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Plakatmotiv (UK): The Medusa Touch – Der Schrecken der Medusa
Großes Kino!
Titel Der Schrecken der Medusa
(The Medusa Touch)
Drehbuch John Briley
nach dem gleichnamigen Roman von Peter Van Greenaway
Regie Jack Gold, UK, Frankreich 1978
Darsteller Richard Burton, Lino Ventura, Lee Remick, Harry Andrews, Michael Byrne, Alan Badel, Marie-Christine Barrault, Jeremy Brett, Michael Hordern, Gordon Jackson, Derek Jacobi, Robert Lang, Avril Elgar, John Normington, Robert Flemyng u.a.
Genre Thriller, Horror
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
8. November 1980 (TV-Premiere)
Inhalt

London in den 1970er Jahren: Buchautor John Morlar ist einem Mordanschlag zum Opfer gefallen und liegt, nur noch künstlich am Leben gehalten, auf der Intensivstation eines städtischen Krankenhauses, obwohl er nach Meinung des behandelnden Arztes, Dr. Johnson, auf Grund seiner schweren Kopfverletzungen eigentlich gar nicht mehr lebensfähig ist.

Kommissar Brunel – ein französischer Austauschpolizist – wird auf den Fall angesetzt. Am Tatort finden sich nur wenige Hinweise auf den Hergang des Verbrechens. Was Brunel und seinen Gehilfen jedoch aufmerksam werden lässt, sind seltsame Notizen Morlars wie „Kein Zeichen von L“ oder „die Mauern von Jericho sind an einem Tag eingerissen worden – was bedeutet da noch das Wort ‚Unmöglichkeit‘“ und der Begriff Telekinese. Außerdem ein Sammelalbum mit Zeitungsausschnitten über alle möglichen Naturkatastrophen und Unglücke, die sich in den letzten Jahren überall in der Welt ereignet haben. Über das Notizbuch Morlars stoßen sie auf Dr. Zonfeld – Morlars Psychiaterin, die Brunel die Geschichte ihres Patienten erzählt.

Plakatmotiv (UK): The Medusa Touch – Der Schrecken der MedusaMorlar glaubte demnach, über eine geheime Kraft zu verfügen, mit der er das Leben anderer Menschen beeinflussen könne. In der Wohnung des Schriftstellers hängt ein Relief ähnlich der Medusa von Caravaggio, und wie der Blick der Medusa Menschen zu Stein erstarren lassen konnte, kann Morlar, nicht nur mit seinem Blick, das Schicksal von Menschen telepathisch beeinflussen und in seiner Menschenverachtung Katastrophen, auch aus großer Entfernung, auslösen. Brunel entdeckt bei seinen Recherchen, dass Morlar tatsächlich über diese Möglichkeiten verfügt und dass es Zonfeld war, die versuchte, ihn zu töten, als Morlar gerade dabei war, mit Hilfe seiner Kraft eine Mondlandung zum Scheitern zu bringen. Zuvor hatte Morlar eine vollbesetzte Passagiermaschine in ein Londoner Bürohochhaus rasen lassen.

Auch vom Krankenbett aus geht von Morlars immer noch aktivem Gehirn tödliche Gefahr aus: Gerade konzertriert er sich auf die Westminster Abbey. In der Kathedrale im Herzen Londons werden am Abend die königliche Familie sowie zahlreiche Ehrengäste erwartet. Morlar will die Mauern der Kathedrale – „Jericho“ – zu Einsturz bringen …

Was zu sagen wäre

Sucht den Mann, der die Macht besitzt, Katastrophen heraufzubeschwören!“ Dieser Mann heißt nicht Gott. Nicht Satan. Er heißt John Morlar, lebt in London und wird verkörpert von Richard Burton („Equus – Blinde Pferde“ – 1977; Exorzist II - Der Ketzer – 1977; Agenten sterben einsam – 1968; „Die Stunde der Komödianten“ – 1967; Der Widerspenstigen Zähmung – 1967; „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ – 1966; Der Spion, der aus der Kälte kam – 1965; Die Nacht des Leguan – 1964; Cleopatra – 1963; „Der längste Tag“ – 1962; „Das Gewand“ – 1953). Burton lebt hier als Schauspieler aus, was er als Pater Lamont im vergangenen Jahr in Exorzist II – Der Ketzer noch zurückhalten musste. Sein John Morlar, der intellektuell scharfe Schriften gegen die Regierenden, die Mächtigen, das Militär uns die Kirche veröffentlicht hat, macht in seinem Zerstörungsfuror keinen Unterschied mehr zwischen denen da oben und jenen in der Tretmühle der Gesellschaft. Spätestens, als er einen vollbesetzten Flugzeug in ein Hochhaus jagt, macht er keinen Unterschied mehr, hat er seine Macht nicht mehr unter Kontrolle.

Jack Gold, der sein effektives Handwerk in der Regie zahlreicher Fernsehfilme verfeinert hat, spielt auf vielen Ebenen – der des britisch-französischen Verhältnisses („Kannten Sie Mr. Morlar gut?“ „Nein, Wir waren lediglich Nachbarn.“ „Sehr britisch.“ „Ich bin Brite.“ „Irgendwelche Besucher? Freundinnen?“ „Keine, die ich gesehen hätte.“ „Freunde?“ „Nein! Ich meine … er mag seltsam gewesen sein, aber … nicht in dem Sinne, glaube ich.“). Das ganze Stück ist clever montiert, springt visuell unaufdringlich zwischen drei Zeitebenen – Morlar bei der Psychaterin, Morlar als Kind, die Ermittlungen heute – ist mal bei Morlar, mal bei Brunel, dann wieder bei Zonfeld, aber nie verliert der Film seinen Faden und bringt locker noch Seitenhiebe gegen Staat, Kirche und Militär unter; die komplexe Erzählung ist eng gestrickt, sehr spannend und über den französischen Blick Lino Venturas auf das sehr britische London mit sanfter ironische Spitze erzählt. Das gibt der an sich simplen Mord(versuch)geschichte gleich zu Beginn eine zweite und dritte Ebene. Der eben zitierte Dialog stammt aus der ersten Befragung des Nachbarn von Morlar und dieser Nachbar, Mr. Pennington, erwähnt beiläufig, seine Frau sei tot. Im Laufe des Films erfahren wir auch, warum sie tot ist – ein grusliger, ein Gänsehautmoment. Jack Gold und sein Autor John Briley spielen sich die Bälle zu; Briley lässt die Psychologin in langen, mit Nebensätzen unterbrochenen Sätzen sprechen, Gold überblendet eine simple Dialogszene, in der Zonfeld Brunel über Morlar berichtet, mit Morlars Gesicht … simpel, aber effektiv. Klassische Thrillerdramaturgie. Das ist über den ganz Film hinweg ein Höhepunkt: diese wunderbar unsprechbaren, aber eben elegant lyrischen Wortgefechte, die sich Zonfeld und Morlar liefern.

Videocover (UK): The Medusa Touch – Der Schrecken der MedusaLino Ventura (Adieu Bulle – 1975) als französischer Austauschkommissar ist ein großer Anker in diesem bizarren Stück. Sympathisch, wie er, während er die Fernsehnachrichten verfolgt, seinem britischen Sergeant, der in Küche am Herd steht, ein französisches Rezept erläutert: „Dann muss es nochmals …  Bläschen bilden.“ „Was, Inspector?“ „Aufkochen. Zwei Minuten lang.“ Das sind so kleine Situationen nebenher, in denen Gold seine Figuren zu dreidimensionalen Personen ausbaut. Ventura bietet Identifikation, seine zunehmende Fassungslosigkeit überträgt sich auf den Zuschauer, weil wir von Ventura, dem harten Hund des französischen Gangsterkinos Rat-, oder gar Hilflosigkeit nicht erewarten – wenn der also schon nicht durchblickt. „Sehen Sie sich das an: Überschwemmungen. Tornados. Erdbeben. Massaker. Aufruhr. Metzeleien. Hungersnöte. Flugzeugabstürze. Nichts als Katastrophen. Und davon hat er (Morlar) ganze Bände voll, die über Jahre zurückreichen. Wenn man das alles so gesammelt sieht, wird einem klar, mit wie vielen Katastrophen wir leben.“ „Wie weit ist er gekommen?“ „Bis zu irgendeinem Strahlenrisiko in Windscale. Zum B1-Bomberabsturz. Zum amerikanischen U-Boot. Das letzte hier ist die Jumbo-Katastrophe.“ Das klingt zunächst wie nebensächliches Motivgerätsel. Bis es dann wie ein Würgereiz in den Mittelpunkt drängt. Als Psychater Zonfeld gibt Lee Remick („Telefon“ – 1977; „Das Omen“ – 1976; „Sie möchten Giganten sein“ – 1970; „Vierzig Wagen westwärts“ – 1965; „Die Tage des Weines und der Rosen“ – 1962; Anatomie eines Mordes – 1959; Der lange heiße Sommer – 1958) dem Kino das Portrait einer leidenschaftlichen Ärztin, die nur für ihren Beruf lebt – ein Privatleben scheint sie nicht zu haben. Kühl, professionell, dem Wahn Morlars aber auch nicht gewachsen.

Und dann sind da Richard Burtons Augen, dieser tote Blick, wenn er seine Frau beim Seitensprung mit einem Theaterschauspieler erwischt, der irgendwo den jesus spielt: „Wir sind alle Schauspieler, nicht wahr? Ich bin der pflichtbewusste Ehemann und Du das liebende Weib.“ „Jetzt kann ich verstehen, was Patricia meint. Sie haben sie in der Tat nicht verdient!“ „Niemand hat Patricia verdient. Sie wurde von Gott dafür bestimmt, unseren Glauben an ihn zu prüfen.“ „Sie ist ein Mädchen mit außergewöhnlicher Sensibilität und viel Talent.“ „Patricia war niemals ein Kind, kleiner Jesus. Kindheit hat etwas mit Unschuld zu tun, mit Rosen. Sie besitzt ein Talent für Blausäure und dafür, auf Besenstilen zu fliegen.“  Oder wenn über die Urlaube seiner Kindheit in einem kleinen britischen Badeort spricht: „Mutter war so ziemlich wie die Hotels: Ein Jahrzehnt jenseits ihrer besten Jahre. Eine Menge Farbe deckte die schlimmsten Risse zu. Eine traurige Fassade, die mehr gelten wollte, als sie war.“ Wie sagt die Psychologin Zonfeld? „Er war Schriftsteller, wissen Sie. Daher waren seine Beschreibungen manchmal ein wenig unheimlich.“ Das alles ist ein wunderbar bösartiger Blick auf britisches Club- und Militärbewusstsein in wunderschönen, geschliffenen Sätzen. Aber es bereitet uns kaum vor auf die Katastrophen, die in diesem Film nach und nach entfesselt werden. Das ist atemberaubend im Sinne des Wortes. „Was ich nicht verstehe, ist: Warum ist das immer nur destruktiv? (…) Wir entdecken, woraus Sonnenenergie besteht und machen Bomben daraus. Wir erschaffen Wohlstand. Und Habgier ergreift von und Besitz. Wir erringen Macht und werden wahnsinnig. Immer zerstören wir nur. Warum nur?

Spannungsorientierte Regie, unterlegt mit einem treibenden Score von Michael J. Lewis: Während wir noch über Morlar rätseln, bröckelt die Westfassade. Während wir über die Westfassade rätseln, drängelt sich das Atomkraftwerk Windscale in die Peripherie. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Weil er uns unterwegs mit Lino Ventura auf lauter falsche Fährten lockt – erste eine Mordgeschichte, dann politische Verschwörung und plötzlich lässt Morlar in einer der Rückblenden das Flugzeug vom Himmel fallen, dessen Trümmer schon die ganze erste Hälfte des Films immer wieder mal im Bild auftauchten, weil die Londoner City wegen der entstandenen Schäden weiträumig gesperrt ist, ansonsten aber zunächst keine tiefere Bedeutung zu haben scheint.

Warum ich Sie habe rufen lassen? Vielleicht brauchte ich nur jemanden, um meine Fassungslosigkeit loszuwerden. Irgendwo, tief in dem, was von diesem Gehirn übrig ist, geht irgendetwas vor. Es ist fast mit jeder Stunde stärker geworden.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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