Plakatmotiv (US): Young Mr. Lincoln – Der junge Mr. Lincoln (1939)
Das Leben eines großen Präsidenten
erzählt als ehrfürchtiges Märchen
Titel Der junge Mr. Lincoln
(Young Mr. Lincoln)
Drehbuch Lamar Trotti
Regie John Ford, USA 1939
Darsteller Henry Fonda, Alice Brady, Marjorie Weaver, Arleen Whelan, Eddie Collins, Pauline Moore, Richard Cromwell, Donald Meek, Judith Dickens, Eddie Quillan, Spencer Charters, Ward Bond u.a.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 100 Minuten
Deutschlandstart
11. Mai 1972 (TV-Premiere)
Inhalt

New Salem, Illinois, im Jahr 1832. Der junge Abraham Lincoln kandidiert für das Staatsparlament. Nach einer Ansprache verkauft er an eine durchziehende Siedlerfamilie namens Clay Lebensmittel im Austausch für die Ausgabe eines Gesetzbuches. An einem Fluss studiert Lincoln das Buch und ist vom Text angeregt. Seine Jugendliebe Ann Rutledge ermutigt ihn, seine Studien fortzusetzen. Als Ann unerwartet stirbt, verlässt Lincoln das elterliche Geschäft und geht nach Springfield, um mit seinem Freund John Stuart eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Am Unabhängigkeitstag begegnet er seiner späteren Frau Mary Todd und seinem späteren politischen Gegner Stephen Douglas.

Noch in der gleichen Nacht beschuldigt J. Palmer Cass die beiden Brüder Matt und Adam Clay des Mordes an Scrub White. Sie bekennen sich schuldig, doch die einzige Augenzeugin, ihre Mutter Abigail, weigert sich, das zu bezeugen. Die Zuschauer rotten sich zu einem Lynchmob zusammen, der erst durch Lincoln gestoppt wird, der sich zum Rechtsanwalt der Brüder macht. Mary Todd, die von Lincolns Mut beeindruckt ist, lädt ihn zu einer Party ins Haus ihrer Schwester und deren Ehemann, Ninian Edwards, ein. Auch Douglas ist auf der Feier, doch Mary kann Lincoln an ihm vorbeilotsen. Später reitet Lincoln zu Clays Hütte. Dort trifft er die Mutter an und lernt die Schwiegertochter Sarah und Carrie Sue, Adams Verlobte, kennen.

Mit seiner bodenständigen Logik appelliert Lincoln bei der Verhandlung an die Geschworenen, das Gesetz einfach als eine Frage von Richtig und Falsch anzusehen. Staatsanwalt John Felder ruft Abigail Clay in den Zeugenstand. Er bietet ihr das Leben eines ihrer Söhne an, wenn sie ihm den Namen von Whites Mörder nenne. Abigail verweigert die Aussage. Lincoln erhebt Einspruch gegen Felders Strategie, der daraufhin Lincoln mangelnde Erfahrung vorwirft. Felder ruft nun den überraschten Cass in den Zeugenstand. Der bezeugt, dass Matt Clay das Opfer White erstochen habe, er habe es im Mondschein gesehen.

Noch am gleichen Abend erhält Lincoln Besuch von Richter Bell, der ihm vorschlägt, den erfahreneren Douglas zu Rate zu ziehen. Doch Lincoln will die beiden Brüder alleine verteidigen. In einem landwirtschaftlichen Almanach findet Lincoln heraus, dass zum Zeitpunkt von Whites Tod der Mond schon untergegangen war. Somit war Cass gar nicht in der Lage, den Mord zu beobachten. Mit dieser Tatsache konfrontiert, gesteht Cass, den Mord selber begangen zu haben. Nach dem Freispruch für die Brüder wird Lincoln von Mary und Douglas, der in ihm einen würdigen Gegner sieht, beglückwünscht. Die Familie Clay setzt ihre Reise fort.

Plakatmotiv (US): Young Mr. Lincoln – Der junge Mr. Lincoln (1939)

Was zu sagen wäre

Die Jugend des Abraham Lincoln findet in einem Paradies statt – sein Laden refinanziert sich nicht, weil alle auf Pump bei ihm kaufen, aber dennoch sind alle glückich und leben eine große Gemeinschaft, alle Welt mag Abe, und wenn er am Fluss liegt und ein Buch über Rechtswissenschaften studiert, könnte es idyllischer nicht zugehen – arm aber ehrgeizig. Außerdem ist die rothaarige Ann in den intelligenten strebsamen jungen Mann verliebt, das schönste Mädchen im Ort. Weil dieses Mädchen dann leider viel zu früh verstab, was John Ford in seiner trockenen Art ganz emotionslos erzählt, verlässt der junge Abraham bald sein Paradies, denn auch er weiß, etwas aus sich machen kann er nur in der harten Welt da draußen.

Also zieht er nach Springfield und reitet auf einem Esel in die große verruchte Stadt ein, wie einst Jesus, der Erlöser. Dort tritt er auf als junger, bescheidener und einfallsreicher Mann mit etwas staksigem Gang, der schnell in die Gesellschaft der Stadt integriert ist, die dann auch gar nicht so verrucht erscheint. Alle grüßen sich hier immer freundlich und klopfen sich auf gegenseitig auf die Schultern. Seine ersten anwaltlichen Fälle löst er pragmatisch, lebensnah und klug. Nie erhebt er seine Stimme, ja man könnte sagen, er führt eine einschläfernde Stimme. Weil das, was er sagt, die Menschen hypnotisiert. Wie er den Lynchmob, der ihm beinah seinen ersten großen Fall weg-hänkt, mit ruhigen Worten, klaren Sätzen und sehr nah am Menschen zur Raison bringt, ist beeindruckend.John Ford erzählt das alles im duktus eines Märchens mit Realitätsanleihen.

Als Vorlage für den Mordfall Clay in diesem Film diente der reale Mordfall Armstrong in Springfield 1858. Abraham Lincoln verteidigte dabei William Armstrong, der des Mordes an James Preston Metzker angeklagt war. Ebenso wie im Film gab der Augenzeuge Charles Allen zu Protokoll, er habe im Mondschein gesehen, dass Armstrong Metzker getötet habe. Lincoln wies nach, dass zum Zeitpunkt des Mordes der Mond schon untergegangen sei. Armstrong wurde freigesprochen.

Plakatmotiv (US): Young Mr. Lincoln – Der junge Mr. Lincoln (1939)

Zwischenzeitlich drückt John Ford in diesem Heldenmärchen ordentlich auf die Kitschspritze, etwa wenn Lincoln die Familie der Clays auf ihrer dürren kleinen Farm draußen vor der Stadt besucht und sich beim Anblick der bescheidenen Hütte an seine eigene Kindheit in Kentucky erinnert, an tote Schwestern und Tanten und Onkel und seine hart arbeitende Mutter – und unablässig tönen Hörner und Trompeten auf der Scorespur. Im Zusammenspiel mit den Szenen des zürnenden Mobs in der Stadt, gegen den sich der junge Anwalt glaubwürdig durchsetzen muss – um dem Zuschauer seinen weiteren präsidialen Lebensweg glaubhaft zu bereiten – verspielen sich solche honigsüßen Avancen an einen der populärsten Präsidenten der Vereinigten Staaten in dieser US-Produktion aber. „Ich glaube, ich wäre gestorben, wenn ich Ihnen nicht eine Kuss gegeben hätte, Mr. Lincoln.“, sagt am Ende die Verlobte des freigesprochenen Angeklagten.

Die Mutter der beiden Angeklagten, Alice Brady (Oscargewinnerin 1938 für „In Old Chicago“), spielt einfühlsam die schmerzenreiche Mutter und einfache Frau vom Land. Die Rolle der Mrs. Abigail Clay war ihr letzter Auftritt. Brady verstarb fünf Monate nach der Uraufführung des Films im Alter von 46 Jahren an Krebs.

Die Maskenbildner haben Henry Fondas rundliche Gesichtszüge mit scharfen, hohen Wangenknochen und tiefliegenden Augen versehen. Das gibt Fonda diesen stechenden Lincolnblick, den wir vom Lincoln Memorial kennen, welches auch das Schlussbild dieses Film bildet. Den Staatsanwalt bringt dieser scharfsichtige Mann mit kluger Rhetorik um den Verstand: „Mr. Lincoln sollte wissen, dass allein die Tatsache, dass ein möglicher Geschworener den Vertreter der Anklage kennt, ihn nicht disqualifiziert.“ „Ja, das weiß ich John. Ich habe nur die Befürchtung, dass ein paar Geschworene Sie vielleicht nicht kennen und dadurch käme ich sehr ins Hintertreffen.“ Darauf lacht der ganze Saal samt Vorsitzendem Richter, der gemütlich seine Stiefel auf dem Richtertich parkt. Bei aller Dramatik gelingt John Ford eine der lustigsten Gerichtsverhandlungen in einem Drama, seit Filme mit Ton gedreht werden.

„Ich glaube, ich gehe noch ein Stück weiter“, sagt Fondas Lincoln zum Schluss des Films, nachdem er die Clays verabschiedet hat. „Vielleicht gehe ich auch den Berg rauf! (… maybe to the Top of that Hill)“ – eine feine Anspielung, dass sein Weg bis zum Capitolshügel führen wird, dem Capitol Hill.

Wertung: 4 von 6 D-Mark