Plakatmotiv: Die barfüßige Gräfin (1954)
Ein opulentes Melodram
mit wunderschönen Sätzen
Titel Die barfüßige Gräfin
(The Barefoot Contessa)
Drehbuch Joseph L. Mankiewicz
Regie Joseph L. Mankiewicz, Italien, USA 1954
Darsteller
Humphrey Bogart, Ava Gardner, Edmond O'Brien, Marius Goring, Valentina Cortese, Rossano Brazzi, Elizabeth Sellars, Warren Stevens, Franco Interlenghi, Mari Aldon, Alberto Rabagliati, Enzo Staiola, Maria Zanoli, Renato Chiantoni, Bill Fraser u.a.
Genre Drama
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
7. April 1955
Inhalt

Filmregisseur Harry Dawes hat bessere Tage gesehen. Als er zu Probeaufnahmen mit der unbekannten Maria Vargas nach Madrid kommt, macht ihm sein arroganter Geldgeber fast einen Strich durch die Rechnung. Nur mit Mühe kann Dawes die attraktive Tänzerin zu einem Vertrag überreden, und bereits der erste gemeinsame Film wird zu einem großen Erfolg.

Plakatmotiv: Die barfüßige Gräfin (1954)Aus Maria Vargas wird der von Männern umworbene Star Maria d’Amata. Doch auch gegenüber dem reichen Südamerikaner Bravano bleibt sie zunächst unnahbar. Als Bravano in einem Spielcasino zu aufdringlich wird, kommt ihr der italienische Graf Vincenzo Torlato-Favrini zur Hilfe – der Beginn einer großen Liebe. Doch Harry, der bei der bald anstehenden Hochzeit Trauzeuge ist, zweifelt daran, dass Maria mit Vincenzo wirklich glücklich werden kann. Schon bald bestätigen sich seine Zweifel auf tragische Weise …

Was zu sagen wäre

Wenn Hollywood-Macher sich mit mit dem Hollywood-Geschäft auseinandersetzen, wird es besonders bissig: „Lieschen Müller möchte anständige Leute auf der Leinwand sehen. Dafür bezahlt sie“, sagt PR-Manager Muldoon im vorliegenden Film. „Lasst Euch nur nicht einreden, sie wollten interessante Darsteller und besonders geschliffene Dialoge. Sie will ihren Kummer vergessen, hochedle Helden bewundern und der Wirklichkeit entfliehen. Nicht sehen will sie Halbverrückte, Sexualverbrecher, Ehebrecher, Kommunisten, Mörder. Auch nicht die Kinder von Mördern. Davon hat sie genug bei sich zu Hause.“

Film im Film – entweder als Komödie, Krimi oder Melodram

Bevorzugt tauchen Filmstudios und deren Fauna in Mordgeschichten, Melodramen oder giftigen Komödien auf. Joseph L. Mankiewicz wählt das Melodram und holt gleich das ganz große Besteck raus. Die erste Einstellung zeigt einen Friedhof, ein Grab mit marmorner Büste, es regnet. Ohne Hut in diesem Regen aber mit gewohntem Trenchcoat, der wie ein nasser Sack an an ihm hängt, steht Humphrey Bogart, dessen Stimme uns mit weichem Tremolo aus dem Off auf eine traurige Geschichte einstimmt. Es werden Sätze gesprochen, deren Bedeutungsschwere nachhallt: „Meine Art zu lieben, ist so ähnlich wie eine Krankheit. Wenn man selber der Kranke ist, kann man nicht davon laufen.“

Da sind wir in der Folge fast erleichtert, dass die nächste Szene nach dem Friedhof (auf den wir aber bis zum Ende immer wieder zurückkehren) in einem Nachtclub spielt, in dem Filmproduzent Kirk Edwards und seine Entourage einen neuen Star zu finden hofft. „Kirk stand im Begriff, einen Film zu produzieren, seinen ersten“, klärt uns Bogart aus dem Off auf, der hier einen Regisseur und Drehbuchautor jenseits seiner besten Tage spielt. „Alles Schöpferische war ihm so fremd, wie mir die Relativitätstheorie. Wir befanden uns auf der Jagd nach dem, was Filmleute sinnigerweise Ein neues Gesicht nennen. Dass wir deswegen von Hollywood bis Madrid gereist waren, wird Ihnen leicht übertrieben vorkommen. Aber ich habe Filmproduzenten gekannt, die wegen einer hübschen Larve bis in die Antarktis vorgedrungen sind.“

Wenn das Kino die Schönheit feiert, dann zeigt es sie nicht

Und dann hat diese hübsche Larve ihren ersten Auftritt. Es ist Ava Gardner als spanische Sängerin Maria. Wir sehen sie nicht. Wir hören sie singen. Aber vor allem sehen wir die Reaktionen der Menschen im Nachtclub: fiebrige Männer, gelangweilte Varieté-Damen, verträumte Männer, großäugige Kinder, eifersüchtige Ehefrauen. Wenn das Große Kino die Schönheit feiert, muss es sie nicht zeigen. Diese Einstellungen sagen über die Außenwirkung dieser Maria Vargas, über ihr Charisma mehr als jede noch so laszive Einstellung. Die Rolle der Maria wurde zunächst Rita Hayworth angeboten. Die lehnte aber ab; vermutlich weil die Filmhandlung starke Parallelen zu ihrer eigenen Biographie aufwies.

Wie weit da was dran ist, kann die Yellow Press beantworten. Tatsächlich hält das Script wohlfeilen Zynismus bereit. „Oscar Muldoon ist Propaganda-Agent. Ein Beruf, der verschiedene Tätigkeiten umfasst, einige davon sind strafbar.“ „Von Beruf war sie blond“, heißt es über Myrna, ein Starlet, das Kirk, dem Produzenten auf Neues-Gesicht-Suche die Zeit versüßt. Als diese Myrna sich whiskyselig fragt, was diese Maria hat, was sie, Myrna, nicht hat, zischt ihr Harry Dawes‘ Ehefrau ins Gesicht: „Was Maria hat, ist Ihnen unerreichbar! Und was Sie haben, gibt‘s an jeder Ecke zu kaufen. Ab mit Ihnen!“

Eine Erzählung aus drei Mündern

Ava Gardner („Die Ritter der Tafelrunde“ – 1053; Mogambo – 1953; „Schnee am Kilimandscharo“ – 1952) als spanisches Arme-Leute-Mädchen, das zur Königin wird, hat Feuer. „Ich hasse Schuhe, Mister Dawes. Ich trage sie beim Tanzen und um mich zu zeigen. Aber ich fürchte mich in Schuhen. Ich fühle mich sicherer, wenn ich barfuß gehe.“ Stolz kehrt sie dem neureichen Filmproduzenten den Rücken zu, selbst als verwundbare Larve strahlt sie Eleganz und Würde aus. Das wird der Maria-Figur in der ersten Hälfte, als sie noch das Arme-Leute-Mädchen ist, zur Bürde, von der sie sich nicht erholt. Wenn der Film beginnt, ist die Heldin tot. Je länger er dauert, desto stärker wird sie demontiert, wird zur tragischen Figur, die von dden Männern missbraucht, ausgebeutet und psychisch ausgesaugt wurde. So groß die Entwicklung der Maria in ihrem Leben also ist, so wenig entwickelt sich die Figur aber menschlich. Bis zum Schluss bleibt sie stolz ihren Prinzipien treu.

Der Geschichte der Maria Vargas, jener titelgebenden barfüßigen Gräfin, wird aus drei Persepektiven erzählt. Bogart erzählt als Autor und langjähriger Freund und Förderer. Er tut das mit der Abgeklärtheit eines Mannes, dem im Filmgeschäft nichts fremd ist und Bogart spielt das mit der Souveränität seiner 20 Jahre Berufserfahrung. Der wunderbare, stetig schwitzende Edmond O'Brian („Freibrief für Mord“ – 1954; „Hotel Schanghai“ – 1954; „Geheimdienst im Dschungel“ – 1953; „Julius Caesar“ – 1953) erzählt aus der Perspektive des Film-PR-Mannes Oscar Muldoon und Rossano Brazzi schließlich steuert als seifig-leidenschaftlicher Graf Vincenzo Torlato-Favrini seine Erfahrungen als Liebhaber und Ehemann der jetzt Toten bei. Dieser Kniff verleiht der Titelfigur ungewöhnliche Tiefe, weil sie bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Wesenszüge ausführlicher spielen kann.

Mehr Theater als Kino – Elegante Dialoge, große Gesten

Der Film als solches ist trotz aller Opulenz in Kamera und Ausstattung mehr Theater als Film. Die sehr schöne, elegante Wortwahl – sowohl aus dem Off wie auch bei den sprechenden Figuren – hält das Spiel aller näher am Theater. Die Dialoge sind wie kleine Stand-Up-Nummern, … quasi Stücke im Stück. Seinen Magic Moment hat der Film in einem Monolog des verzweifelten Edmond O'Brien/Oscar Muldoon: „Sie liebt ihren Vater. Weder ihr Film noch ihre Karriere bedeuten ihr so viel wie ihr Vater, der jetzt ihre Hilfe braucht“, stöhnt der um Fassung ringende Muldoon nach der Meldung, Marias Vater habe Marias Mutter umgebracht. „Eine Geschichte wie aus dem Groschenheft. Wegen dieser dummen, verlogenen Sentimentalität könnte man alles hinschmeißen. Wenn so ein Star verrückt wird, dann fängt‘s im Kopf an.“ Autor und Regisseur Joseph L. Mankiewicz ist ein Mann des Wortes.

Mankiewicz ist Spross eines aus Berlin nach Los Angeles ausgewanderten deutsch-jüdischen Zeitungsmachers. Als er zum Ende der Stummfilmzeit beim Film anfing, übersetzte er zunächst Zwischentitel von UFA-Filmen für den US-amerikanischen Markt, schrieb in der Folge für Paramount Pictures Dialoge und später komplette Drehbücher und als Paramount seinen Wunsch, Regie zu führen, nicht erhörte,, wechselte er erst zu Metro-Goldwyn-Mayer und später zur 20th Century Fox. Nachdem er bereits 1931 als Drehbuchautor für den Film „Skippy“ und 1940 als Produzent für den Film „Die Nacht vor der Hochzeit“ in der Kategorie Bester Film für den Oscar nominiert war, begann seine große Karriere Ende der 1940er Jahre: 1950 und 1951 beherrschte er die Oscar-Zeremonie mit „Ein Brief an drei Frauen“ und „Alles über Eva“ (sechs Oscars und acht weitere Nominierungen). Er war der einzige Drehbuchautor Hollywoods, der in zwei aufeinander folgenden Jahren den Oscar erhielt und 1951 noch für einen weiteren nominiert war (Drehbuch für „No Way Out“). In den späteren Jahren erregte vor allem der 1963 entstandene aufwendige „Cleopatra“-Film mit Elizabeth Taylor und Richard Burton Aufsehen. Das Privatleben der Hauptdarsteller und das steigende Filmbudget sorgten für ein reges Interesse der Massenmedien.

Das Gesicht in der Menge finden, das möglichst vielen Gesichtern gefällt

Dem wortgewaltigen Spin Doctor Muldoon bleibt es, die tiefer gehende Philosophie verzweifelter Hollywood-Autoren zu spielen. Es ist die Szene, nachdem Maria Vargas ihre gerade erst zündende Karriere aufs Spiel setzt, um vor Gericht, öffentlich, ihren Vater zu verteidigen, der seine furchtbare Ehefrau, ihre nervtötende Mutter, getötet hat. Muldoon steht einsam vor dem Gerichtsgebäude und sinniert über sich und seine Zunft: „Als Maria das Gerichtsgebäude verließ, war sie ein größerer Star als vorher, obwohl sie es unter Missachtung aller Regeln betreten hatte. Wie soll man sich das zusammenreimen? Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären ich. Und es wäre Ihr Beruf zu wissen, was das Publikum wünscht und denkt. Da stehen Sie mitten unter der Menge und fragen sich, wann Sie den Kontakt zu diesen Menschen verloren haben. Sie beginnen zu erkennen, dass das Publikum vielleicht mehr von Reklame und Propaganda versteht als Sie. Und dass sein Herz etwas ist, das man nicht immer allein mit Geld gewinnen kann.“ Während Muldoon sich in Gedanken immer mehr von „seinem Publikum“ entfernt, füllen immer mehr Menschen das Bild, Passanten, die zu einer gesichtslosen Masse werden, in der Muldonn verschwindet.

Wertung: 6 von 7 D-Mark