Plakatmotiv: Der lange heiße Sommer
Vollblut-Drama
in Cinemascope
Titel Der lange heiße Sommer
(The long hot summer)
Drehbuch Irving Ravetch + Harriet Frank Jr.
nach Motiven der zwei Romane „Spotted Horses“ und „The Hamlet“ sowie der Kurzgeschichte „Barn Burning“ – alle von William Faulkner
Regie Martin Ritt, USA 1958
Darsteller
Paul Newman, Joanne Woodward, Anthony Franciosa, Orson Welles, Lee Remick, Angela Lansbury, Richard Anderson, Sarah Marshall, Mabel Albertson, J. Pat O'Malley, Bill Walker u.a.
Genre Drama
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
18. Mai 1958
Inhalt

Ben Quick, gerade erst aus einer anderen Stadt wegen Brandstiftung geflogen, zieht als Landstreicher durch die Südstaaten, als zwei Frauen aus Mississippi ihn per Auto in ihr Heimatdorf mitnehmen: Es sind Clara Varner und ihre Schwägerin Eula. Claras Vater ist der wohlhabende, aber tyrannische Plantagenbesitzer Will Varner, dem ein Großteil der Stadt gehört. Varner liebt es, seine Macht auszuspielen, zu trinken, die Bordellbesitzerin Minnie zu beglücken und seine Sprösslinge Clara und Jody zu tyrannisieren.

In dem cleveren jungen Wanderarbeiter Ben denkt Will einen Gleichgesinnten gefunden haben, dem er seine Tochter und sein Land übergeben kann. Dagegen hält Will nur wenig von seinem Sohn Jody, der bei ihm als verweichlicht gilt. Deshalb versucht er, Ben und Clara miteinander zu verkuppeln. Er will Ben sogar mithilfe seines Vermögens „überzeugen“ und verspricht ihm das Erbe. Clara indes hält ausgesprochen wenig von diesem windigen Typen, der sie sehr an die unangenehmen Seiten ihres Vaters erinnert; außerdem glaubt sie, in dem Einheimischen Alan Stewart einen langjährigen Verehrer zu haben.

Während Ben durch den erfolgreichen Verkauf von Wildpferden im Unternehmen der Familie Varner aufsteigt und schließlich bei ihnen auch im Haus leben darf, fühlt Jody sich in seiner Position als Unternehmenserbe zusehends bedroht. In seinem Zorn sperrt Jody seinen Vater in einen Stall ein und legt Feuer …

Was zu sagen wäre
Ein Drama um den US-Kapitalismus in all seinen Ausprägungen, den American Way of Life, die Pursuit of Happines und wie das alles nicht zusammen passt und immer auf dem Rücken der anderen nur zu erreichen ist – mit einem etwas seifigen Finale.

„Brandstifter“ zischt Clara dem Parvenu Ben Quick ins Gesicht, der zum x-ten Mal in einer Stadt neu anfangen will und noch immer vertrieben wurde, weil ihm Brandstiftung zur Last gelegt worden ist. Ben Quick ist ein Name im Land – ein Name, verbunden mit unkontrollierbarem Feuer. Tatsächlich stellt sich heraus, dass er manches Feuer legt, aber keines in dessen flammender Direktheit. Ein Fremder kommt in die Stadt und bringt dinge in Bewegung. Das ist die alte Grundidee, aus der schon klassische Western ihren besten Nektar zogen. Ein Mann sucht sein Glück in diesem Land of the – nicht so ganz – Free. Eine Frau sucht die Liebe. Ein Vater den richtigen Hengst für seine Tochter. Und ein sensibler Sohn die Liebe seines hartherzgen Vaters.

Dieser emotionale Sprengsatz während heißer Sommermonate in einer kleinen Stadt im Süden kulminiert in einem großartigen Dialog zwischen Hengst suchendem Vater und Liebe suchender Tochter – Orson Welles und Joanne Woodward auf nächtlicher Terasse:

„Da draußen liegt unser Ackerland. Es wird in jedem Jahr wieder umgepflügt und gesät. Und die Saat sprießt auf. Das Leben geht ewig weiter. Aber was bleibt von mir? Wo ist meine Ernte. Was geschieht, wenn ich tot bin?“

„Du bekommst das prunkvollste Begräbnis im ganzen Staat Mississippi.“

„Das ist mir unwichtig. Wenn nur recht viele Warnes an meinem Grab stehen!“
./.
„Ich habe die Nase voll von Eurem ewigen Händchen halten und quietschender Verandatür, wenn er kommt und geht. Sechs Jahre lang habe ich das geduldig anhören müssen. Aber jetzt gehst Du zu seiner Mama und holst Dir den Jungen. Sag der Alten mal die Meinung und einen schönen Gruß von mir.
Und wenn Du Dir da drüben eine Abfuhr holst, dann mach Dir keine Sorgen. Dann nimmst du den anderen!“

„Welchen anderen?“

„Dieses Prachtexemplar von einem jungen Burschen. Diesen gerissenen, geschäftstüchtigen, intelligenten, fleißigen, cleveren Ben Quick!“

„Das kannst Du mir doch nicht zumuten!“

„Nein? Clara, ich will, dass es richtige Männer in der Varner-Familie gibt, gesunde, kräftige Männer! Varners!! Männer, die was leisten! Die sich im Leben behaupten können, die nicht faulenzen, sondern die mein Erbe bewahren!“

Und Paul Newman ist dieser unkontrollierbare, aufbrausende, gerissene Ben Quick. Ein US-Citizen, wie er in feuchten Träumen des konservativen Amerikas leuchtet; einer, der seine Chancen nutzt, die Ellbogen einsetzt und damit die Bewunderung der Alten gewinnt, die ihn gleich an ihre Töchter verehelichen wollen. Aber es wird rasch deutlich, dass dieses Land of the Free für diese Form skrupelloser Freiheit nicht geschaffen ist. Kaum taucht Ben Quick auf und stellt sich kerzengerade in den Ring, ziehen andere Männer den Schwanz ein, verstecken sich heulend hinter einer Flasche Whisky und nehmen übel, dass da einfach einer kommt und nimmt, ohne sich hinten anzustellen. Einer, der nicht erkennen will, wo sein Platz in der Gesellschaft ist, oder – schlimmer noch – dem das egal ist. Und schon brennt wieder eine Scheune. Das Land of the Free ist in diesem Drama vor allem ein Land of the malicious, ein Land der Hinterhältigen, der Neider und Intriganten.

Martin Ritt kann ein Lied davon singen, von diesem Land der neider. Der Regisseur fängt mit diesem Film weder fast von vorne an. In den zurückliegenden Jahren musste er viel am Theater machen, weil er während der McCarthy-Ära wegen angeblicher Nähe zum Kommunismus auf eine der Schwarzen Listen geraten war. Ritt holte sich für seinen Film, der auf drei Texten von William Faulkner basiert – zwei Romane, eine Kurzgeschichte – junge Schauspieler aus dem Actors Studio in New York, darunter auch Paul Newman, der noch am Anfang seiner Hollywood-Karriere stand („Land ohne Männer“ – 1957; „Ein Leben im Rausch“ – 1957; „Die Hölle ist in mir“ – 1956). Seine Partnerin spielt die TV-Serien erfahrene Joanne Woodward. Sie und Newman hatten sich am Broadway kennengelernt und heirateten im Jahr, in dem „The long hot summer“ ins Kino kam.

Orson Welles, der den alten, zornigen Will Varner spielt, ist ein Glücksfall in seinem explosiven Temperament, muss aber am Set anstrengend gewesen sein. Dauernd gab es Auseinandersetzungen zwischen Ritt und Welles, weil diese die Rolle des Will unterschiedlich interpretierten und Welles sich auch in andere Belange des Filmes einmischen wollte. Das legte sich nur langsam. Welles („Moby Dick“ – 1956; „Orson Welles' Othello“ – 1951; „Der dritte Mann“ – 1949; „Die Lady von Shanghai“ – 1947; Citizen Kane – 1941) bietet als reich gewordener Parvenu das Alter Ego der Quick-Figur – von den Alteingesessenen am Ort zähneknirschend akzeptiert, weil er das Geld und damit die Macht hat – aber nie respektiert.

Martin Ritt macht solche Charaktermerkmale in unauffälligen Schnitten und Bildern deutlich. Er lässt die Menschen reden – nach seinen Jahren am Theater ist er versiert in der Dialogführung – und schneidet dann Bilder, die das Gesagte in einen komplexeren Zusammenhang stellen. UNd das funktioniert dann ganz ohne Worte und unmittelbar. Großes Kino. Ein großartiges Vollblut-Drama.

Wertung: 6 von 7 D-Mark