Kinoplakat: Jason Bourne
Wir kennen seinen Namen, kennen
auch den Film schon im Voraus
Titel Jason Bourne
(Jason Bourne)
Drehbuch Paul Greengrass + Christopher Rouse
mit Charakteren und nach Motiven von Robert Ludlum
Regie Paul Greengrass, UK, China, USA 2016
Darsteller
Matt Damon, Tommy Lee Jones, Alicia Vikander, Vincent Cassel, Julia Stiles, Riz Ahmed, Ato Essandoh, Scott Shepherd, Bill Camp, Vinzenz Kiefer, Stephen Kunken, Ben Stylianou, Kaya Yuzuki, Matthew O'Neill, Lizzie Phillips u.a.
Genre Action, Thriller
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
11.08.2016
Website jasonbourne-film.de
Inhalt

Jason Bourne ist seit Jahren verschwunden. Seit er aus der CIA-Zentrale in Manhatten in den Hudson-River sprang, hat sich seine Spur verloren, die Welt hat sich weiter gedreht, das Interesse der Geheimen an Bourne wurde von anderen Dingen verdrängt. Das Vertrauen in die Regierungen ist überall auf der Welt erschüttert – die Griechische Staatsschuldenkrise zeigt dem Volk die Grenzen der Globalisierung im allgemeinen und die durch Edward Snowden enthüllte Globale Überwachungs- und Spionageaffäre zeigt den Menschen, welchen Preis sie für ihre Freiheit zahlen.

Nicky Parsons ist seit Bournes Verschwinden in den Untergrund abgetaucht, arbeitet für die Hacker-Organisation von Christian Dassault, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Geheimdienst an die Öffentlichkeit zu zerren, Verschwörungen aufzudecken, Programme zu entlarven, bei denen die CIA über Leichen ging. Treadstone zum Beispiel. Iron Hand zum Beispiel. Über dieses CIA-Programm stolpert Nicky, als sie sich in Island in einen CIA-Rechner hackt. Dabei springt ihr ein Name ins Auge: Richard Webb, Vater von David Webb, der offenkundig etwas mit dem Treadstone-Programm zu tun hatte, das aus David Webb Jason Bourne machte.

Wenn Bourne erfährt, was Iron Hand ist, was sein Vater getan hat, könnte das, was mit der CIA geschah, nachdem Blackbriar aufgeflogen war, ein albernes Vorspiel gewesen sein. Heather Lee – und vor allem CIA Director Robert Dewey – jagen Bourne von Berlin über Paris nach London, Washington und Las Vegas, während Jason damit beschäftigt ist, wichtige Teile seiner Vergangenheit aufzudecken …

Was zu sagen wäre

„Du kennst seinen Namen“, raunt das Kinoplakat und das erinnert schwer an Angela Merkels Wahlkapftaktik, als sie im TV-Duell ihr Schlusswort mit dem Satz krönte „Sie kennen mich!“ Und so wurde sie gewählt: Weil wir sie kannten und wussten, was wir mit ihr als Bundeskanzlerin bekommen. Deswegen sollen wir in den neuen Bourne-Film gehen: Weil wir den Namen kennen und also wissen, was wir bekommen.

Wir bekommen, was wir kennen. Die Rückkehr Jason Bournes wirkt wie ein zweistündiges Déja Vu, aus der Not geboren, die entstand, nachdem das Spin Off mit Jeremy Renner (125 Millionen Dollar Produktionskosten, 276 Millionen Einspiel) den Erwartungen an dieses High-Class-Franchise nicht gerecht geworden war. Mit Damon in der Hauptrolle kehrt auch Paul Greengrass zurück auf den Regiestuhl, der einst die Kunst der fiebrigen Schnitte und verrissenen Kameraschwenks salonfähig machte und hier seinem Ruf gerecht wird.

Ein zweistündiges Déja Vu

Wieder taucht der Name Jason Bourne blau flimmernd und unvermittelt auf CIA-Monitoren auf, was wieder zu großen Agentenaugen und dem ungläubigen Stöhner „Das ist Jason Bourne!“ und „Oh, mein Gott!“ führt. Wieder ist unmittelbar der gesamte Geheimdienstapparat der Vereinigten Staaten von Amerika gefährdet, weshalb wieder ein Superkiller auf Bourne angesetzt wird, der diesmal auf den lustigen Namen Asset hört – im englischen der Begriff für Bestand oder Aktivposten. Wieder gibt es eine smarte Agentin, die sich im Laufe der Geschichte gegen die Dinosaurier der CIA stellt – früher war es Pamela Landy, kühl gespielt von der versierten Joan Allen, die an die Reintegrierbarkeit des verlorenen Sohnes in die CIA-Familie glaubte, heute ist es die alerte Cyberspace-Tänzerin Heather Lee, mit melancholisch glitzerndem Rehauge gespielt vom Movie-It-Girl des Jahres, Alicia Vikander, die durch ihre Rechner auf eine kalte Welt blickt, die immer noch von Männern beherrscht wird, die bei Erwähnung des Namens Jason Bourne das Wasser nicht halten können und erst schießen, ohne danach noch Fragen zu stellen.

Kinoplakat: Jason BourneDa frage ich mich im Zuschauersessel schon, wieviele Abteilungen und wieviele alte CIA-Männer eigentlich noch von den Programmen wussten, aus denen der Elitekiller Jason Bourne hervorging; schließlich war das einst einmal das geheimste der geheimen Programme der CIA und nach jedem Bourne-Film beißt wieder einer von ihnen ins Gras. Und auch heute wieder knurrt ein neuer Alter, den Tommy Lee Jones als Tommy Lee Jones spielt (Malavita – 2013; Lincoln – 2012; Captain America – 2011; Space Cowboys – 2000; Doppelmord – 1999; Men in Black – 1997; Volcano – 1997; Batman Forever  – 1995; Auf der Flucht – 1993), intrigante Befehle ins Mikro, die er mit „Ich habe da so ein Gefühl“ begründet, bellen Teamleiter Befehle, die an Captain Jean-Luc Picard von der Enterprise erinnern („Ergebnis auf den Schirm!“), antworten schneidige Agenten noch bei größter Anspannung im OP-Center jeden Befehl mit „Geht in Ordnung!“ oder „Habe ich gleich, Sir!“ Die Wortdiarrhoe, die das Drehbuch bei den Dialogen befällt, ist entsetzlich. Nicht minder entsetzlich ist, dass Hollywood im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts immer noch meint, glaubhaft US-Geheimdienstkiller durch die Straßen europäischer Hauptstädte schicken zu können, in denen diese wahllos Leute erschießen, Blutbäder anrichten können, ohne dass das irgendeine Auswirkung haben würde – Europa als Bananenkontinent.

Tech-HeckMeck ohne Sinn

Andererseits kann bei einer sehr ausgefuchsten Überwachungsszene, in der die CIA in Langley via Überwachungskameras in ein Fenster in Berlin spinkst, hinter dem Jason Bourne einen Laptop checkt, dessen Daten die Agenten in Langley gerade über ein zufällig neben Bourne herumliegendes Handy von eben diesem Laptop löschen, die alerte Agentin Heather Lee Jason Bourne via SMS eine Warnung aufs Handy schicken, ohne, dass die HighTech-Agenten hinter ihren Spionage-Monitoren davon irgend etwas mitbekommen. Und der CIA-Direktor sitzt derweil mit einem Silicon-Valley-Nerd, der die gerade angesagteste Social-Media-Plattform auf dem Markt hat, zu Tisch in einem Georgetown-Restaurant und bespricht, wie und ob in die jüngste Software des Unternehmens eine Hintertür für die CIA zur Überwachung aller Mitglieder der Community eingebaut werden kann. Was Up to date wirken soll, entlarvt sich als liebloser MacGuffin, als Grund für die ein der andere Schießerei. In den großen Paranoia-Tagen des Agentenkinos in den 1960er und 70er Jahren überraschten die Geheimdienste mit bösartigen Plänen und raffinierten Tools, die die Freiheit des Einzelnen einhegte; im Agentenkino von heute hängen sie mit milliardenschweren Cyberpunks ab, von deren Technologie sie abhängig sind.

Nach und nach entlarvt sich der Film als hilfloser Versuch, ein angeschossenes Pferd irgendwie doch noch bis zur nächsten Tränke, zur nächsten Kinokasse zu treiben. Als Zuckerl vor die Schnauze dieses Pferdes haben die Controler der Produktion die aktuelle Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander („Im Rausch der Sterne“ – 2015; The Danish Girl – 2015; Codename U.N.C.L.E. – 2015; Ex Machina – 2015) gehängt, die als moderne, nach allen Seiten offene und sehr karrierebewusste Agentin Lee dem Film Augenfutter und ein paar gute Szenen gönnt. Beim zweiten Hinschauen ist dieses Heather Lee überhaupt das einzig Zeitgemäße an diesem Agentenfilm. Der zitiert sonst unter Vermeidung neuer Ideen seine Vorgänger und scheitert um so kläglicher, weil die zitierten Originale – etwas die Jagd durch Tanger und das Katz-und-Maus-Spiel in der Waterloo-Station aus dem dritten Teil – so übermächtig strahlen, dass der CrashBoumBang zum Showdown in Las Vegas in diesem Film lediglich wie gut durchgekaut wirkt.

Etwas Neues über Jason Bourne erfahren wir nicht mehr – er hatte also einen Vater, okay, auch der im Geheimdienst und da hat er irgendwas gemacht. Aber die Geschichte um den Mann ohne Gedächtnis bleibt so gelüftet, wie sie es seit Abspann des Ultimatums schon ist. Die Bourne-Geschichte ist auserzählt; das Anhängsel mit seinem Vater ist Paul Greengrass augenscheinlich genauso egal wie Matt Damon, der den am Kopf genesenen Profikiller so stoisch agieren lässt, wie wir das aus den früheren Filmen kennen.

Robert Ludlums Romanserie um die Figur des Gedächtnis-gestörten Killers umfasste drei Bücher, jedes ein ziegelsteindicker, komplexer Pageturner der gehobenen Klasse. Nach Ludlums Tod ritt der Verlag das Bourne-Pferd dann unter der Feder von Eric Van Lustbader in die Bedeutungslosigkeit. Die Original-Bourne-Trilogie im Kino – vor allem die Teile eins und drei, Bourne Identität und Bourne Ultimatum – sind Klassiker des zeitgenössischen Actionfilms. Der vorliegende Film ist lediglich ein – für den Moment unterhaltsamer – Action-Film.

„Du kennst seinen Namen“, raunt das Plakat – und der Betrachter soll ergänzen „Nun schau ich auch den Film!“ Tatsächlich aber ergänze ich: „Ja? Und weiter?“

Wertung: 3 von 8 €uro