Kinoplakat: In Time – Deine Zeit läuft ab
Coole Parabel auf die
Arbeits- und Finanzwelt
Titel In Time – Deine Zeit läuft ab
(In Time)
Drehbuch Andrew Niccol
Regie Andrew Niccol, USA 2011
Darsteller Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Cillian Murphy, Shyloh Oostwald, Johnny Galeck, Colin McGurk, Olivia Wilde, Will Harris, Michael William Freema, Jesse Lee Soffer, Aaron Perilo, Nick Lashaway, William Peltz, Ray Santiago, Matt Bomer u.a.
Genre Science Fiction, Thriller
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
1. Dezember 2011
Inhalt

USA. Die Zukunft. Die Währung, mit der Güter des täglichen Bedarfs, Lebensmittel, Autos gar bezahlt werden, heißt nicht mehr „Dollar”, sondern „Zeit”. Ein Kaffee an der Imbissbude zum Beispiel kostet aktuell vier Minuten Deines Lebens. Alle Menschen werden maximal 25 Jahre alt. Ab dann läuft eine implantierte Uhr in ihrem Unterarm rückwärts. Die Uhr zählt ein Jahr; abzüglich der Schulden, die Du bislang so angehäuft hast, bleiben Dir manchmal nur noch wenige Tage. Läuft die Zeit ab, fällst Du um und bist tot.

Brauchst Du mehr Zeit, musst Du dafür arbeiten, sie Dir schenken lassen – oder stehlen; auch das geht. Die Reichen leben so gut wie ewig, während die Armen früh sterben. Die gesamte Welt wurde in Zeitzonen aufgeteilt, in denen die unterschiedlichen sozialen Schichten leben.

Will Salas lebt in dem Ghetto Dayton, das zu einer niedrigen Zeitzone gehört. Die Menschen dort leben von einem Tag auf den anderen und haben selten mehr als einen Tag Restlebenszeit auf der Uhr. Will rettet in einer Bar Henry Hamilton vor den sogenannten „Minute-Men”, einer Gruppe von Kriminellen, welche Lebenszeit stehlen. Salas bekommt von dem Geretteten aus Dankbarkeit 116 Jahre geschenkt, bevor der sich das Leben nimmt. Zuvor nannte Hamilton im Gespräch mit Will die Reichen als Grund dafür, dass die Armen früher sterben müssen. Am Abend muss Will mit ansehen, wie seine Mutter Rachel stirbt, nachdem sie aufgrund einer Fahrpreiserhöhung für den Bus nicht rechtzeitig zu Hause eintraf.

Will will Hamiltons Ausage auf den Grund gehen und investiert mehrere Lebensjahre, um nach New Greenwich zu gelangen – dem Ort, an dem die Unsterblichen – die Reichen – leben. Er lernt den sehr reichen Finanzmogul Philippe Weis und seine Tochter Sylvia kennen. Im Casino gewinnt er gegen Weis 1.100 Jahre Lebenszeit. Alles könnte gut sein, wären da nicht Raymond Leon, der „Timekeeper” und seine Kollegen, die den Auftrag haben, das Wirtschaftssystem im Gleichgewicht zu halten. Sie unterstellen Will, er sei zu Unrecht im Besitz seiner Lebenszeit. Leon konfisziert Wills gesamte Zeit bis auf zwei Stunden. Für Will ist das nichts Neues – er kennt das Gefühl, keine Zeit zu haben. Er reagiert schnell, greift sich Sylvia als Geisel und flieht zurück nach Dayton.

Obwohl Sylvia ihn zunächst verabscheut, lernen sie sich schnell besser kennen. Nachdem ihr Vater ein gefordertes Lösegeld von 1.000 Jahren nicht an die Sozialstation in Dayton überwiesen hat, zweifelt Sylvia an der Moral ihres Vaters. Sie werden ein Paar und beginnen Zeitbanken ihres Vaters zu überfallen und die erbeutete Zeit an die Armen zu verteilen. Diese Zeit wird in elektronischen Speichereinheiten („Zeitkapseln”) aufbewahrt, von denen man freie Zeit transferieren kann.

Die Überfälle bringen das Zeitsystem, das ganze Gesellschaftssystem ins Wanken. Das kann sich die Gesellschaft nicht bieten lassen. Sie eröffnet die Jagd auf das Bankräuber-Paar …

Was zu sagen wäre

Geile Idee. Klarer kann man die Wechselwirkung von Geld und Leben und beider Abhängigkeit voneinander nicht darstellen. Großartig, wie Andrew Niccol („Gattaca” – 1997) die für den Erst-Gucker komplizierte Materie des Zeit nehmen, Zeit geben, Zeit verdienen verdeutlicht, ohne viele Worte zu machen. Das Thema hakt er in fünf Minuten ab und dann kann er sich voll auf seinen Plot konzentrieren. Niccol zeichnet als Drehbuchautor verantwortlich für die Meisterfilme Die Truman-Show (1998) und Terminal (2004).

Diesen Plot sieht man besser als Parabel auf – zum Beispiel – die Wirtschaftskrise, in der Menschen zunehmend atemlos ihrer Rettung hinterher hecheln, als als eigenständige Science- bzw. Social Fiction. Andernfalls kämen gleich lauter Fragen auf – etwa: Warum bauen die Reichen keinen Schutz in ihren Unterarm, der verhindert, dass man ihre Zeit einfach so klauen kann? Raffiniert setzt Niccol die Mittel eines spannenden Thrillers zwischen Bonny-&-Clyde und Robin Hood ein, um dem Zuschauer am Ende doch eigentlich nur zu spiegeln, was es eigentlich heißt, wenn man sagt „Zeit ist Geld”. In der aktuellen Debatte um Mindestlöhne in Deutschland ist dieser Film eine nette Argumentationshilfe; denn ähnlich atemlos, wie die Bewohner des Ghettos ihrer Zeit hinterher hecheln, hecheln Gering-Verdiener mit drei Jobs dem täglich Brot in der realen Welt hinterher.

Und die Welt der verschiedenen Zeitzonen gibt es – übersetzt – auch längst: Es gibt die Slums neben den abgesicherten Ghettos der Villenbesitzer, es gibt die Betonsiedlungen am Rande der Stadt, es gibt den verzweifelten Ansturm abgehängter Kontinente gegen die Mauern der Ersten Welt und Währungshüter halten die Geldmenge (Zeitmenge) unter Kontrolle, damit sie durch Überfluss nicht entwertet wird. Niccols Blick in unsere Zukunft ist gar nicht so weit weg von dem, was schon ist.

Weil Niccol kein soziologisches Pamphlet im Sinn hatte, unterhält er sein Publikum mit wohl dosierter Action, einem gut besetzten Justin Timberlake („Freunde mit gewissen Vorzügen” – 2011; „Bad Teacher” – 2011; The Social Network – 2010) und einer großäugigen Amanda Seyfried (Das Leuchten der Stille – 2010; „Chloe” – 2009; Jennifer's Body – 2009; „Mamma Mia! – 2008), die 80 Minuten in High Heels auf der Flucht ist.

Fazit: Unterhaltsam und klüger, als zu vermuten war.

Wertung: 6 von 7 €uro