Kinoplakat: Lone Ranger (2013)
Eine großartige Hommage 
an die alten Western-Zeiten
Titel Lone Ranger
(The Lone Ranger)
Drehbuch Justin Haythe + Ted Elliott + Terry Rossio
Regie Gore Verbinski, USA 2013
Darsteller

Johnny Depp, Armie Hammer, William Fichtner, Tom Wilkinson, Ruth Wilson, Helena Bonham Carter, James Badge Dale, Bryant Prince, Barry Pepper, Mason Cook, JD Cullum, Saginaw Grant, Harry Treadaway, James Frain, Joaquín Cosio u.a.

Genre Western
Filmlänge 149 Minuten
Deutschlandstart
8. August 2013
Inhalt

Nordamerika, Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert. Die Eisenbahn wird gebaut. Von Osten bahnt sich eine Trasse durch die Wildnis nach Westen und von dort eine nach osten. Beide Schienenstränge werden sich bald schon vereinen. Zwischen beiden Teilen liegt nur noch das gebiet der Comanchen; das müssen die Schienenleger umkurven. Den Comanchen ist vertraglich zugesichert ist, dass ihr Land von dem eisernen Ungeheuer nicht berührt wird. Aber die Indianer bleiben misstrauisch. Und die Weißen auf der Hut.

Irgendwie wundert es niemanden, als plötzlich Indianer über Siedler und Farmen herfallen, Kinder töten, Frauen schänden, Häuser verbrennen; denn irgendwie kommt das allen sehr gelegen. Damit, so sagen die Weißen, seien alle Verträge mit den Indianern null und nichtig und bauen also ihre Schienen quer durch Indianerland. Die Stimmung in der Region ist also ohnehin schon schlecht, da befreit eine Bande Gesetzloser ihren zum Tode verurteilten Boss, Butch Cavendish, aus der Hand der Texas Ranger. Wie das genau geschehen konnte, wie der angekettete Cavendish im Gefängniszug an den Revolver kommen konnte, bleibt ein Rätsel. Tonto könnte dieses Rätsel lösen; der Indianer saß angekettet neben Cavendish, als der die Waffe aus einem Geheimfach unter den Holzbohlen im Zugboden holte. Statt dessen landet Tonto als Verdächtiger im Gefängnis der Texas Ranger in Colby – angeschwärzt durch den jungen Staatsanwalt John Reid, der sich von Cavendish hat übertölpeln lassen.

Die Jagd auf Cavendish endet für sieben Texas Ranger tödlich. Sie werden verraten, in einen Hinterhalt gelockt und förmlich hingerichtet. Der achte Mann überlebt wie durch ein Wunder. Er ist kein Ranger; es ist der junge Staatsanwalt John, dessen Bruder Chef der örtlichen Ranger war. John Reid hat überlebt und als er wieder aufwacht, steht nicht nur ein eleganter Schimmel neben ihm, der über erstaunliche Fähigkeiten verfügt. Auch Tonto, der Indianer, ist da, der John klar zu machen versucht, dass der offenbar ein Günstling der Geisterwelt ist und deshalb nicht sterben kann.

John hält das natürlich für Unsinn, was im Moment aber keine Rolle spielt, weil John geschworen hat, die Mörder seines Bruders zur Strecke zu bringen. Dasselbe Ziel hat der Indianer – aus anderen Gründen, aber auch das spielt ja keine Rolle. Obwohl die beiden sich rein gar nichts zu sagen haben, schließen sie ein Zweckbündnis zur Verbrecherjagd.

Damit John weiterhin alle für tot halten, zieht er sich eine Maske über und reitet als Lone Ranger mit Tonto in den Kampf gegen die Cavendish-Bande …

Was zu sagen wäre

Hier haben ein paar leidenschaftlich beseelte Freunde des Westerns sich zusammen getan und eine großartige Hommage auf die Leinwand gebracht. Dass Gore Verbinski ein Herz für die kargen Steppen und verfallenen Städtchen des „Wilden Westens” hat, ist spätestens seit seinem Western-Trickfilm Rango (2011) kein Geheimnis mehr. Es ist alles dabei, was zum Western gehört: Cowboy & Indianer, der große Eisenbahnbau, die Verschwörung der Geldsäcke und taffe Frauen, die ihren Mann stehen. Und eine Erinnerung an den auf alt geschminkten Dustin Hoffman in „Little Big Man” (1970), von dem „Lone Ranger” seine Erzählstruktur übernommen hat: Ein alter Indianer erzählt …

Eine Zitatesammlung aus den klassischen Mythen

Begleitet von einem sanftwuchtigen Hans-Zimmer-Soundtrack, in den er Motive aus Ennio Morricones Soundtrack zu „Spiel mir das Lied vom Tod” (1968) mischt, entfaltet sich zweieinhalb Stunden lang eine Verbeugung in Cinemascope vor all den Westernklassikern, die manchmal bis in die Kameraeinstellungen kopiert worden sind – natürlich wurde im Monument Valley gedreht, in dem schon John Wayne den „Schwarzen Falke” jagte (1956), auch der Steinbogen wird zitiert, unter dem Mundharmonikas Vater in „Spiel mir das Lied vom Tod” gehängt worden war.

Johnny Depp (Dark Shadows – 2012; The Tourist – 2010; „Alice im Wunderland” – 2010) gibt eine Galavorstellung als Tonto. Im Vorfeld dieses Films wurde ihm vorgeworfen, dass er lediglich seinen Jack-Sparrow-Piratenhut gegen Indianerschminke getauscht habe – ansonsten sei da nichhts Neues. Abgesehen davon, dass dieser Vorwurf nicht stimmt, wurde auch Christoph Waltz noch nie vorgeworfen, dass er seit Inglourious Basterds (2009) nur noch seine Oscar-Rolle kopiert. Johnny Depp kopiert nicht, aber er spielt wieder einen arg verschrobenen Charakter, der nur unter seiner getrockeneten Schminke mit dem rätselhaften Vogel auf dem Kopf viel lustiger ist, als sein Pirat. Dazu sagt er dauernd diese sehr klugen Lukas-Podolski-Gedächtnis-Sätze – Subjekt-Prädikat-Objekt, vorgetragen mit dem rauen Bass der trockenen Wüste.

Tonto: „Sehr gut gezielt!”
John: „Das war keine Absicht!”
Tonto: „Dann nicht so gut!”

Verbinskis Liebe zum Detail zerstört den Film

Sein Partner, Armie Hammer (Spieglein, Spieglein – 2012; J. Edgar – 2011), der in The social Network (2010) beide Winklevoss-Zwillinge spielte), sieht aus, wie die Fleisch gewordene Version jedes Disney-Prinzen aus dem vergangenen Zeichentrickjahrhundert. Eine Mischung aus dem Schneewittchen- und dem Arielle-Prinzen – das ist, obwohl es sich bei „Lone Ranger” um eine Disney-Produktion handelt, dann doch verblüffend.

Gore Verbinskis Liebe zum Detail aber gibt dem positiven Gesamteindruck erhebliche Kratzer. Der Film zieht sich, gerade in der ersten Hälfte. Verbinski ist seine Szenen verliebt, nicht ins Timing des Gesamtfilms. Da begräbt Tonto die toten Ranger und Johnny Depp tut das mit Hingabe; aber hier steht der Film für Minuten auf der Stelle, bis endlich das weiße Seelenwanderer-Pferd kommt, von dem der Zuschauer ohnehin weiß, dass es kommen wird, so ostentativ, wie der Film den Schimmel in den Szenen vorher einführt. Aber dann ist das Pferd also da und jetzt geht es immer noch nicht weiter, denn jetzt wird an einer langen Lagerfeuerszene – die in einem Western natürlich nicht fehlen darf – geklärt werden, welche Motivation Tonto und welche John hat und dass sich beide (natürlich) nicht grün sind, was es mit dem Pferd auf sich hat, wer eigentlich Cavendish ist und warum Tonto diesen toten Vogel auf dem Kopf mit sich herum trägt. Insgesamt braucht Verbinski zweieinhalb Stunden, um seine Geschichte zu erzählen.

Kinoaction am laufenden Band wie ein übervoller Weihnachtsteller

Am Ende holt Verbinski dann alles raus, was geht im modernen Effektkino und das sieht alles erstaunlich realistisch aus. Bis sich der Weihnachtsteller-Effekt einstellt. Die Bilder sind so voll und satt, dass ich den Überblick verliere und mein Interesse erlahmt. An den Kinokassen war die 215-Millionen-Dollar-Produktion ein Flop – das weltweite BoxOffice zählt Einnahmen von gerade mal 261 Millionen US-Dollar. Die Filmkritiken waren vernichtend und zwar meistens aus den oben genannten Gründen – Verbinski verzettele sich in Szenen und Genres.

Ein großes Werk für die Filmgeschichte ist „Lone Ranger” tatsächlich nicht, aber „Lone Ranger” startet im Sommer 2013 in den Kinos, wo gigantische Spektakelfilme mit Endzeitphantasien, CGI-Overkills und Maschinengewehrfeuer beworben werden. Da ist „Johnny Depp in der Verfilmung einer uralten Radio-Novela um einen maskierten Sheriff” kein so gutes Verkaufsargument. Das Popcorn-Publikum zieht es zum immer noch größeren Spektakel; das miese BoxOffice hatte sich für den Film wohl schon in der Marketingkampagne entschieden. Dabei haben Gore Verbinski und Jerry Bruckheimer da ein Kinoprodukt gebaut, das zeigt, wie Kinogeschichten heute, wo alle Geschichten zehn Mal erzählt, alle Bilder zehn Mal gezeigt sind, vielleicht erzählt werden müssen – früher einmal reichte „Eisenbahn gegen Indianer – Kampf um die Heimaterde”, dazu ein paar kernige Helden, John Wayne vielleicht, Fidelmusik; fertig war der Western und keiner fragte nach den tieferen Beweggründen von Schurken oder Helden.

Das Popcorn-Publikum ist immer schon da

Heute langt das nicht. Heute ist das Popcorn-Publikum immer schoin da, hat immer schon alles woanders gesehen. Natürlich geht es in „Lone Ranger” nicht einfach nur um die Eisenbahn. Der Oberschurke, der am Ende von den wirklich mächtigen Bossen-mit-den-sauberen-Händen aus den feinen New Yorker Büros mit einer (kleinen) goldenen Uhr abgespeist werden soll, plant selber die feindliche Übernahme der Eisenbahngesellschaft – der Schurke muss heute schon immer auch der Kapitalist sein, der zur Aktienmehrheit hin mordet und der am Ende unter all seinem Reichtum sein endgültiges Grab in Schande und ohne Kreuz drauf findet. Das alles dem alles-schon-gesehen-habenden Popcorn-Publikum erzählen zu müssen, bedarf penibler Planung; da kann es sich ein Regisseur nicht mehr leisten, sich in einzelne Szenen zu verlieben.

Deswegen sind viele Filme heute so lang, weil immer auch noch eine solche Back-Backstory erzählt werden muss, um im Reigen der bildgewaltugen Geschichtenerzählern auf 1.000 Kanälen noch mithalten zu können – vielleicht findet der alte Kino-Anspruch Bigger Than Life heute Ausdruck in der Überlänge des Kinofilms. Denn lumpige 90 Minuten machte jedes TV-Movie, und dessen Schwester, die Serie hat – ganz im Gegenteil dazu – heute unermesslich viel Zeit, alles ausführlich zu erzählen … irgendwo dazwischen sucht das Kino seinen Weg.

Und da ist „Lone Ranger” ein misslungener Versuch, aber trotzdem ganz unterhaltsames Kintopp geworden.

Wertung: 5 von 7 €uro