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Plakatmotiv: Schuldig bei Verdacht (1991)
Eine beklemmende Geschichte.
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Titel Schuldig bei Verdacht
(Guilty by Suspicion)
Drehbuch Irwin Winkler
Regie Irwin Winkler, USA 1991
Darsteller Robert De Niro, Annette Bening, George Wendt, Patricia Wettig, Sam Wanamaker, Luke Edwards, Chris Cooper, Ben Piazza, Martin Scorsese, Barry Primus, Gailard Sartain, Robin Gammell, Brad Sullivan, Tom Sizemore, Roxann Dawson u.a.
Genre Drama
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
15. August 1991
Inhalt

Der Regisseur David Merrill ist verheiratet und hat einen Sohn, er widmet jedoch die meiste Zeit seiner Arbeit, für die er seine Familie vernachlässigt. Merrill kehrt im Jahr 1951 aus Paris nach Hollywood zurück. Dort erfährt er, dass er vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe aussagen soll.

Merrill wird aufgefordert, die Namen der Sympathisanten des Kommunismus aus seinem Bekanntenkreis zu nennen. Er verweigert die Aussage, woraufhin sein Name auf die schwarze Liste eingetragen wird. Die Filmproduzenten wollen nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Das FBI beschattet ihn.

Plakatmotiv (US): Guilty by Suspicion – Schuldig bei Verdacht (1991)Als Merrill sogar in der Werbebranche keine Arbeit mehr findet, willigt er in eine Aussage ein. Er erscheint vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe, wo er erzählt, dass er lediglich einige wenige Treffen der Kommunisten besuchte. Er wurde rausgeworfen, weil er diskutieren wollte …

Was zu sagen wäre

Wenn Hollywood über sich selbst zu Gericht sitzt, tut es das gerne so, wie es das am besten kann: Michael Ballhaus liefert erlesene Bilder, die Casting-Agenten entsenden die Besten ihrer Guten und ein gefeierter Filmproduzent nimmt erstmals Platz auf dem Schleudersitz namens Regiestuhl. So wichtig ist das allen Beteiligten.

Das ist eine gruselige Geschichte, die dieser Film aus dem Land der Unbegrenzten Möglichkeiten als Land der engen Grenzen zeigt – eine Geschichte, an die sich die USA ähnlich ungerne erinnern wollen wie an ihre Vertreibung der „Indianer“; oder wie die Deutschen an ihre Nazi-Exzesse. Natürlich haben die Jahre des Komitees gegen Unamerikanische Umtriebe nicht sechs Millionen Menschen in den Foltertod geschickt und 50 Millionen Soldaten in den Tod auf dem Schlachtfeld. Aber die Diktatur dieses Komitees hat unter dem Fähnlein der wehrhaften Amerikanischen Werte, unter Vorenthaltung demokratischer Grundwerte Karrieren abgewürgt, Existen vernichtet, Leben ausgelöscht. Von all dem erzählt dieser Film. Und er tut das nahezu ohne mahnenden Zeigefinger.

Irwin Winkler, der Hollywood-Produzent (GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Der Stoff aus dem die Helden sind“ – 1983; „Wie ein wilder Stier“ – 1980; „New York, New York“ – 1977; Rocky – 1976), der hier erstmals ein eigenes Script verfilmt, erzählt die Geschichte eines (fiktiven} Regisseurs, gefeiert, verehrt, auf dem Höhepunkt, einer, der nichts anderes will, als Filme machen; darüber ist seine Ehe in die Brüche gegangen. Das bedauert er sehr und so kümmert er sich liebevoll und ohne Streit um Ex-Frau und den gemeinsamen Sohn – ein Vorbild geradezu an American Way of Life. Aber er war, vor vielen Jahren, bei zwei drei Treffen einer kommunistischen Gruppierung, die ihn schließlich rausgeschmissen hat, weil er nicht konform war, weil er diskutierte, statt abzunicken – also ein klassischer Held. Und dass sein Antagonist, der Vorsitzende im Komitee und damit die personifizierte Staatsmacht ein fetter, schwitzender Zigarre-Raucher ist, ist eins zuviel des gut Gemeinten. Wir sind ja schon auf des Regisseurs Seite. Irwin Winkler lässt uns ja auch gar keine Wahl.

Der Film ist konsequent aus der Perspektive des Mannes erzählt, der an der sonnigen Westküste in politische Mühlen gerät, die an der verregneten Ostküste mahlen. Wir erleben namhafte Produzenten – Darryl F. Zanuck taucht beispielhaft als das Hollywood-Fähnchen-im-Wind auf – die vor Washingtons Strippenziehern den Schwanz einziehen und lieber ihre besten Leute vom Hof jagen, als Widerstand zu leisten. David Merrill schultert das Kreuz, das ihm lauter Pontius Pilatusse auferlegen, findet dann aber nicht mal im verhassten New York als kleiner Handwerker einen Job – immer ist das FBI in der Nähe und macht ihn madig. Weil er nicht aussagen will. Weil er keine Freunde als Kommunisten denunzieren will.

Es ist die Geschichte des einen Aufrechten gegen die Übermacht der Dämonen. Den Aufrechten spielt Robert De Niro, der schon als Pate der Mafia vor 17 Jahren nach festen Glaubensgrundsätzen lebte („Zeit des Erwachens“ – 1990; GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht“ – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; „King of Comedy" – 1982; „Wie ein wilder Stier“ – 1980; „Die durch die Hölle gehen“ – 1978; „New York, New York“ – 1977; Der letzte Tycoon – 1976; „Taxi Driver“ – 1976). Als erst gefeierter, dann verstoßener Liebling der Hollywood-Gesellschaft, als leidenschaftlicher Regisseur, als gescheiterter Familienmensch und dennoch zugewandter Vater, als Aufrechter, der die anonyme Macht Washingtons akzeptiert, indem er ihr aus dem Weg geht, so gut er kann, liefert er eine gute Performance, vielschichtig, leidenschaftlich, aber, weil ich von Robert De Niro ohnehin nicht weniger erwarte, kann ich auch sagen: so wenig überraschend, wie der Film als solches.

Der Film packt mich – was bei streng subjektiv erzählten Geschichten aber nicht so schwer ist – weil mir die Formel, dass ein dünner Verdacht ausreicht, ein Leben zu vernichten (Guilty by Suspicion) ungerecht, dumm erscheint. Ich muss nicht nachdenken, darf mich ganz auf Hollywoods A-Liga verlassen, die sich hier hochglanzmäßig ein wenig selbst geißelt und gegen Washington austeilt.

Aber wenn ich dann doch kurz mal nachdenke ..: Wie kam es dazu, dass die USA, die den Krieg gewonnen haben, die den Kriegstreiber Deutschland mit riskanten, klugen Ideen zurück in die europäische, westliche Familie geholt haben, dieses Komitee gewähren ließen? Waren die alle so blöd, hetzende Kommunistenfresser, wie dieser fette, schwitzende Zigarrenraucher? Oder gab es da nicht vielleicht eine ernsthafte Bedrohung durch den Kommunismus, der sich das Komitee ursprünglich mal entgegen gestemmt hat?

Interessanter Film: Er zeigt unterhaltsam, packend, elegant fotografiert, wie scheiße sich die Verteter der eigenen Zunft verhalten haben – und löst die Frage aus, ob dieser Hochglanzfilm nicht vielleicht Hochglanz-Brainwashing ist. Wenn Kinofilme zum Widerspruch einladen, sind sie besonders gut.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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