Buchcover: Stephen King – „es“
King auf dem Höhepunkt
seiner Erzählkunst
Titel „es“
(„IT“)
Autor Stephen King, USA 1986
aus dem Amerikanischen von Alexandra von Reinhardt
Verlag Heyne
Ausgabe Taschenbuch, 860 Seiten
Genre Drama, Horror
Website stephenking.com
Inhalt

Derry, Maine. Ein namenloses Grauen versetzt die kleine Stadt an der Osküste der Vereinigten Saaten in Angst und Schrecken. Das Böse. Die unheimliche Mordserie reißt nicht ab.

Mike Hanlon und seine Freunde halten ihren Schwur, den sie vor fünfundzwanzig Jahren getan haben: „es“ zu bekämpfen, das Grauen zu beenden …

Was zu sagen wäre
„es“

Mein absoluter King unter den King-Romanen! Ein Roman über das Ende der Kindheit und das Buch, in dem er seine ganze Meisterschaft jenseits der Monster zeigt, über die er so häufig definiert wird.

King beschreibt die Jahre des Heranwachsens im amerikanischen Hinterland mit großer Zärtlichkeit. Die Geschichte handelt von sieben Kindern, sechs Jungs und ein Mädchen, die sich zum "Club der Verlierer" zusammenschließen. Sie sind diejenigen, die in der Schule in die Toilette gesteckt und vom Gerüst geschubst werden. Für Antihelden hat King ein großes Herz. Er beschreibt die Welt, wie sie sich mit 13 angefühlt hat: Wie eine eiskalte Dr.-Pepper-Cola an einem heißen Sommertag schmecken kann. Die Lebenswirklichkeit besteht zunächst vor allem aus aufgeschürften Knien, selbstgebauten Dämmen, klapprigen Fahrrädern, sehr viel Eiscreme und all den anderen Verheißungen eines langen Spätsommers in einem Alter, in dem Zucker und erste Küsse fürs große Glück noch vollkommen ausreichend sind.

King scheint auf diesen Roman hin gearbeitet zu haben. Seine Novelle „Stand by me“ war so eine Art Fingerübung, eine Kindheit in Maine zu erzählen. Viele Motive tauchen in „es“ wieder auf. Mit derselben Genauigkeit, mit er die Freuden des ersten Teenage-Sommers berschreibt, beschreibt er auch die Demütigungen der Kindheit und die erste Einsicht in die Fehlbarkeit der Erwachsenenwelt. Dabei verkörpert der Clown, Pennywise, den Albtraum von einem Amerika in Unordnung. In Derry werden Schwarze gejagt, Schwule verprügelt, Mädchen belästigt. Kings Figurenkabinett sind nicht die strahlend schönen Cheerleaders und erfolgreichen Footballspieler mit den irre gut gebauten Körpern. Kings Loser bestehen aus einem Dicken, einem Stotterer, einem, der von seinem Vater geschlagen wird; und natürlich gibt es die üblen Halbstarken, die unseren Helden – neben dem Clown aus der Kanalisation – das Leben schwer machen. Überhaupt ist der Roman ein Sammelbecken all jener Figuren, die das King-Universum seit je bevölkern: Schnapsnasen, aufrechte Verlierer und ratlose Helden, die alleine gegen das Böse antreten. Und seit diesem Roman gelten auch Clowns als offizielle Schreckensfigur. „Es“ ist in diesem Sinne weniger ein Horrorroman, also kein Buch, das Angst machen will, sondern ein Buch, das vom Angsthaben erzählt. Angst vor einer konfusen Erwachsenenwelt; Angst vor einer erwachenden Sexualität. Dieses „Es“, den King als Titel für sein Buch gewählt hat, ist unschwer als jenes Mittelstück der Freud'schen Trias aus Ich – Es – Über-Ich zu identifizieren, als jenes Unbewusste, das, wenn wir es nicht bändigen, uns auffressen wird. Aber das wäre ja eine staubtrockene Exegese über die Theorie eines Österreichers aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das hat King nicht vorgeschwebt, aber sein Clown tut letztlich nichts anderes, als uns aufzufressen, wenn wir unsere Ängste, wenn wir den Grusel-Clown nicht bändigen können.

Allein der Kampf gegen das spinnenartige Monster irgendwo unter der Erde (und irgendwie auch in einem anderen Universum) ist abstrus – das basiert irgendwie auf einer Philosophie, wonach das Universum von einer sehr lieben alten Schildkröte erschaffen wurde; es mag sich hierbei um Passagen handeln, die King zu einer Zeit geschrieben hat, als er schwer unter Drogen stand – darüber schreibt er Jahre später in seinem Buch Das Lesen und das Schreiben – On writing (2000). Jedenfalls: Diese komische Spinne da unter der Erde konnte mich nicht mitreißen. Ich liebe Kings Romane deshalb so sehr, weil sie im allgemeinen in unserer Welt spielen, in die sich das Grauen einschleicht, sich zwischen Tür und Angel einnistet und Dich dann mit großen, hungrigen Augen anlechzt.

Dieser Roman hier ist ein echter Schmöker; er spielt auf zwei Zeitebenen und ist so voller Geschichten und Gefühle, dass es schwer fällt, „es“ aus der Hand zu legen.