Plakatmotiv: Kong – Skull Island

Die Rückkehr eines alten Bekannten,
gefeiert in grandioser Totale

Titel Kong – Skull Island
(Kong: Skull Island)
Drehbuch Dan Gilroy + Max Borenstein + Derek Connolly + John Gatins
Regie Jordan Vogt-Roberts, USA 2017
Darsteller
Tom Hiddleston, Samuel L. Jackson, Brie Larson, John C. Reilly, John Goodman, Corey Hawkins, John Ortiz, Tian Jing, Toby Kebbell, Jason Mitchell, Shea Whigham, Thomas Mann, Eugene Cordero, Marc Evan Jackson, Will Brittain u.a.
Genre Monsterfilm, Abenteuer
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
9. März 2017
Website kongskullislandmovie.com
Inhalt
1944: Während einer Luftschlacht im Zweiten Weltkrieg getroffen, notlanden zwei Piloten auf einer Insel. Der japanische Pilot und der US-amerikanische Pilot, Hank Marlow, bekämpfen sich auf der Insel auf Leben und Tod. Als der Japaner kurz davor steht, seinen Feind zu töten, taucht ein riesiger Affe auf und unterbricht ihren Kampf.

1972: Bill Randa, Leiter der Regierungsorganisation Monarch, will mit seinen Assistenten auf einer unberührten und mysteriösen Insel namens Skull Island nach urzeitlichen Monstern suchen. Er requiriert die notwendigen Gelder, eine Militärtruppe, die gerade vom soeben beendeten Vietnamkrieg heimkehren will, den Fährtenleser und Kriegsveteran James Conrad sowie Kriegsfotografin Mason Weaver. Das Kommando hat Lieutenant Colonel Packard. Da die Insel von einem Sturm umgeben ist, startet die Gruppe in 17 Helikoptern von einem Schiff, zu dem der Kontakt abbricht; zuvor war ein Treffen am Nordende der Insel drei Tage später verabredet.

Nachdem die Helikopter den Sturm durchflogen haben, werden von Monarch Bomben fallen gelassen, um durch seismologische Auswertungen die geologische Struktur zu erforschen. Einer der Forscher entdeckt, dass sich unter der Insel ein gewaltiger Hohlraum in der Erdkruste befindet, in dem urzeitliche Wesen überlebt haben könnten. Plötzlich werden die Helikopter von einem Riesenaffen angegriffen und sämtlich zerstört. Die Überlebenden werden im weiten Umkreis im Dschungel zerstreut. Packard macht sich auf die Suche nach den Waffen im Transporthubschrauber, um den Tod seiner Männer zu rächen – und den Affen zu töten.

Eine andere Gruppe trifft auf Eingeborene und den Überlebenden Marlow, der ihnen vom Riesenaffen Kong, dem König der Insel erzählt, und von anderen Monstern unter der Insel, die von Kong bekämpft werden. Weaver hilft einem großen Tier aus einer Klemme. Kong bemerkt dies und sieht sie nicht mehr als Feindin an.

Marlow hat aus den beiden abgestürzten Flugzeugen ein Boot gebaut, um die Insel verlassen zu können. Damit will die Gruppe nach Norden zum Treffpunkt fahren. Sie treffen wieder auf die übrigen Soldaten und folgen Packard bei der Suche nach den Waffen, wo sie von großen Echsen angegriffen werden. Die Gruppen trennen sich wieder. Doch Conrad will nicht zulassen, dass Kong von den Soldaten getötet wird …

Was zu sagen wäre

Wenn dann, etwa 40 Minuten vor Schluss, jene Szene kommt, die zu einem King-Kong-Film gehört, wie der Eisberg zur Titanic, ist es doch noch der Film geworden, den ich sehen wollte – der Schwächen hat, der mir, ein–, zweimal auf die Nerven geht, und der sich zu Beginn in einen Hubschrauber-Porno hineinsteigert, dass es aussieht, als habe Regisseur Jordan Vogt-Roberts, der bisher mit dem Low-Budget-Coming-of-Age-Film „The Kings of Summer“ (2013) aufgefallen ist, schon beim Dreh zahlloser Episoden zahl- und (hierzulande) namenloser TV-Serien davon geträumt, einmal die Vietnam-Visionen von Francis Ford Coppola und Oliver Stone zu kopieren. Das macht er ausgiebig und schafft es sogar, von einem Schiffsfrachter, auf dem vier Hubschrauber stehen, zwölf Hubschrauber abheben zu lassen. Das ist insofern nicht weiter tragisch, weil der Titelheld wenige Minuten später umso mehr Hubschrauber hat, die er zerreißen, zerknüllen und zu Boden schmettern kann; aber blöd ist es schon, die Zuschauer gleich zu Beginn darauf aufmerksam zu machen, dass man es mit innerer Logik nicht so genau nimmt – Hauptsache Spaß!

Die Oscar-Preisträgerin und der große Gorilla

Oh, und es macht Spaß, Kong dabei zuzusehen, wie er sein Zuhause sauber hält, Bäume in Frontscheiben wirft und mit Helikoptern Baseball spielt. Dass dabei Soldaten und Zivilisten schreiend einen ungemütlichen Tod sterben, macht den Spaß anrüchig, aber – bitte – es ist dann eben doch kein Oliver-Stone-Vietnam-Drama, sondern ein Monsterfilm. Da passiert so etwas nun mal, weil es in diesem Filmen auch immer Piloten gibt, die glauben, dem Riesen mit ein paar Maschinengewehrsalven beikommen zu können, während sie sich dem Monster auf Armlänge nähern. Und in einem King-Kong-Film gibt es eine Beziehung zwischen Riesengorilla und junger Frau. In diesem Fall heißt sie Mason Weaver, ist Kriegsfotografin – „Antikriegs-Fotografin“, wie sie gleich betont, um sich vom bärbeißigen Colonel dann belehren zu lassen, dass Fotos mehr Menschen töten als Waffen (aber dieser Colonel ist eh ein Thema für sich) – und wird von der letztjährigen Oscar-Preisträgerin Brie Larson gespielt (Raum – 2015; Dating Queen – 2015; The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt – 2013; 21 Jump Street – 2012), die eine ganze Weile wie hübsches Beiwerk im Figur-betonenden Tank Top durch den Film stolpert, weil ihre Rolle erst spät Gestalt annimmt. Dann kommt sie dem Affen nahe und diese Szene ist berührend. Und die Fotografin wird zur coolen Durchblickerin, während das Testosteron um sie herum noch wild um sich ballert, was den britischen EliteEinzelkämpferSuperFährtenleser schließlich zu dem Satz verleitet „Ich muss Kong retten!“.

Es war schon 1933 in „King Kong und die Weiße Frau“ schwer zu glauben, dass sich ein Riesenprimat in einen winzigen blonden Schreihals verguckt und dem dann auch noch an die Brüste geht. Das ging aber im Stop-Motion-Gewitter unter, das Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack damals mit Willis O’Briens Hilfe entfachten. 1976 unter John Guillermins Regie mit einer herumzickenden Jessica Lange machte das die Neuverfilmung gleich ganz kaputt und 2005, als Peter Jackson dann den nächsten Wiederbelebungsversuch startete, war die reale Welt längst so durchrationalisiert, dass die Liebeswirren des Affen nurmehr als Humoreske in einem überlangen, weiteren Spektakelfilm durchgingen. King Kong 2017 ist pragmatischer.

Die Wiederentdeckung der Totalen

Die Beziehung zwischen Monster und Frau wird, so weit das halt möglich ist, realistisch erklärt, gipfelt in dieser wunderbaren Mondlichtszene und relativiert sich dann zu einer Beziehung, die keine Erwartungen stellt, auf die er und sie sich aber in den entscheidenden Augenblicken verlassen können. Sehr schön. Sehr simpel. Sehr klar. Die Mondlichtszene mit King Kong und der weißen Frau macht eine weitere Stärke des Films deutlich: Jordan Vogt-Roberts scheut nicht die Totale. In den alten Monsterfilmen gab es die immer wieder, um dem staunenden Publikum möglichst viel Monster-gegen-Monster in Breitwand zeigen zu können. Dann starb diese Einstellung aus, weil die Tricktechniker dem anspruchsvoller gewordenen Publikum nicht mehr – oder nur sehr teuer – liefern konnten. In den 90er und Nuller-Jahren dann, in denen die SFX immer ziselierter wurden, vermehrten sich im einschlägigen Genre Close-Ups von trampelnden Pranken, rennenden Menschen und Reißschwenks, schnell geschnitten vornehmlich in nächtlichem Regen, um Ungenauigkeiten in der CGI besser zu kaschieren.

Heute ist alles CGI, Regisseure dirigieren ein Heer von Programmierern und nebenbei ein paar Schauspieler vor grüner oder (im vorliegenden Fall) blauer Wand. Und da hat Vogt-Roberts ein paar Motive designt, bei denen ich mit der Zunge schnalze. Die neben der weißen Frau ebenso unumgänglichen Szenen – „Kong gegen Seeschlange“ und „Kong gegen Dino“ – werden liebevoll, bzw. bemerkenswert wuchtig inszeniert. Man merkt förmlich, wie Vogt-Roberts die Tatsache, dass sich ein Riese leichter in ein Hochkant-Format setzen ließe, störrisch ignoriert, um schöne Bilder in Cinemascope zu schaffen; und wenn auch alles CGI-Pixel sind, es sind schöne Bilder geworden! Bevölkert mit allerlei Getier – gigantischen Insekten und Gewürm –, das, seit es aus dem Original von 1933 herausgeschnitten wurde und dann unwiderbringlich verschwand, zum eingebildeten Must-Have der Kongfilme gehört.

84 Jahre später nun bestätigt sich, dass es das Gewürm nicht braucht. Die Szenen mit gigantischen Spinnen oder Flugsauriern, die schwerste Lasten transportieren können, sind reine Effekthascher, die dem gerne zum Drama wachsen wollenden Film abträglich sind. Gleichzeitig führen sie die im Film alles untermauernde Theorie ad absurdum, wonach in Hohlräumen unter der Erdoberfläche Kreaturen aus der Urzeit überlebt haben könnten; im Jura lebten allerdings Dinosaurier, die nicht zuletzt durch Filme wie Jurassic Park (1995) einigermaßen lückenlos erfasst sind und aussahen wie … Dinosaurier … Bronto–, Stego– oder Tyrannosaurier; aber gewiss nicht wie Spinnen aus dem cinematografischen Trash der 1960er Jahre oder wie Wasserbüffel XXXL. Letztere sorgen wenigstens für zwei anrührende Momente. Aber ohne dieses Getier wäre der Film 15 Minuten kürzer, stringenter und packender.

Sehnsucht nach der analogen Welt

Die Geschichte spielt 1972, was für sich genommen keine Rolle spielt – ist halt so. Macht es den Autoren einfacher, den hasserfüllten Militaristengeifer zu erklären, den Samuel L. Jackson als Colonel versprühen muss. Soldaten auf dem Stand von 2017 würden eher nicht so absurd plump in jede Falle laufen, die ein Monster legt; aber es gehört natürlich zur Natur des Creature Features, dass darin eine ordentllche Zahl an Menschen mitspielen, die bei der Verteilung von Intelligenz nicht den Finger gehoben haben. Und – mal so grundsätzlich betrachtet – im Kino lassen sich die meisten Geschichten einfach spannender erzählen, wenn sie vor dem Zeitalter der Digitalisierung spielen, also in einer Zeit, als die Welt und die Menschen darin noch Geheimnisse hatten.

Samuel L. Jackson spielt seit Jahren immer dieselbe Rolle, unterscheidbar nur darin, wie close die Kamera seinen schneidenden Blick aufnimmt – so halbnah? Dann ist er ein Bärbeißiger mit Herz auf dem rechten Fleck. Ganz nah, dann ist er ein Bärbeißiger mit Irrationales-Arschloch-Attitüde. Seine Rolle zerstört fast den Film, weil sie heutzutage nur noch im Alterswerk Steven Seagals Akzeptanz findet. Aber gut … damals … Vietnamkrieg … wir Älteren erinnern uns … da war das Soldatenherz noch ein anderes; er und der Gorilla haben dann auch eine gemeinsame Szene nach dem Helikopter-Baseball, die ist für den Genre-Fan gänsehautig.

Gorilla ist eigentlich nicht mehr der richtige Begriff für den pelzigen Giganten aus dem aktuellen Film. An die Silberrücken der biologischen Real-World-Vorbilder erinnert wenig. Der neue Kong sieht eher aus wie der Schulhof-Bully, der sich ausnahmsweise für die Guten prügelt. Das hat offenkundig mit dem Plan zu tun, in wenigen Jahren den amerikanischen Koloss Kong auf die japanische Urzeitechse Godzilla zu hetzen, auf dass die beiden ein neues, wirtschaftlich erfolgreiches Franchise begründen. Die Produzenten haben vor drei Jahren ihren ersten Versuchsballon gestartet mit einer Neuinterpretation der Godzilla-Saga, in der die Echse, ähnlich wie Kong, als göttliches Jin zum bösen Yang bezeichnet wird – als Bewahrerin uralter Regeln. Nun soll ein zweiter Godzilla-Film folgen und dann die gemeinsame Party. Da stört es eher, wenn der Riesen-Gorilla noch aussieht, wie ein Gorilla.

Aus Menschen werden Projektionsflächen für den Weltmarkt

Kong 2017 folgt dem Hollywood-Konzept für eine weltweite Vermarktung: In den Nebenrollen spielen Menschen aus allen Erdteilen, deren Rolle je nach Erdteil, in dem die Kopie gezeigt wird, um ein paar Minuten verlängert werden kann. Und die Hauptfigur, im vorliegenden Fall Kong, wird soweit wie möglich internationalisiert – entpersonifiziert. Wenn der Gorilla erst einmal seiner Natur beraubt ist, so wie auch Godzilla seinem echten Vorbild aus der Fauna nur noch entfernt ähnelt, dann kann man mit ihm alle möglichen Monster-Comics inszenieren. Die Metamorphose vom Silberrücken zum stattlichen Schläger im Pelz ist nicht neu. In „Die Rückkehr des King Kong“ (1962) und in „King Kong – Frankensteins Sohn“ (1967) aus den japanischen Toho-Studios schon war von dem biologischen Original nichts mehr außer einem dicken Schädel zu sehen.

Kong wird im vorliegenden Film als „noch jung“ bezeichnet. Spielt der geplante kommende Godzilla-Film also Mitte der 1970er Jahre – wofür der 2014-Film ordentliche Anknüpfungspunkte bietet – dann könnten Tom Hiddleston („High-Rise“ – 2015; „Only Lovers Left Alive“ – 2013; The Avengers – 2012; Gefährten – 2011; Midnight in Paris – 2011; Thor – 2011) und Brie Larson, wie es die Post-Credit-Scene im aktuellen Kong-Film andeutet, weiter (und sicher kassenklingelnd) mitspielen. Oder wird Kong erwachsen und trifft auf einen 2020-Godzilla? Dann aber (naturgemäß) ohne die beiden Stars? Fast wurscht: Wichtiger sind die beiden Giganten. King Kong und Godzilla sind seit ihrer jeweiligen Erfindung Titelhelden eines jeweils erfolgreichen Franchises geworden und hatten – zumindest in deutschen Filmtiteln – schon diverse Aufeinandertreffen.

Dass jetzt also die dritte Runde startet – oder ist es die vierte? – ist kaum überraschend. Nach Disneys erfolgreich gestartetem Marvel-Superhelden-Franchise und Warners Versuch, es mit den DC-Helden Superman und Batman gleich zu tun, nach dem neu gebooteten Star-Wars-Franchise ist die Monsterserie der nächste Versuch, schon heute Filme fürs kommende Jahrzehnt klar zu machen – alle zwei Jahre ein Film; eine TV-Serie mit weniger Folgen, dafür mehr Bombast, die aber eigentlich auch erst auf dem heimischen Sofa in Reihe ihren Charme entfaltet.

Rare Momente, wie jener zwischen Brie Larsen und dem Monster im Mondlicht bilden dann nur noch die Sahnehäubchen auf dem Monsterkuchen, die sich als Plakatmotiv gut verkaufen lassen.

Wertung: 4 von 8 €uro