Kinoplakat: London has fallen

Ein dünnes Script. Ein dummer Film. 
Chauvinistisch und fremdenfeindlich.

Titel London has fallen
(London has fallen)
Drehbuch Creighton Rothenberger + Katrin Benedikt + Christian Gudegast + Chad St. John
mit Figuren von Creighton Rothenberger + Katrin Benedikt
Regie Babak Najafi, USA, UK, Bulgarien 2016
Darsteller Gerard Butler, Aaron Eckhart, Morgan Freeman, Angela Bassett, Alon Aboutboul, Charlotte Riley, Robert Forster, Melissa Leo, Jackie Earle Haley, Radha Mitchell, Sean O’Bryan, Mehdi Dehbi, Patrick Kennedy, Andrew Pleavin u.a.
Genre Action
Filmlänge 99 Minuten
Deutschlandstart
10. März 2016
Website london-has-fallen-film.de
Inhalt

Nach dem mysteriösen Tod des britischen Premierministers ist seine Beerdigung ein Pflichttermin für die Staatsoberhäupter der westlichen Welt. Selbstverständlich nimmt auch US-Präsident Benjamin Asher daran teil, begleitet von seinem Leibwächter Mike Banning. Doch was als die bestgeschützte Veranstaltung auf dem Planeten beginnt, entwickelt sich schnell zu einem tödlichen Spießrutenlauf, bei dem das Leben der mächtigsten Anführer der Erde auf dem Spiel steht.

Die Staatsgäste sind noch gar nicht alle vorgefahren, da zerreist eine Bombe den Wagen des kanadischen Premiers. Polizisten ziehen automatische Waffen und feuern in die Menge der Schaulustigen und feuern Granaten auf die Limousine des Präsidenten ab.

Nur mit knapper Not kann Banning das Leben des US-Präsidenten schützen und mit ihm in den Londoner Untergrund fliehen. Während die Terroristen das Londoner Kommunikationsnetz zerstören und der Stadt den Strom abschalten, versammelt sich der letzte Rest des Sicherheitsstabs im Kommandoraum und versucht zu verstehen, was gerade passiert.

In Washington meldet sich Aamir Barkawi, der Drahtzieher des Terrors über Satellit bei Vizepräsident Trumbull. Barkawi ist die Nummer Sechs auf der Liste der weltweit am meisten gesuchten Terroristen – ein Waffenhändler, dem Hunderte von Toten zur Last gelegt werden.

Vor zwei Jahren hatte eine US-Drohne die Hochzeitsgäste seiner Tochter zerfetzt, einem seiner Söhne die Beine abgerissen. Barkawi will Rache. Er will US-Präsident Asher vor laufender Kamera töten, weltweit übertragen im Internet. Darauf hat er sich zwei Jahre, seit der tödlichen Hochzeit, vorbereitet.

Trumbull gelingt es, Kontakt mit dem Krisenstab in London aufzunehmen. Schnell wird klar: Die Terroristen können auf einen Maulwurf setzen, auf einen, der im Sicherheitsapparat der Regierung ganz oben sitzen muss.

Banning und Asher hetzen gleichzeitig durch den Londoner Untergrund. Bannings Ziel ist ein sicheres Haus des MI6 in der Innenstadt. Aber der Weg dahin ist gefährlich. Die beiden können niemandem mehr trauen, in jeder Polizeiuniform kann ein Terrorist stecken, Raketenwerfer und automatische Waffen scheinen aus jedem Fenster auf sie gerichtet zu sein.

Während Trumbull mit seinem Stab versucht, die Hintermänner ausfindig zu machen und das Komplott zu entschlüsseln, nimmt Banning den Kampf auf. Und er macht keine Gefangenen …

Was zu sagen wäre

Ein dummes Drehbuch. Ein dummer Film, der von jedem Ego-Shooter auf der Playstation an die Wand gespielt wird. Oder muss ich sagen: an die Wand geballert? Nach dem Erfolg von Olympus Has Fallen konnte eine Fortsetzung nicht ausbleiben. Weil nun das bestgesicherte Haus der Welt – das Weiße Haus – schon mal befreit worden ist, versuchen die Produzenten den Stirb-Langsam-Trick: aus einem Hochhaus in Teil 1 auf einen Flughafen in Teil 2 und eine ganze Stadt in Teil 3. Bis dahin hatte die Serie gut funktioniert. Warum also nicht bei dem beinharten Secret-Service-Mann Banning und seinem charmanten Präsidenten? Weil dafür die erste Regel für einen Film nicht übergangen werden darf: Grundlage für einen guten Film ist ein gutes Drehbuch – und es steht außer Frage, dass der erwähnte Die Hard with a Vengeance ein gutes Script hat; obwohl er augenscheinlich doch nur ein Actionspaß ist (nur eben einer mit Grips).

Ein Drehbuch, written by NSA

Dieses Drehbuch ist so schlecht, dass man mutmaßen möchte, es sei von jenen NSA-Leuten geschrieben worden, die Edward Snowden einst übers Ohr gehauen hat – es ist oberflächlich, chauvinistisch und berauscht von irrtümlicherweise angenommenen dicken Eiern der US-Hegemonie und merkt dabei gar nicht, dass es keine Story erzählt. Alles ist am Ende so, wie es am Anfang war. Die US-Administration hat ein paar Terroristen aus der Welt gebombt – den letzten mit einem faulen Plagiat aus Phil Alden Robinsons Tom-Clancy-Verfilmung Der Anschlag (2002) – und hält markige We-will-never-surrender-but-guard-the-world-for-a-better-place-Ansprachen, der persönliche Leibwächter des Präsidenten ist, während er den Mann durch London verteidigte, Vater einer Tochter geworden und hält es also für den richtigen Zeitpunkt, seinen gefährlichen Job nun doch nicht an den Nagel zu hängen, London wird wieder aufgebaut und die Budgets zur Terrorismus-Bekämpfung erhöht.

Da hat der Maulwurf ganz oben (dessen identität irgendwie sehr schnell offensichtlich ist) ja alles erreicht. Er sagt allen Ernstes, bevor ihn eine aparte Agentin standrechtlich und ohne weiteres Verfahren erschießt, es habe das alles passieren müssen, um den eigenen Leuten deutlich zu machen, dass das System korrupt sei, nicht mehr funktioniere, man, statt Personal zu entlassen, mehr Sicherheitsbeamte einstellen, mehr Geld in Überwachung stecken müsse. Wie gesagt: Klingt, wie von der NSA geschrieben. Film versenkt, aber Hauptsache, die Botschaft ist angekommen.

Kinoplakat: London has fallen

Der US-Mann: einzig lebenstaugliche Spezies

Die Botschaft lautet: Traue niemandem, nicht mal Deinen Verbündeten. Denn die sind alle dumm, eitel, blöd, sexbesessen und nicht in der Lage, auf sich aufzupassen – die NSA muss immer noch beben vor Zorn über das, was Edward Snowden über sie erzählt hat. Gehen wir die Verbündeten kurz durch: Angela Merkel, die im Film Frau Bruckner heißt, schaut in seliger Ost-Erinnerung gerührt der Grenadier Guard beim Wachwechsel zu, bekommt von einem Kind eine weiße Rose geschenkt und wird dann erschossen – niemand ist bei ihr, lediglich ein Sicherheitsmann; aber kein britischer Politiker, kein Minister; für die als Mächtigste Europas bezeichnete Frau interessiert sich in diesem Film-London niemand.

Der französische Präsident sitzt in einem Bötchen auf der Themse, schenkt sich noch ein Glas Wein ein und weist seinen Fahrer an, die Abfahrt zur Trauerfeier noch hinauszuzögern, damit er dort vor den Kameras der Welt seinen Auftritt als Staatsmann, auf den alle anderen Staatsmänner warten müssen, genießen kann. Der italienische Premier, Mitte 60, lustwandelt mit seiner Frau, die eben 30 geworden ist, auf den Dächern von Westminster Abbey und tätschelt deren Hintern, während er, statt zur Trauerfeier zu fahren, auf die Führung durch den Dekan persönlich wartet. Der kanadische Premier kann sich gerade noch als netter Familientyp in Szene setzen, da fliegt sein Auto schon in die Luft. Der japanische Premier steckt mit seinem Fahrer im Londoner Stau fest, als sei er irgendein stinknormaler Tourist, der vor Stunden mit der Linienmaschine in Heathrow gelandet ist. Nur der US-Präsident kommt mit großem Sicherheitsballett nach London, nur für ihn werden Straßen frei geräumt, nur er hat Hubschrauber und eigene Security im Gepäck.

Einzige Überlebende des pakistanischen Terrors in London sind also der amerikanische Präsident und der britische Regierungschef, dessen Security-Leute allerdings ohne die Web-Wizzards des US-Vizepräsidenten ziemlich alt aussähen – *gnihihi*

They don‘t respect the Audience

Das alles ist so weit weg von jeder Realität und in Klischees erstickt, die Mitte der 1990er Jahre begonnen haben zu schimmeln, dass man nach 20 Minuten im Kinosessel beginnt, die Lust zu verlieren. Aber dann beginnt ja wenigstens das Geballer, das bis zum Ende nur wenige Pausen mit sowas wie Dialog darin erdulden muss. Ein Film, der mich glauben lassen soll, dass mehrere hundert radikale Islamisten über zwei Jahre unerkannt eine komplexe Operation in einer der – spätestens seit den Terroranschlägen vom Juli 2005 – besser gesicherten Hauptstädten der westlichen Welt planen (während uns die Nachrichten alltäglich mit den unterschiedlichen Idealen von Al-Nusra-Front, Al-Kaida, „Islamischer Staat“, Sunniten, Schiiten, Wahabiten oder Al-Shabab-Milizen verwirren), braucht mehr, als einen knuffigen Gerard Butler und die digital ganz hübsch in Szene gesetzte Zerstörung Londoner Bauten.

Diesem Film reicht die Behauptung, das an diesem TopTopTop-Security-Tag in London das gesamte Überwachungsnetz der Stadt gekapert wurde und alle Polizisten im Stadtzentrum durch Terroristen in Uniform ersetzt werden konnten. Wie so etwas in nur zwei Jahren Vorbereitung gelingen soll, inklusive der Kunst, den Leibarzt des britischen Premierministers rasch mal gegen einen Terroristen zu tauschen, für diesen Aspekt hat sich keiner der vier Autoren zuständig gefühlt.

Der Film verkauft Ideologie, keine Geschichte

Vielleicht liegt das Geheimniss des Misserfolgs einfach darin, dass der Hauptdarsteller auch Executive Producer ist. Der Film hatte nach wenigen Wochen Drehzeit einen Wechsel auf dem Regiestuhl. Das ist in Hollywood so ungewöhnlich nicht, aber im allgemeinen ein Zeichen dafür, dass es mit dem künstlerischen, dem kreativen, dem spielerischen Aspekt, der einen Film erst groß machen kann, nicht weit her ist und rein wirtschaftliche Interessen verfolgt werden. Wirtschaftliche Interessen verfolgte auch der eingangs erwähnte Die Hard with a Vengeance, aber der hat seine Interessen clever und durchdacht verkauft – Respekt vor der Intelligenz des zahlenden Publikums zahlt sich meistens aus. Dieser Film hier verkauft Ideologie – und die Unverwüstlichkeit eines Gerard Butler.

Mit „London has Fallen“ liefert der iranisch stämmige(!) Regisseur Babak Najafi sein Debüt im Big-Budget-Kino (und der Sarkasmus dieses Big-Budget-Betriebs will es, dass der pakistanische Oberschurke, der Waffenhändler Aamir Barkawi, ausgerechnet von einem Israeli, Alon Aboutboul, gespielt wird). Babak Najafi hat bisher ein paar Kurzfilme in Schweden gemacht (wo er aufwuchs), ein paar Folgen von TV-Serien inszeniert und war dritte Wahl, nachdem Regisseur Fredrik Bond gehen musste, der nach Werbeclips und Low-Budget-Filmen den Sprung in die Big-Budget-Action-Welt machen wollte – es soll „kreative Differenzen“ mit Gerard Butler gegeben haben, schreibt der Hollywood Reporter im September 2014. Daraufhin wurde bei Leuten wie Gary Fleder (Das Urteil – 2003; Sag' kein Wort – 2001; Denn zum Küssen sind sie da – 1997) und Wayne Blair („The Sapphires“ – 2012) angefragt, die aber beide andere Pläne hatten.

Ein Ego-Shooter, der nur Zugucken erlaubt

So kam Najafi zum Zug und hatte gleich mit den praktischen Schwierigkeiten eines Big-Budget-Regisseurs zu kämpfen. Gedreht wurde vier Wochen im November 2014 mit allen Hauptdarstellern außer Butler, der noch in den Dreharbeiten zum Film „Geostorm“ fest saß. Dann wurde erst wieder im Februar 2015 gedreht – jetzt mit Butler; für eine fließende Entwicklung eines Filmprojekts ein schwieriges Unterfangen. Mangels besseren Scripts hat er dann gemacht, was er offenbar von der heimischen X-Box kennt: einen Ego-Shooter inszeniert, bei dem man halt nur zugucken kann. Die vier Autoren liefern irgendeine Prämisse (die erfahrene Gamer ohnehin gleich wegklicken) und dann geht die Post ab.

Najafis Secret-Service-Mann Banning hetzt durch verschiedene Level – große Rasenflächen, enge Gassen, U-Bahnhöfe, dunkle Tunnel – er nutzt unterschiedliche Vehikel – Helikopter, Limousinen, Straßenautos – und im Gefecht muss er dauernd die Waffen wechseln – Nahkampf mit Faust, Dreikampf mit Pistole, Gruppen ausschalten mit Maschinengewehr und/oder Granate. Banning selbst kann nicht getroffen werden: Wiederholt warten die Gegner, bis er wieder in der besseren Schussposition ist. Vielleicht haben die NSA-Autoren einfach zu viele Chuck-Norris-Filme gesehen. Der knurrige Chauvinismus, mit dem Banning seine Gegner in großer Brutalität metzelt, sprechen jedenfalls dafür; der Nummer Zwei in der Terroristen-Gilde prügelt er sein Wir-sind-die-bessern-Menschen-und-ihr-werdet-uns-niemals-loswerden derart plakativ in die Nase, dass ich kurz überlege, ob es sich nicht doch um „Die Nackte Kanone  – reloaded“ handeln könnte.

Wie eine Achterbahn, bei der einem am Ende schlecht ist

Natürlich lasse ich mich im Kinosessel von der Action mitreissen. Das ist halt wie in einer Jahrmarktsattraktion – Achterbahn oder eines dieser Schleudergeräte; da werde ich auch in den Sessel gedrückt. Wenn ich das Gefährt dann verlasse, ist mir schlecht. Gutes Kino ist anders, aber die NSA kann es eben nicht besser. Ihr Job ist es ja auch nicht, Drehbücher zu schreiben. Und natürlich hat sie dieses auch nicht geschrieben; obwohl … wer weiß? Kann mal jemand Edward Snowden anrufen?

Wertung: 1 von 8 €uro