Kinoplakat: Lucy
Das Universum ist ein USB-Stick
Titel Lucy
(Lucy)
Drehbuch Luc Besson
Regie Luc Besson, Frankreich 2014
Darsteller

Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Min-sik Choi, Amr Waked, Julian Rhind-Tutt, Pilou Asbæk, Analeigh Tipton, Nicolas Phongpheth, Jan Oliver Schroeder, Luca Angeletti, Loïc Brabant, Pierre Grammont, Pierre Poirot, Bertrand Quoniam, Pascal Loison u.a.

Genre Action, Fantasy
Filmlänge 89 Minuten
Deutschlandstart
14. August 2014
Inhalt

„Ich erobere mein eigenes Gehirn. Ich spüre keinen Schmerz, keine Angst. Kein Verlangen. So als würde alles, was uns menschlich macht, verblassen. Je weniger ich menschlich empfinde, desto größer wird mein Wissen … über alles – Quantenphysik, angewandte Mathematik, die unendliche Kapazität eines Zellkerns; das explodiert alles in meinem Gehirn. Dieses ganze Wissen. Was soll ich damit anfangen?“

Lucy hatte einen echt scheiße Tag. Dieser Typ, Richard, hatte ihr diesen Metalkoffer angekettet und in diesem Metallkoffer waren Beutel mit blauen Kristallen, „CPH4“, wie sich später herausstellt, Enzyme, die Embryonen im Mutterleib kräftigen, mit Energie versorgen – „Für ein Baby hat es die Energie einer Atombombe“, sagt ein Arzt, als er Lucy das Zeug aus dem Bauch holt. In Taipeh, wo die Amerikanerin zur Zeit studiert, hatten sie das Zeug irgendwie synthetisch hergestellt, in großen Mengen, und wollen es jetzt als den neuesten Kick auf den Drogenmarkt bringen – als kleine blaue Kristalle. Dafür brauchen sie Kuriere.

Also haben sie ein paar Westler abgeschleppt, ihnen den Bauch aufgeschnitten und die Beutel mit den Kristallen da zwischengelagert. Diese unfreiwllligen Kuriere sollen es nach Rom, Berlin und New York bringen – für New York hatte der Drogenboss Lucy aufgeschnitten; aber Lucy war irgendwie in falsche Häde geraten und ein tätowierter Asiate hatte ihr mehrmals in den Bauch getreten … da ist der Beutel mit CPH4 aufgeplatzt. Und jetzt hat Lucy „dieses ganze Wissen“, verfügt über 100 Prozent ihrer Gehirnkapazität.

Lucy begibt sich nach Europa. Mit ihren neuen geistigen und psychischen Fähigkeiten ist es ihr ein Leichtes, die anderen drei Kuriere aufzuspüren und festnehmen zu lassen. Über den französischen Drogenkommissar Del Rio will sie sich die Beutel der anderen holen; sie braucht die Kristalle, andernfalls zersetzt sich ihr Körper in seine Einzelheiten – seine einzelnen Zellen. Dass sie nicht mehr lange ein menschliches, irdisches Leben leben wird, ist ihr klar, aber bevor sie die nächst höhere Entwicklungsstufe betritt, will sie ihr neues Wissen, ihre Erkenntnisse weiter geben.

Sie nimmt Kontakt auf zu dem Wissenschaftler Professor Norman, der auf dem Gebiet der Gehirnkapazitäten forscht. Der hat in einem Votrag kürzlich erklärt, vornehmste Aufgabe einer jeden Zelle sei es, ihr Wissen weiterzutragen; das will Lucy tun. Aber die Zeit wird knapp, denn der Drogenboss aus Taipeh hat seine synthetischen Drogen noch nicht aufgegeben.

Mit einer 25 Mann starken, schwerbewaffneten Truppe stürmt der Asiate das Militärkrankenhaus, in dem Lucy gerade ihr Wissen weiter gibt. Zwischen ihm und ihr stehen nur Commissair Del Rio und ein paar aufrechte Polizisten …

Was zu sagen wäre

„Vor einer Milliarde Jahren wurde Euch das Leben geschenkt. Macht etwas daraus!“ Der Franzose Luc Bessons liebt das große amerikanische Kinogewitter und folglich lässt er es ordentlich krachen in seiner Fantasy zwischen durchgeknalltem Nonsens und philosophischer Einsicht – um eine Botschaft ins Volk zu tragen: „Kümmert Euch nicht um Eure kleinen Geister. Kümmert Euch um das Große Ganze!“ Bei Besson (Malavita – The Family – 2013; Johanna von Orleans – 1999; Das fünfte Element – 1997; Léon – Der Profi – 1994) muss die Action für etwas gut sein, bei ihm vereinen sich europäische Kultur und US-amerikanischer Kinokommerz. Durchaus etwas naiv, aber das ist Messagekino immer schon gewesen.

Die Message-beseelten Autorenfilmer der Nouvelle Vague, die deutschen Autorenfilmer der schwerblüten 1970er Jahre, sie alle waren naiv genug zu glauben, ihr Kino würde etwas bewirken, würde die Menschen in ihrem Tun beeinflussen; bis auf ein paar Lobpreisungen in den überregionalen Feuilletons blieben die Kinos dann meist leer, die Message verpuffte vor leeren Sitzreihen und vor jenen, die ohnehin der selben Meinung waren, wie die Autoren.

Besson verkauft seine – naive, humanistisch geprägte – Message mit ordentlich Eyecandy für den Popcorn futternden Multiplexkino-Kunden und hat dazu in Scarlett Johansson eine kongeniale Partnerin gefunden, die sich willig von Besson durch schmierige Keller, billige Absteigen und Luxushotels bluten und schließlich ihre Menschlichkeit nehmen lässt. Johansson ist wunderbar als Lucy. Die Texanerin spielt ihre ganze Erfahrung aus ihren großen Auftritten aus (Her – 2013; Under the Skin – Tödliche Verführung – 2013; Don Jon – 2013; Hitchcock – 2012; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Vicky Cristina Barcelona – 2008; „Die Schwester der Königin“ – 2008; Nanny Diaries – 2007; Black Dahlia – 2006; Scoop – Der Knüller – 2006; Die Insel – 2005; Match Point – 2005; Lovesong für Bobby Long – 2004; „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ – 2003; Lost in Translation – 2003; Arac Attack – 2002; Ghost World – 2001; The Man Who Wasn't There – 2001; Der Pferdeflüsterer – 1998) und ummantelt sie mit ihrer Black Widow aus den Avengers-Filmen. Alle anderen Figuren bleiben blasse Funktionsträger. Min-Sik Choi ist der böse, brutale Drogenboss. Morgan Freeman (Last Vegas – 2013; The Dark Knight – 2008) ist der freundliche Wissenschaftler, der dem Zuschauer das Gehirn erklärt. Amr Waked schließlich ist der virile französische Kommissar, der die blonde Lucy küssen und ansonsonsten anstarren darf. Sie spielen eine Funktion, keine Rollen. Das fällt auch nicht weiter ins Gewicht.

Besson ist ganz auf seine Titelheldin fokussiert. Diese zunehmend unemotional agierende Lucy bleibt Mensch bis zum bizarren Ende. Wissen ist Macht und Ohnmacht zugleich; alles zu wissen ist ganz schön anstrengend für einen allein. Eine tröstliche Message, die sich bei allem Lärm und zerschossenen Gelehrten-Statuen in Paris auch den Freunden eher erdverbundener Kinostoffe erschließt.

„Lucy“ ist hochtourig, naiv, schnell, überdreht und ein bisschen gaga; eine atemlos montierte Hoffnung in die Evolution. Scarlett Johansson ist wieder mal vielseitig – und das Universum ist ein USB-Stick. Schön, dass es diesen Film gibt.

Wertung: 7 von 8 €uro