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Plakatmotiv: Cheyenne
John Fords Indianer-Epos
in Form einer Entschuldigung
Titel Cheyenne
(Cheyenne Autumn)
Drehbuch James R. Webb
nach dem gleichnamigen Roman von Mari Sandoz
Regie John Ford, USA 1964
Darsteller Richard Widmark, Carroll Baker, Karl Malden, Sal Mineo, Dolores del Rio, Ricardo Montalban, Gilbert Roland, Arthur Kennedy, James Stewart, Edward G. Robinson, Patrick Wayne, Elizabeth Allen, John Carradine, Victor Jory, Mike Mazurki u.a.
Genre Western
Filmlänge 154 Minuten
Deutschlandstart
22. Januar 1965
Inhalt

Die schon sehr dürftigen Nahrungsrationen, die die Regierung den Indianern vom Stamme der Cheyenne in ihre Reservate liefert, werden eingestellt. Die Indianer unter der Führung ihrer Häuptlinge Dull Knife und Little Wolf machen sich auf einen anstrengenden 1500-Meilen-Marsch von ihren Reservaten in Oklahoma zu ihren angestammten Jagdrevieren in Montana.

Captain Archer von der US-Kavallerie soll sie aufhalten und wieder ins Reservat zurückbringen. Die Presse kolportiert hingegen, dass die Cheyenne aus arglistigen und bösartigen Gründen ihr Reservat verlassen haben.

Der US-Innenminister Carl Schurz versucht, Kämpfe zwischen der Armee und den Indianern zu verhindern. Mittlerweile ist Archers Respekt vor den edlen Menschen immer größer geworden, und er entscheidet sich, ihnen zu helfen …

Plakatmotiv: Cheyenne

Was zu sagen wäre

Selbst ein Hund kann überall hingehen. Aber nicht ein Cheyenne!“ kritisiert der Häuptling und zieht mit seinen Männern fort in Heimat Yellowstone, aus der sie einst vertrieben wurden.

John Fords Western (Der Mann, der Liberty Valance erschoss – 1962; Der letzte Befehl – 1959; Der schwarze Falke – 1956; „Rio Grande“ – 1950; Der Teufelshauptmann – 1949; Der junge Mr. Lincoln – 1939; Ringo – 1939) wird meist als seine „Entschuldigung“ an den amerikanischen Indianern ausgelegt, nachdem er sie in mehreren Filmen als mörderische Krieger interpretiert hatte. Richard Widmark, Haudegen vergangener Tage („Raubzug der Wikinger“ – 1964; Das war der wilde Westen – 1962; „Das Urteil von Nürnberg“ – 1961; Alamo – 1960; Okinawa – 1951), geriert sich als melancholischer Erzähler, der im Laufe des Film vom Saulus zum Paulus mutiert. Mit einem Mal wird in einem Hollywoodfilm die Indianerpolitik Washingtons mit der Gier einiger Eisenbahn- und Wirtschaftsbosse erklärt, nicht mehr mit aggressiven Indianern, gegen die man sich zu Wehr setzen müsse: „Das Ministerium des Inneren wurde überlaufen von den Besitzern der Eisenbahnlinien, den Eigentümern der Minen und von den Landspekulanten. Alle jene Leute aus dem Westen hatten nur Angst, ihre Dollarvermögen zu verlieren. Im ganzen Land erhob sich nicht eine Stimme für die Cheyenne.

Der zentrale Dialog fasst die weitere Entwicklung der Hauptperson, Richard Widmark als Captain Thomas Archer, schon sehr früh im Film zusammen: Da zetert der gegenüber der Lehrerin Deborah Wright über den wilden Charakter der Cheyenne-Indianer, dass die von Geburt an zum Krieger erzogen würden, während der weiße Mann erst eine blaue Uniform überstreifen müsse, um zum Soldat zu werden, da schleudert die ihm entgegen: „Wovon Sie sprechen, ist die Vergangenheit. Ich spreche von der Zukunft!

So ehrenvoll der Ansatz, so falsch ist das Medium: Der Versuch, einen Spielfilm von zweieinhalb Stunden Länge dramaturgisch um eine Entschuldigung herum zu bauen, erstickt in zähem Fluss und epischer Leere vor der (bei John Ford beliebten) grandiosen Kulisse des Monument Valley. Es gibt die obligatorischen Zutaten zu einem guten Western – Indianer, Blauröcke, Zeitungsverleger, Falschspieler und Saloons – und in einer Gastrole James Stewart als Wyatt Earp mit weißem Hut und weißem Anzug (s.u.).

Die Szene mit Wyatt Earp im Saloon, der auch ein guter Orthopäde und Chirurg ist, ist eine bessere Nummernrevue, die fröhlich anzuschauen ist, die Siedler aber ebenso albern darstellt, wie drumherum die Rothäute als edle Opfer. Dieser Marshall von Dodge City markiert schon den Übergang zu Stewarts Alterswerk; sie ist kurz, lockert das sie umgebende Pathos aber auf.

Sie können sich nicht vorstellen, was diese Cheyenne durchgemacht haben. Wenn die Bevölkerung das sähe, würde sie es kaum billigen.“, sagt der nicht mehr so bärbeißige Captain Archer später im Film zum Innenminister, dem Edward G.Robinson (Die zehn Gebote – 1956; Gangster in Key Largo – 1948; „Frau ohne Gewissen“ – 1944; Orchid, der Gangsterbruder – 1940; „Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse“ – 1938; Kid Galahad – Mit harten Fäusten – 1937; Wem gehört die Stadt? – 1936; Der kleine Caesar – 1931) moralisch integre Würde verleiht. Die Native Americans, die der Film inszeniert wie verfolgte Christen auf der Flucht, bei denen die weiße Lehrerin, Carroll Baker, die Piéta gibt, scheinen nicht viel von der ehrbaren Absicht John Fords gehalten zu haben. Die im Film dargestellten Cheyenne wurden von Angehörigen des Volkes der Navajo gespielt. Weiße Zuschauer bemerken diesen Unterschied selten, in Navajo-Gemeinden ist der Film aber sehr beliebt. Das liegt daran, dass die Navajo-Schauspieler offen derbe und wüste Ausdrücke verwendeten, die nichts mit dem Film zu tun hatten. So reißt der Häuptling in seiner Rede zur Unterzeichnung des Vertrages Witze über die Penisgröße des Colonels. Gelehrte betrachten dies als wichtigen Moment in der Entwicklung der Identität der amerikanischen Ureinwohner, weil diese sich über die geschichtliche Interpretation des Wilden Westens durch Hollywood (also die weiße Mehrheitsgesellschaft) lustig machten.
Wertung: 5 von 8 D-Mark
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