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Plakatmotiv: Dave (1993)

Liebevoll, charmant,
ein schönes Märchen

Titel Dave
(Dave)
Drehbuch Gary Ross
Regie Ivan Reitman, USA 1993
Darsteller Kevin Kline, Sigourney Weaver, Frank Langella, Kevin Dunn, Ving Rhames, Ben Kingsley, Charles Grodin, Faith Prince, Laura Linney, Bonnie Hunt, Parley Baer, Stefan Gierasch, Anna Deavere Smith, Charles Hallahan, Tom Dugan u.a.
Genre Komödie
Filmlänge 110 Minuten
Deutschlandstart
29. Juli 1993
Inhalt

Der Jobvermittler Dave Kovic wird als Doppelgänger des US-Präsidenten William Harrison Mitchell engagiert, um diesen einige Stunden zu vertreten. Da der Präsident währenddessen bei einem Schäferstündchen mit seiner Sekretärin einen Schlaganfall erleidet, entwickeln der Stabschef des Weißen Hauses, Bob Alexander, und der Pressesprecher Alan Reed einen Plan, in dem Dave Kovic so lange regieren kann, bis der Vizepräsident Gary Nance entmachtet und Bob Alexander zum neuen Vizepräsidenten ernannt wird. Später soll Alexander das Amt des Präsidenten übernehmen.

Dave wird jedoch zunehmend selbständig, er will weitreichende soziale Reformen durchführen. Dabei wird er von seinem Freund Murray Blum und von First Lady Ellen Mitchell unterstützt. Ellen stellt fest, dass sie mehr Gemeinsamkeiten mit Dave hat als mit ihrem echten, untreuen Ehemann. Gary Nance erweist sich als ein anständiger Mensch, der die Reformen begrüßt.

Plakatmotiv: Dave (1993)Bob Alexander ist wütend und bezichtigt den Präsidenten öffentlich illergaler Geschäfte, die dieser vor Jahren getätigt haben soll. In einer Rede vor dem Kongress gibt Dave diese zu, veröffentlicht aber Beweise, dass Bob Alexander an den kriminellen Machenschaften beteiligt war. Er simuliert einen Schlaganfall mitten in der Rede; auf dem Weg ins Krankenhaus wird er durch den echten Präsidenten ersetzt.

Nach einiger Zeit stirbt Bill Mitchell im Koma, Gary Nance wird als neuer Präsident vereidigt und verspricht die Fortführung der Reformen. Ellen besucht Dave, der inzwischen für ein öffentliches Amt in seiner Heimatstadt kandidiert.

Was zu sagen wäre

Wenn ich einen Tag König von Deutschland wäre, dann würde ich da in Berlin endlich mal aufräumen, ich würde … undsoweiterundsoweqter. Es ist die alte Mär, dass die da oben alle Inkompetenz patent oder korrupt oder beides sind und man selber alles besser könnte. Eine Erzählung, die schon manche Filme ausgeschlachtet haben. Am Anfang reitet Dave als Präsidentendarsteller bei einem Gebrauchtwagenhändler auf einem Schwein auf die Bühne und eine Mutter sagt auf die Frage ihrer Tochter, ob das der echte sei, sie hoffe das nicht. Denn die da oben sind zwar alle inkompetent, aber auf einem Schwein daherkommen sollen sie dann auch nicht. Dann lieber im Helikopter Marine One auf dem Rasen vor dem Weißen Haus landen, lächelnd mit der Gattin, Hand in Hand aussteigen, in die Menge winken und mit den Corgys spielen. Wenn schon inkompetent, dann wenigstens elegant im Auftritt und mit knuffigen Haustieren.

Interessant sind die jeweils folgenden Bilder: Der Präsidentendarsteller auf dem Schwein kümmert sich wenig später wieder um kurzzeitige Jobs für seine Klientel. Der echte Präsident, kaum im Weißen Haus, jenseits der Kameras, lässt die verschränkte Hand seiner Gattin so schnell los, als sei diese eine heiße Kartoffel, wirft achtlos die Hundeleinen einem Bediensteten zu und verzieht sich mit seinem Stabschef besprechend zurück, während die First Lady erleichtert in ihren Wohntrackt des Hauses geht. Ein wunderbarer, alles erklärender Einstieg ohne unnötige Erklärmonologe. Der Präsident stellt sich als Schürzenjäger heraus, der Sekretärinnen vernascht und die sozialen Programme seiner Frau torpediert, beziehungsweise von seinem Kabinett torpedieren lässt, und der Präsidentendarsteler als der bessere Mensch, der mit der Empathie, die wir viel lieber unseren Herrschenden zusprechen möchten.

Und so nimmt denn das Märchen um ein Aschenputtel namens Dave seinen Lauf und nachdem wir dem märchenhaften Treiben dann eine ganze Weile amüsiert und hier und da ein Tränchen wegwischend zugeschaut und uns eingerichtet haben in dieser Mr-Smth-goes-to-Washington-Atmosphäre, und langsam fraglos akzeptieren, dass sowas wie dieser Fake-President eine Weile tatsächlich gut funktionieren kann – wen würd's denn eigentlich stören? – unterhält sich Dave mit seinem Bodyguard Duane in der White-House-Privatküche und fragt irgendwann, ob denn Duane nun stellvertretend für den echten auch für ihn die Kugel eines Attentäters einfangen würde. Und Duane weiß darauf keine Antwort. Und wir auch nicht. Und da hat Ivan Reitman uns bei den Eiern: Da ist eine richtig fette Sache am schief laufen im Weißen Haus und wir lachen wimmer noch über die Komödie.

Kevin Kline („Chaplin“ – 1992; „Grand Canyon“ – 1991; „Lieblingsfeinde – Eine Seifenoper“ – 1991; „Ein Fisch namens Wanda“ – 1988; „Silverado“ – 1985; „Der große Frust“ – 1983; „Sophies Entscheidung“ – 1982) zieht sich diese Doppelrolle als leidenschaftlicher Arbeitsvermittler und leidenschaftsloser US-Präsident über wie eine zweite Haut, was den glaubhaften Charakter des Märchens verstärkt. Wunderbar spielt er seine ersten tapsigen Schritte als Mächtigster Mann der Welt, dem langsam klar wird, dass da ein Gauner im Weißen Haus über Leichen gehen will, um endlich selbst im Oval Office herrschen zu können. Nachdem sich Dave vom gruseligen Stabschef Bob Alexander – Frank Langella in der furchterregensten Performances seiner Laufbahn – einmal am Nasenring rund um das Weiße Haus hat führen lassen, dreht er den Spieß um.

Großartig die subtilen Blicke und Gesten, mit denen Kevin Kline aus seinem Dave den aufblühenden Mr. President meißelt. Der holt etwa seinen Freund Murray, ein versierter Finanzbuchhalter, zu sich, weil er dringend 650 Millionen Dollar bentötigt, die er für ein soziales Projekt der First Lady braucht, in die er sich da schon ein bisschen verguckt hat. Sigourney Weaver, in Reitmans Ghostbusters-Filmen als Love Interest des hibbeligen Bill Murray noch seltsam fehlbesetzt, ist hier seine Königin (1492 – Die Eroberung des Paradieses – 1992; „Die Waffen der Frauen“ – 1988; „Gorillas im Nebel“ – 1988; Aliens – Die Rückkehr – 1986; „Ein Jahr in der Hölle“ – 1982; Alien – 1979; Der Stadtneurotiker – 1977). Weaver als First Lady ist charmant, knallhart, sexy, verbindlich, engagiert, realistisch und bringt mit einem leicht lächelnden Mundwinkel die Mauern des falschen Weißen Hauses zum Einsturz.

Auftritt Charles Grodin („Ein Hund namens Beethoven“ – 1992; „Filofax – Ich bin Du und Du bist nichts“ – 1990; „Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht – 1988; „Ishtar“ – 1987; „Die Frau in Rot“ – 1984; „Ein Single kommt selten allein“ – 1984; „King Kong“ – 1976).

Obwohl er nur ganz wenige Szenen hat, ist Grodin als Murray das Herz dieses Films. Freundlich, charmant, zurückhaltend und mit einem riesigen Herzen für Jedermann; er blättert durch den Bundeshaushalt und das Script lässt ihn einsteigen mit dem Satz „Wer führt diese Bücher? Ich meine, wenn das meine wären, ich wäre längst erledigt.“, was ein wenig populistisch oder nach Der Drehbuchautor wollte mal einen Klischee-Spruch bemühen, klingt, aber Reitman nimmt diese Szene als Auftakt, um Otto Normalverbraucher kurz mal vor Augen zu führen, wie aufgebläht solche Haushalte tatsächlich sind. Manches ist Fantasy, anderes in seiner Plausibilität übertrieben, aber es eine zentrale, großartig gebaute und gespielte Szene, die mit der anschließenden Kabinettssitzung, in der Bob Alexander schmerzhaft erleben muss, wen er da auf den Präsidentensessel gesetzt hat, das zentrale Element des Films wird: Hier zeigt der zwischenzeitliche – um im Bild zu bleiben – König von Deutschland, dass er es durchaus drauf hätte, vernünftige, durchgerechnete Entscheidungen zu treffen.

Als die Geschichte ihrem Höhepunkt zueilt, als First Lady und Fake-President zueinandergefunden haben, sitzt der leibhaftige Oliver Stone bei CNNs leibhaftigem Larry King und wittert eine große Verschwörung „Wenn Sie sich Fotos ansehen von Bill Mitchell von vor dem Schlaganfall und danach, sehen Sie deutliche Unterschiede.“ „Oliver! … Oliver!!“ Es ist eine der großen Fähigkeiten Ivan Reitmans, die richtigen Leute für seine Filme zu mobilisieren. – Arnold Schwarzenegger macht Werbung für seine staatlich protegierte Fitnessbewegung, die halbe White House Press Camarilla spielt sich selbst – und selbst Oliver Stone gewinnt Reitman zwei jahre nach dessen umstrittenen Verschwörungsthriller JFK – Tatort Dallas (1991) für ein selbstironisches Cameo. Sowas gibt Filmen die Authentizität des Augenblicks, den Anschein echten Nachrichtenwerts.

Ein schönes Märchen – mit Witz und Verstand, Charme und großem visuellen Vermögen.

Wertung: 9 von 10 D-Mark
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