Buchcover: Stephen King – Sie
Mit „Misery“ beweist King
seine wahre Qualität

Titel Sie
(Misery)
Autor Stephen King, USA 1987
aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
Verlag Heyne
Ausgabe Taschenbuch, 400 Seiten
Genre Drama
Website stephenking.com
Inhalt

Paul Sheldon hat es geschafft: Der Schriftsteller hat seinen ersten Roman fertig gestellt, den er selbst unter „ernsthafter Literatur“ einordnet. Demnächst wird sein letzter Roman um die populäre Heldin „Misery Chestain“ veröffentlicht. Dann stirbt sie und Paul hat endlich Ruhe. Auf der Rückreise von seiner Klause in den Bergen, in die er sich zum Schreiben stets zurück zieht, baut er einen schweren Unfall, kommt von den verschneiten Straßen ab und wäre gestorben, wenn nicht Annie Wilkes des Weges gekommen wäre und ihn gerettet hätte.

Annie stellt sich ihm als „sein größter Fan“ vor, sichtlich begeistert, diesen verehrungswürdigen Erfinder jener wunderbaren Misery Chestain in ihrem Krankenbett zu haben. Paul hat beide Beine gebrochen, kann sich kaum bewegen und Annie ist Krankenschwester und die Krankenschwester findet Pauls jüngstes Manuskript, das sie schwülstig findet und Annie ist gar nicht begeistert, als im krachneuen Misery-Roman, den sie im alten Drugstore kauft, ihre Misery stirbt.

Sie zwingt Paul, einen weiteren Roman zu schreiben. Nur für sie: Misery Chestain soll wieder auferstehen. Und Annie Wilkes präsentiert dem wehrlosen Paul Sheldon überzeugende Argumente, damit er sich an die Arbeit macht – zum Beispiel diverse Drogen, den Entzug von Schmerzmitteln. Oder auch eine Axt …

Was zu sagen wäre
Sie

Autsch! Die Szene mit der Axt, die in meiner Ausgabe auf Seite 263 beginnt, tut beim Lesen weh. Annie steht am Fußende von Pauls Bett, nachdem sie gemerkt hat, dass Paul einen Fluchtversuch unternommen hatte und berichtet von einer afrikanischen Diamantenmine:

„Manchmal stahlen die eingeborenen Arbeiter Diamanten. Sie wickelten sie in Blätter und schoben sie sich ins Rektum. Wenn sie aus dem großen Loch herauskamen, ohne entdeckt zu werden, liefen sie weg. Und wissen Sie, was die Engländer mit ihnen machten, wenn sie erwischt wurden, bevor sie den Oranjefluss überquert hatten und in Burengebiet entkommen waren?“
„Wahrscheinlich getötet“, sagte er, ohne die Augen zu öffnen.
„Oh nein! Das wäre etwa so gewesen, als würde man ein teures Auto verschrotten, nur weil ein Stoßdämpfer gebrochen ist. Wenn sie sie erwischten, dann stellten sie sicher, dass sie weiter arbeiten konnten … Aber sie stellten auch sicher, dass sie nie wieder fliehen konnten. Diesen Vorgang nannte man hobbeln, Paul, und das werde ich jetzt mit Ihnen machen. Für meine eigene Sicherheit … und selbstverständlich für Ihre. Glauben Sie mir, es ist notwendig, dass sie vor sich selbst geschützt werden. Bedenken Sie, ein wenig Schmerzen, und dann ist es vorbei. Versuchen Sie, sich an diesen Gedanken zu klammern.“

Ich hoffe, Stephen King verzeiht mir diesen kleinen Abdruck aus seinem Werk, den ich auch nicht weiter ausführen will. Annie hat, wie gesagt, eine Axt neben sich stehen und King erfreut uns im Folgenden unter anderem mit der Erkenntnis, dass die Klinge des Beils quietscht, wenn sie aus einem noch nicht ganz zerteilten Fußgelenk gezogen wird.

Dieses Buch halte ich jedem vor, der behauptet, er lese keine King-Romane, weil er sich für Horror nicht interessiere. „Horror“?? Horror hat was mit Geistern zu tun, mit Übernatürlichem. In diesem Roman gibt es keine säftelnd geifernd grinsenden Wesen. Es gibt nur Annie. Und Paul. Und Annies Haus, irgendwo weit ab vom Schuss, wo niemand etwas mit bekommt. Mit „Misery“ beweist King seine wahren Qualitäten: Er kann gut erzählen und schafft es dauernd, dass ich abends dann doch noch ein Kapitel lese.

Wie nahezu alle Romane von Stephen King wurde auch „Misery“ verfilmt (Rob Reiner, USA 1990). Und dass Annie für mich auf ewig das Gesicht von Kathy Bates haben wird, liegt daran, dass Bates Annie ist. Sie bekam für die Rolle den Oscar. William Goldman, der das Drehbuch schrieb, erzählt in „Wer hat hier gelogen? – Neues aus dem Hollywood-Geschäft“, dass die Hobbel-Szene ihn überzeugt habe, das Buch für die Leinwand zu adaptieren. Er sei entsetzt gewesen, schreibt er, als Rob Reiner statt der Axt auf diesen schweren Hammer zurück gegriffen habe. Mir hat auch der gereicht. Außer einmal im Kino habe ich den Film später auf Video immer an dieser Stelle abgebrochen – ich kann sie kaum ertragen.