Kinoplakat: James Bond 007 – Spectre
Die Lebenden und die Toten
Die Analogen und die Digitalen
Titel James Bond 007 – Spectre
(Spectre)
Drehbuch John Logan + Neal Purvis + Robert Wade + Jez Butterworth
mit Charakteren geschaffen von Ian Fleming
Regie Sam Mendes, UK, USA 2015
Darsteller Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Monica Bellucci, Ralph Fiennes, Dave Bautista, Ben Whishaw, Stephanie Sigman, Naomie Harris, Andrew Scott, Rory Kinnear, Neve Gachev, Jesper Christensen, Daniel Stisen, Ruolan Zhang u.a.
Genre Thriller, Action
Filmlänge 148 Minuten
Deutschlandstart
5. November 2015
Website 007.com
Inhalt

Eine mysteriöse Nachricht aus der Vergangenheit schickt James Bond ohne Befugnis auf eine Mission nach Mexico City und schließlich nach Rom, wo er Lucia Sciarra trifft. Sie ist die schöne und unantastbare Witwe eines berühmt-berüchtigten Kriminellen. Bond unterwandert ein geheimes Treffen und deckt die Existenz der zwielichtigen Organisation auf, die man unter dem Namen SPECTRE kennt.

In London stellt der neue Chef des Centre for National Security, Max Denbigh, Bonds Tätigkeit in Frage und ebenso die Relevanz des MI6 unter der Führung von M. Denbigh - Codename "C" - soll das neu gegründete, Nationen überspannende Center for National Security (CNS) leiten.

Bond, bemüht, endlich die Hintermänner der Verbrechen und Terrorakte zu entlarven, die ihn seit seiner Mission in Casino Royale beschäftigen, bittet heimlich Moneypenny und Q, ihm dabei zu helfen, Madeleine Swann aufzuspüren. Sie ist die Tochter seines alten Feindes Mr. White und wahrscheinlich die einzige Person, die im Besitz eines Hinweises ist, mit dem sich das undurchdringbare Netz um SPECTRE entwirren lässt.

Als Tochter eines Killers ist sie außerdem dazu in der Lage, Bond wirklich zu verstehen. Etwas, das die meisten anderen Menschen nicht können.

Während Bond immer tiefer in das Herz von SPECTRE vordringt, findet er heraus, dass es eine überraschende Verbindung gibt, zwischen ihm selbst und dem Feind, den er sucht …

Was zu sagen wäre

007

Selten hat ein Bond-Titel so gut zu seinem Film gepasst: „Spectre“, das Phantom. Ein Wesen zwischen den Lebenden und den Toten. Nur dürfen wir uns das hier nicht als phantastisches Wesen aus dem Zwischenreich, als Märchenfee vorstellen – Himmel, das ist ein James-Bond-Film.

Der Film selbst ist es, seine Handlung, seine Figuren, die ein Leben in dem Zwischenreich zwischen Lebenden und Toten spielen, in einer Welt zwischen Analogen und Digitalen; und natürlich verkündet das Digitale ununterbrochen das Ende des Analogen und das Analoge haut mit blutiger Faust um sich, wehrt sich, richtet hohe Schäden an, sodass wir leicht versucht sind zu fragen, ob das Digitale, das so schick blau und rot und weiß (es sind schließlich britische Computer) auf den Monitoren leuchtet und nichts zu Schutt und Asche sprengt, nicht vielleicht doch die bessere Zukunft verheißt – das bisschen Überwachung, was heißt das schon in einer Zeit, in der wir, die wir da Nachos mampfend im Kinosaal sitzen, unsere Daten doch ohnehin dauernd bei facbookapplegoogleamazonebayundwiesiealleheißen abgeben? Wenn‘s die Welt weniger kaputt macht, soll der Typ doch alles überwachen. Aber so einfach ist es ja natürlich nicht.

Dieser Typ, der alles überwachen will, ist – wir sind schließlich noch immer in einem James-Bond-Film – sowas wie die Weltherrschaft. Und das können wir, uns erinnernd, was die anderen, einst auch analogen Möchtegern-Weltbeherrscher alles machten, nicht zulassen. James-Bond-2015 bewegt sich dauernd in diesem Spagat, prügelt sich, fährt gewohnt Autos zu Schrott, während der neue Q, dieser junge Nerd, selbst unmögliche Passwörter in Minutenschnell knacken muss. James Bond legt Frauen flach, als wären wir wieder in den längst verblichenen 1980er Jahren und denkt zweieinhalb Stunden lang – es ist der längste Bond-Film der Geschichte – übers Aufhören nach. „Spectre“ ist auch darin direkter Nachfolger von Skyfall. Da gab es all diese Elemente auch schon. Hier führt Sam Mendes sie zum Exzess – und das ein wenig zu lang.

Der MI6 ist tot, es lebe der MI5. M ist Geschichte, es lebe C. Tot geglaubte aus Bonds Vergangenheit erweisen sich als quicklebendig und noch lebende Ex-Schurken sind längst wandelnde Tote. Das Phantom-Thema „Spectre“ ist tatsächlich das Thema dieses Films (was man von so Titeln wie Leben und Sterben lassen, Im Angesicht des Todes, Der Hauch des Todes, Stirb an einem anderen Tag, Ein Quantum Trost kaum sagen kann), der bezeichnenderweise auf dem Fest der Toten in Mexiko zwischen lauter wandelnden Skeletten beginnt mit einer wunderbaren Plansequenz, die uns ohne sichtbaren Schnitt mehrere Minuten lang in die Geschichte einführt.

Sam Mendes ist ein mutiger Regisseur, denn er befreit James Bond von seinen narrativen Fesseln, in denen er am Ende der Filme immer wieder ist, wie am Anfang und alle, die er kennen gelernt hat, sind tot – auf zum nächsten Abenteuer. Den modernen TV-Serien ähnlich haben Mendes und die mittlerweile aufeinander eingespielten Autoren John Logan, Neal Purvis und Robert Wade dem Daniel-Craig-Bond einen dramaturgischen Überbau verpasst, der den Agenten über den Einzelfilm hinaus wachsen lässt. Eine interessante Idee, die im Bond-Universum aber an den Bonderabilien scheitert. Schon in den Trailern hat Oberschurke Christoph Waltz, der einen Mann namens Oberhauser spielt, immer wieder betont, dass er es war, der Bond all seine Lieben genommen, all diese Schmerzen zugefügt hat. Aber soll ich ehrlich sein? Das ist ganz uninteressant. Es funktioniert nicht in einem Universum, in dem der Held am Ende dennoch auf jeden Fall überlebt, das Mädchen kriegt und in den Sonnenuntergang reitet. Diese Elemente sind in einem James-Bond-Film unverhandelbar und also führen sie Mendes‘ realistischen Ansatz ad absurdum. Diese unsterbliche Regel macht den aktuellen Bond-Film etwas anstrengend, denn erkennbar geht es Mendes weder um die Bond-notwendigen State-of-the-Art-Stunts noch um den Schurken.

Mendes, der mit American Beauty (1999) und Road to Perdition (2002) seine persönliche Duftmarke im Kino gesetzt hat, geht es um den gebrochenen Agenten (im Zwischenreich der Lebenden und Toten, wie gesagt) und um die Gefahren des Überwachungsstaates. Mendes geht es um die Menschen und Allmachtsfantasien im Geheimdienst, nicht um die Aktion der Agenten. Anders ausgedrückt: Die Action ist okay, aber wenig einfallsreich inszeniert und rar gesät – eine Autojagd durch das nächtliche Rom sieht aus, als hätten der italienische Denkmalschutz und das Tourismusministerium Regie geführt. Alles schön unwirklich. Mendes‘ Film bleibt konsequent in dieser Erzählung aus dem Limbo, dem Zwischenreich. Madeleine Swann, der Léa Seydoux ihre herbe Schönheit gibt (Grand Budapest Hotel – 2014; Blau ist eine warme Farbe – 2013; Leb wohl, meine Königin! – 2012; Mission: Impossible – Phantom Protokoll – 2011; Midnight in Paris – 2011; Robin Hood – 2010; Inglourious Basterds – 2009), geht mit Hass auf den Verbrecher-Vater im engen Kleid schlafen und als sie wieder aufwacht, trägt sie – von Zauberhand und zauberhaft – ein Negligé und lässt sich nicht davon abhalten, die bösen Hintermänner des suizidierten und geliebten Vaters zur Strecke zu bringen. Bond und Madeleine fahren in einem Zug durch leere Wüste, die atemberaubend schön fotografiert ist von Kameramann Hoyte Van Hoytema (und an eine Geisterwelt gemahnt) und dieser Zug ist völlig leer. An Bord nur ein Kellner, der Martinis bringt, ein paar wenige Gäste im Salonwagen und als der Killer kommt, mit dem Bond sich dann durch den halben Zug prügelt, sind die alle wie von Geisterhand verschwunden. Der Zug als Symbol für Bonds Reise ins Reich der Toten? In einer gewaltigen Explosion wird Oberhauser schwer verletzt. Mit so einer Wunde fällt unsereiner wochenlang in Agonie, Oberhauser aber steht am übernächsten Tag heiter weiter mitten in London, bereit zum nächsten Schlag. Das schaffen nur Hyperwesen.

Und bitte: Am Ende hat der Held allen Ernstes drei Minuten Zeit, sich zu überlegen, ob er sich retten oder versuchen soll, ein anderes Leben zu retten, von dem er nicht weiß, wo es versteckt gefesselt auf den Tod wartet, bevor eine Zeitbombe detoniert? Ich dachte, die 90er Jahren wären ebenfalls verblichen … sind aber offenbar wieder auferstanden.

Mit dem, was der neue starke Mann im britischen Geheimdienst, Max – oder „C“ –, da anstrebt, ist der Film topaktuell und ein kluger Kommentar zu NSA, Snowden und abhören-unter-Freunden-geht-gar-nicht, aber die Motive des Oberschurken Oberhauser, zu dem sich im letzten Drittel – wenig überraschend – eine weiße Perserkatze gesellt, sind dann doch ein bisschen kleinkariert. Nichts dagegen, dass der Schurke die Kontrolle über die Welt anstrebt, aber warum um alles in der Welt muss er sich an einem virilen britischen Geheimagenten abarbeiten. Der Film erklärt das natürlich, nur macht das die Sache nicht besser – Küchenpsychologie, ich-bin-als-Kind-immer-geschlagen-worden-Muster. Schaut man Christoph Waltz länger zu in diesem Film, in dem er eine Variation der Christoph-Waltz-spielt-einen-Schurken-Rolle gibt, wächst die Sehnsucht nach Curd Jürgens oder Gert Fröbe oder wenigstens Klaus-Maria Brandauer.

„Spectre“ ist ein guter Film, spannend, unterhaltsam, sehr auf seine Figuren konzentriert. Und für diejenigen, die eigentlich einen James-Bond-Film gucken wollten, hält Sam Mendes Erinnerungen und Zitate an frühere Bond-Abenteuer im Fünf-Minuten-Takt sowie natürlich Monty Normans James-Bond-Theme auf der Tonspur bereit. Auf jeden Fall ist der Film ein notwendiges Experiment in dem immerwährenden Zwang, die Serie am Leben zu halten, die doch eigentlich von der ganzen Anlage her seit Jahren so tot ist, wie der handgeschriebene Brief im E-Mail-Zeitalter: Eine Serienfigur soll auf Realismus gegrounded werden, dann aber die Abenteuer eines James Bond überleben? Ein unauflöslicher Widerspruch.

Darin liegt die Gefahr dieses erzählerischen Überbaus: dass der Charakter, den die Hauptfigur plötzlich hat, auserzählt ist. Nach diesem Bond kann nur Schluss sein. Schluss mit James Bond, wenigstens aber Schluss mit Daniel Craig. Es sei denn, nächstes Experiment, dass sie Craig jetzt in einen quietschbuntes Flower-Power-Epilog à la Der Spion, der mich liebte verpflanzen, um einen sonnigen Abschied zu bauen – happy-go-lucky meets anything-goes. Mir das vorzustellen, fällt nach dem bedeutungsschwangeren Tonnengewicht „Spectre“ schwer.

Oder sie starten wieder neu mit einem neuen Schauspieler. Das wäre dann das klassische Phantom. Der Agent ist tot, es lebe der Agent.

Wertung: 5 von 8 €uro