadpool)
Drehbuch Rhett Reese + Paul Wernick
nach Charakteren es Marvel-Comics von Fabian Nicieza + Rob Liefeld
Regie Tim Miller, USA, Kanada 2016
Darsteller
Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano, Andre Tricoteux, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Jed Rees, Karan Soni, Michael Benyaer, Stefan Kapicic, Style Dayne, Kyle Cassie, Taylor Hickson, Ayzee, Naika Toussaint, Randal Reeder, Isaac C. Singleton Jr. u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
11. Februar 2016
Website deadpool.com
Inhalt

Wade Wilson ist kein Held. Der ehemalige Special-Forces-Mann lässt sich als Söldner für dubiose Aufträge anheuern. Der Zyniker hat niemanden in seinem Leben – bis er Vanessa trifft. In der Prostituierten findet er eine Seelenverwandte und endlich die Hoffnung auf ein normales, glückliches Leben. Schön – so weit. Blöd aber, dass er Krebs hat … hat er eben erfahren. So unterzieht er sich einem riskanten Experiment im Labor des skrupellosen Ajax. Danach ist er so gut wie unkaputtbar – zwar kann er verletzt werden, sein Körper aber heilt die Verletzung in Nullkommanichts. Das ist toll.

Weniger toll: Er sieht jetzt hässlich aus, vernarbt, entstellt, „unfickbar“ nennt er das selbst – so will er seiner Freundin, der Prostituierten Vanessa Carlisle, nicht mehr vor die Augen treten. Also schlüpft Wade in einen rot-schwarzen Anzug mit Maske und versucht als „Deadpool“, Ajax dazu zu bringen, ihn wieder hübsch zu machen.

Hilfe bekommt er von zwei X-Men, dem Metallmann Colossus und Negasonic Teenage Warhead, eine junge Frau mit explosiven Fähigkeiten. Allerdings geht Deadpool auf seiner Mission anders vor als andere Menschen mit Superkräften.

Von dem alt eingeführten Grundsatz Große Kraft-Große-Verantwortung oder diesem Niemals-töten hält er wenig …

Was zu sagen wäre

Einmal sagt Deadpool zu der sehr jungen X-Frau Negasonic Teenage Warhead, sie erinnere ihn an „Ripley in Alien 3“; darauf sieht sie ihn etwas ratlos an und sagt dann: „Mann, bist Du alt!“ Ich glaube, dahinter verbirgt sich – auf irgendeiner Meta-Ebene – der Grund, weswegen ich Schwierigkeiten mit dem Film habe.

Ich bin vielleicht zu alt, um über gewisse Comic-Exaltiertheiten noch unbefangen lachen zu können. Ich habe viel gelacht bei „Deadpool“, so viel wie lange nicht mehr im Kino. Der Film ist unterhaltsam, spaßig und im Marvel-Kino-Universum, in dem es weit spießiger zugeht, als in manchen der Comicvorlagen, ein echter Leuchtturm. Aber dann erschießt Deadpool den unbewaffneten, bezwungen am Boden liegenden Schurken. Darauf läuft die ganze Szene hinaus, eine andere Auflösung kann es nicht geben; zudem besitzt es auch einen gewissen Charme, dass ausgerechnet der X-Man Colossus, ein Russe(!), dem amerikanischen Titelhelden die Moral der (ur-amerikanischen) Superhelden nahezubringen versucht, um ihn vom Schuss abzuhalten. Aber Deadpool schießt, und ein Drittel der Zuschauer im Saal johlt, viele applaudieren. Und, ja! Der Typ war ‘n Arsch. Aber ich tue mich gerade schwer mit so Leinwand-Vorbildern, die – in einer schwarzhumorig berstenden Actioncomedy – Selbstjustiz üben. Plötzlich brechen Realitäten in mein Kinoverständnis, die da nicht hingehören sollen – schon gar nicht in eine Comic-Verfilmung.

Enthemmt Realität – Enthemmtes Kino

Ich denke plötzlich an den enthemmten, aus der Anonymität des world wide web kommenden Hass, der einem seit Wochen in den Sozialen Netzwerken entgegenspringt. Ich denke an den Radfahrer, der mir, dem Autofahrer, in der engen Straße entgegenkommt und mich anspuckt, weil ich ihm wohl nicht weit genug rechts fahre. Mir fällt der Autofahrer ein, der gegen die Einbahnstraße fährt und, darauf angesprochen, „FICK DICH, DU SPIESSER!“ aus dem Auto brüllt. Das im dunklen, die Anonymität wahrenden Kinosaal johlende Publikum, als Deadpool den Mann erschießt, hatte gewiss einfach nur – wie ich – Spaß am Film. Keiner wird morgen den Filialleiter des örtlichen Supermarktes verprügeln, weil die bevorzugte Biersorte aus ist. Ich bin so sozialisiert worden, dass mir bei der Schussszene das befreiende Lachen noch im fröhlichen Hals stecken bleibt – Freude an der gelungenen Inszenierung der Szene, aber eben … „Ooopss, holla, das war hart!“ 

Interessanterweise ist ja Deadpool als Comicfigur in den 1990er Jahren erdacht worden. Da war er alles andere als ein Kommentar zur damaligen Zeit – was man dem heutigen, dem im Kino, durchaus unterstellen kann. Er war einfach nur die nächste Eskalationsstufe. Wo sollte es denn noch hingehen mit den Superhelden? Die kämpften sich seit 50 Jahren durch ihre Heftchen und waren die meiste Zeit wohlanständig, sagten ihr Töten-ist-böse-Mantra auf und verloren ihre Leser an jene echte Realität, die das Erwachsenwerden, eine Familiengründung, der Alltag eben so mit sich bringt.

Die Helden tauschten Moral gegen Alkohol gegen harte Drogen

Also gab es dann bei den „Avengers“ einen Helden, der seine Frau schlug, um das Thema „Gewalt in der Ehe“ zu behandeln, um zu zeigen, dass Superhelden auch Menschen sind. Tony „Iron Man“ Stark bekam ein folgenschweres Alkoholproblem. Spider-Man hatte mit Drogen zu kämpfen. Dann kam der Autor Bob Miller und machte aus dem Moralisten Batman in seinem feschen, hautengen grau-blauen Spandex eine nachtschwarze, hasserfüllte, zynische Rachemaschine. Aber auch das hatte sich irgendwann leer gelaufen, zumal mittlerweile das Kino die maskierten Helden entdeckt hatte. Tim Burton hatte Bob Millers „Batman“ nicht verstanden, aber trotzdem verfilmt, Joel Schumacher das als Bonbon-bunte Version ohne Ziel fortgesetzt und so den Comic-Helden im Multimillionen-Dollar-Spektakel namens Kino den letzten Rest ihrer papiernen Würde genommen.

Teaser-Plakat: Deadpool

Maskierte Helden, die im Comic noch sagten „Never kill someone“, waren Totgeweihte. Also kam „Deadpool“ – und zahlreiche andere Vigilanten, die es mit Recht und Gesetz nicht so genau nahmen, Ethik und Moral so weit dehnten, dass ihre Kills gut darunter Platz fanden. Das war neu, das war frisch und die neue Generation potenzieller Comic-Leser, die im Alltag dauernd gegen die härter werdenden Ellbogen der Mitschüler oder Kollegen bestehen mussten, dankten es. Die amoralischen Vigilanten vom Schlage eines Deadpool waren also nicht zuerst vom Leser gefordert, sondern eine kalkulierte und erfolgreiche Erfindung ratloser Comic-Verlage, die ihr Geschäft nicht verlieren wollten.

Ein Quentin-Tarantino-Film für die Kleinen

Gegen diesen Comic-Deadpool ist der aktuelle Kino-Deadpool schon wieder eine sehr moralische Figur. Er sagt zwar dauernd Fuck und Scheiße und will in weibliche Löcher vorstoßen und fordert Blow Jobs und zerblastert Gehirne reihenweise – aber das wirkt alles wie eine kindgerecht geschnittene Version eines durchschnittlichen Quentin-Tarantino-Films. Der Film bietet – einerseits – eine der zeigefreudigsten Sexszenen aller bisherigen Comicfilme – mit blanker Frauenbrust und blankem Männerhintern. Aber dann sagt der Mann zum Abschluss artig „Ich liebe Dich“ – was in diesem Genre alle vorher gezeigten intimen Stellungen moralisch rechtfertigt.

Da dieser Titelheld, wie auch seine Comicvorlage, sich immer wieder direkt an seine Zuschauer wendet – die Vierte Wand durchbricht – und erklärt, was er gerade macht, wen er jagt und warum er das macht, bin ich als Zuschauer sehr in seine Welt eingebunden und also wirkt alles folgerichtig, was ich sehe. Und was ich sehe, macht viel Spaß.

Ein wunderbarer Titelvorspann

Schon der Titelvorspann macht deutlich, dass ich es mit einer Art nächster Generation von Helden-Movie zu tun bekomme, denn schon der Titelvorspann spielt brillant mit der Irrealität seines Sujets – unter anderem heißt es da „Regie führt ein überbezahlter Vollhonk“. Es braucht zwei Titel, bis alle im Kino kapiert haben, dass das kein normaler Titelvorspann ist, sondern ein auf alle Superheldenmovies der vergangenen Jahre referenzierter Gag. Ein Gag, der die Tonalität der folgenden 100 Minuten beschreibt.

Er zeigt eine Gesellschaft, die ganz im Unterhaltungskanon aufgegangen ist. Dauernd werden Personen zitiert, wird auf bestimmte Menschen verwiesen; aber es sind nie Menschen aus unserem (realen) Leben. In Deadpools Welt käme niemand auf die Idee, Barack Obama, Angela Merkel, George Clooney oder Taylor Swift zu zitieren. Die Menschen in diesem Film zitieren Yoda oder Green Lantern, den Deadpool-Darsteller Ryan Reynolds („Die Frau in Gold“ – 2015; R.I.P.D. – 2013; Safe House – 2012; „Selbst ist die Braut“ – 2009; X-Men Origins: Wolverine – 2009; „Smokin' Aces“ – 2006; „Blade: Trinity“ – 2004; „Die Hochzeitsfalle“ – 2002) in einer verzweifelten Vergangenheit mal gespielt hat – wie er in mehreren Situationen des Films auch anmerkt. „Von ‘96 Hours‘ haben sie drei Teile gedreht“, sagt Deadpool mal. „Also Liam Neeson muss echt ein scheiß Vater sein.“ Solche Verweise heben den Film auf eine andere Erzählebene.

Die Realität ist Film im Film im Film

Wenn in den Avenger-Movies noch die Menscheit das Gewaltmonopol des Staates gegen die maskierten Helden ins Feld führt, also im weitesten Sinne auf die Realität seiner Zuschauer referenziert, beziehen sich die Figuren in „Deadpool“ nur noch auf Kinofilme und Comics. Der „Deadpool“-Film bringt das Superhelden-Comic dahin zurück, von wo es einst aufgebrochen ist: ins Anything-goes des Physik-freien Raumes. Da gibt es zum Einstieg in den Film eine episch breite Schießerei auf einer Brücke mit ordentlicher Massenkarambolage und viel Blut. Und es taucht nicht ein Polizist auf. In der Comic-Welt überlassen es die Menschen den Maskierten, sie zu beschützen; Gesetzeshüter braucht es keine. Und wenn es da bisweilen juristisch-moralische Kollateralschäden gibt, geht das in Ordnung – es trifft ja keinen Falschen. Wie oft schließlich habe ich als Teenager über meinen Heftchen mit Spider-Man gehadert, weil der wieder einen Superschurken davonkommen lässt, obwohl der vorher grausamste Dinge getan hat und auch in Zukunft tun wird, weil der Superheld ihn am Leben gelassen hat. Spider-Man verliert deshalb sogar seine Freundin Gwendolyn Stacy. Deadpool schießt einfach, tut, was ich tun wollte. Als moralische Das-tut-man-nicht-Instanz fallen solche Helden aus.

Der Freund, mit dem ich im Kino war übrigens (Jahrgang: 1980) kann meine Bedenken nicht teilen; wahrscheinlich reagiere ich (Jahrgang: 1961) also einfach dünnhäutig, rede „wie meine Großmutter“. Zumal der Film selbst echt ein Riesen-Spaß ist.

Wertung: 6 von 8 €uro