Plakatmotiv: Lion – Der lange Weg nach Hause
Bilder wie gemalt für eine
bewegende Geschichte
Titel Lion – Der lange Weg nach Hause
(Lion)
Drehbuch Luke Davies
nach dem autobiografischen Roman „Lion: Der lange Weg nach hause“ von Saroo Brierley
Regie Garth Davis, UK, Austrailien, USA 2016
Darsteller Dev Patel, Sunny Pawar, Rooney Mara, Nicole Kidman, David Wenham, Abhishek Bharate, Priyanka Bose, Khushi Solanki, Shankar Nisode, Tannishtha Chatterjee, Nawazuddin Siddiqui, Riddhi Sen, Koushik Sen, Rita Boy, Udayshankar Pal, Surojit Das, Deepti Naval, Menik Gooneratne u.a.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
23. Februar 2017
Website lionmovie.com
Inhalt

Als der fünfjährige Saroo den Bahnhof seiner kleinen indischen Heimatstadt nach Geld und Essensresten absucht, schläft er in einem haltenden Zug ein. Tausende Meilen von Zuhause entfernt, landet er schließlich in der Großstadt Kalkutta.

Wochenlang irrt er alleine in den Straßen umher. Die Odyssee des Jungen endet in einem Waisenhaus, wo ihn die Australier Sue und John Brierley adoptieren.

20 Jahre später lebt Saroo als erfolgreicher Mann mit seiner Freundin Lucy in Melbourne. Da er die Hoffnung nach der Aufklärung seiner Herkunft nie aufgegeben hat, sucht er nächtelang das Zugnetz Indiens bei Google Earth ab, bis er endlich einen Ort findet, an den er sich zu erinnern glaubt …

Was zu sagen wäre

Ein kleiner Junge verliert sich im Moloch einer stinkenden Großstadt zwischen Menschen, deren Sprache er nicht spricht. Er weiß nicht, wo er herkommt und einen Familiennamen hat er offenbar auch nicht. Ein Film nach einer wahren (fürs Kino ein weng dramatisierten) Geschichte unter der Regie eines Mannes, der bislang Werbung und Musikclips gedreht hat. Es sind schon Filme an geringeren Hürden gescheitert. Dieser scheitert nicht.

Garth Davis nimmt sein Sujet ernst, hat sich genau überlegt, was das für einen kleinen Jungen bedeutet. Er findet bedrückende Bilder der Orientierungslosigkeit. Einmal klammer sich der Junge an einen Mast, um die Menschenmasse zu überblicken und um Hilfe zu bitten – in der Totale geht der Junge mit der Piepse-Stimme im großen Gewühl unter. Wenig später, die immerwährende Menschenmenge in Kalkutta bewegt sich nach rechts, allein steht der Junge mit Blickrichtung links –  allein unter Millionen. Die erste Hälfte dieses Films ist so stark, dass die Schwächen in der zweiten Hälfte nicht mehr ins Gewicht fallen.

Plakatmotiv (US): Lion – Der lange Weg nach HauseBis sich die Handlung nach Australien verlsagert, sprechen die Menschen im Film ausschließlich indisch – das heißt: der Junge spricht Hindi, die Menschen in Kalkutta bengalisch. Die Version, die ich gesehen habe, hatte hier keine Untertitel. Das hat nicht gestört. Das unterstreicht nicht nur die Fremdheit des Jungen in dieser verrusten Welt. Bis auf ein-, zweimal, in denen augenscheinlich Story treibender Inhalt besprochen wurde, ergeben sich auch die Gesprächsinhalte aus den Situationen und den Gesichtern, von denen das faszinierendste Sunny Pawar gehört, der den Jungen Saroo spielt; der Junge ist großartig gecastet.

Sein erwachsenes Ich, Dev Patel (Chappie – 2015; Best Exotic Marigold Hotel – 2011; Die Legende von Aang – 2010; Slumdog Millionär – 2008) als Jesus-Lookalike, gibt dem 25-jährigen Saroo die notwendige Komplexität, die die Zerrenheit zwischen seiner australischen und seiner indischen Familie verdeutlicht. In diese zweite Hälfte gehört der Konflikt, ohne den kein Drama funktioniert. An authentischen Begebenheiten orientiert bleibt er innerhalb des Films ein störender Ballast; Der zuschauer weiß schon, dass Saroo seine Mutter finden wird, da wirkt das Drama mit dem schlechten Gewissen der Adoptivmutter gegenüber in die Länge gezogen. Da driftet der bislang straff erzählte Film in emotionales Allerlei ab – inhaltlich notwendig, aber zu lang.

Eine wunderbare Arbeit leistet Kameramann Greig Fraser. Sein Indien leuchtet. Egal, ob als schmutzig gelb-graues Kalkutta oder als sonnendurchflutetes, staubiges Westindien. Jede Einstellung ein Kunstwerk, angefüllt mit guten, unprätentiösen Schauspielern wie Rooney Mara (Pan – 2015; Carol – 2015; Her – 2013; Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen – 2013; Verblendung – 2011; The Social Network – 2010) als Freundin mit viel Verständnis oder Nicole Kidman als herzliche Adoptivmutter („Ich. Darf. Nicht. Schlafen.“ – 2014; „Grace of Monaco“ – 2014; „Australia“ – 2008; „Der goldene Kompass“ – 2007; „Die Dolmetscherin“ – 2005; „Die Frauen von Stepford“ – 2004; „Unterwegs nach Cold Mountain“ – 2003; „The Hours“ – 2002; Panic Room – 2002; The Others – 2001; Moulin Rouge! – 2001; Eyes Wide Shut – 1999; Projekt: Peacemaker – 1997; Batman Forever – 1995; „To Die For“ – 1995; Malice – Eine Intrige – 1993; „In einem fernen Land“ – 1992; Tage des Donners – 1990; „Todesstille“ – 1989).

Die schönsten Geschichten schreibt ja, wie man so sagt, das Leben. Auf der Leinwand geht das dann häufig schief, weil die Produktion bei Biografie-Bestsellerverfilmungen mehr aufs BoxOffice als auf Emotionen guckt; das ist hier nicht der Fall.

Der Verfilmung hält die Balance zwischen Rührung und Realismus. Das hat sich gelohnt. Die Produktionskosten des Films lagen bei etwa 12 Millionen US-Dollar. Weltweit eingespielt hat der Film 139,3 Millionen US-Dollar.

Wertung: 7 von 8 €uro