Kinoplakat: In einer besseren Welt
Ein verstörendes Drama
ohne einfache Antwort
Titel In einer besseren Welt
(Hævnen)
Drehbuch Anders Thomas Jensen + Susanne Bier + Per Nielsen
Regie Susanne Bier, Dänemark, Schweden 2010
Darsteller

Mikael Persbrandt, William Jøhnk Nielsen, Ulrich Thomsen, Markus Rygaard, Trine Dyrholm, Wil Johnson, Eddy Kimani, Emily Mulaya, Gabriel Muli, June Waweru, Mary Ndoku Mbai, Dynah Bereket, Elsebeth Steentoft, Satu Helena Mikkelinen, Camilla Gottlieb, Simon Maagaard Holm, Emil Nicolai Helms u.a.

Genre Drama
Filmlänge 119 Minuten
Deutschlandstart
17. März 2011
Inhalt

Anton lebt den Spagat zwischen zwei Welten: Mehrere Monate im Jahr rettet er als idealistischer Arzt in einem afrikanischen Flüchtlingscamp Menschenleben. Zuhause, in der Idylle der dänischen Provinz, muss er sich als engagierter Vater und Ehemann den Herausforderungen des Familienalltags stellen.

Per Skype hält er Kontakt zu seinem zwölfjährigen Sohn Elias, der in der Schule gemobbt und als „Rattengesicht“ bezeichnet wird. Von Marianne, der Mutter des Sohns, lebt Anton getrennt. Das bedauert er, als er auf einem Heimaturlaub merkt, wie sehr Elias darunter leidet. Elias findet in Christian, der mit seinem kürzlich verwitweten Vater aus London zugezogen ist, einen Freund. Auch der hat ein Problem und ist zu seinem Vater verschlossen und aggressiv.

Elias hat einen kleinen Bruder, der sich auf einem Spielplatz mit einem anderen Jungen streitet. Anton bringt die beiden auseinander, wird dann aber von Lars, dem Vater des anderen Jungen, angegriffen und geohrfeigt, weil er dessen Kind angefasst hat. Elias und Christian können nicht verstehen, dass Anton sich das hat gefallen lassen. Darum sucht Anton mit den Kindern Lars auf und stellt ihn zur Rede, wobei er jedoch erneut Ohrfeigen kassiert. Anton versucht den Jungen klarzumachen, dass Lars der moralische Verlierer dieser Auseinandersetzung ist. Das kann vor allem Christian nicht akzeptieren, dessen Hass auf den eigenen Vater in Lars ein geeignetes Ersatzobjekt findet.

Als er in der Werkstatt des Großvaters alte Feuerwerkskörper findet, plant er, aus Rache zusammen mit Elisas eine Bombe zu bauen und Lars' Auto in die Luft zu sprengen. Dies widerspricht zutiefst Antons Idealen und bringt Elias in einen so schweren moralischen Konflikt, dass die Freundschaft beinahe daran zerbricht. Erst als sein Versuch scheitert, beim Vater Hilfe zu finden, der wieder in Darfur ist, entschließt er sich doch noch zum Mitmachen.

Seine Bedenken, keine Menschen zu gefährden, scheinen ausgeräumt, weil am frühen Sonntagmorgen noch niemand auf der Straße sei …

Was zu sagen wäre

Wenn Gewalt Gegengewalt erzeugt, erzeugt dann folgerichtg Gewaltlosigkeit weitere Gewaltlosigkeit? Schön wär‘s, nur ist der Mensch so nicht gestrickt. Der Film „In einer besseren Welt“ liefert auf die Frage keine leichte Antwort und stellt dazu ein komplexes Geflecht unterschiedlicher Figuren aufs Schachbrett – Mütter, Väter, Lehrer, tote Mütter, Schulbullies, Schläger und sudanesische Warlords.

Kinoplakat (US): In einer besseren WeltAus dieser Gemengelage heraus filtert Regisseurin Susanne Bier ein perfides Drama – perfide für uns Zuschauer, weil wir mit unseren fertigen Meinungen hier nicht weiterkommen.

Gewaltlosigkeit provoziert Gewalt

Die demonstrative Gewaltlosigkeit Antons und die umso stärkere Gewalt, der er, bzw. sein Sohn Elias sich ausgesetzt sehen, macht im Zuschauersessel aggressiv. Ich möchte gerne zurückschlagen, vor allem gegen diesen tumben Automechaniker Lars – bis ich erkenne, dass der sich eben durch die demonstrative Gewaltlosigkeit provoziert fühlt. Und ist das, was Anton da macht nicht auch Gewalt – wenn man es mal aus einer anderen Perspektive heraus betrachtet? Er sagt dem prügelnden Automechaniker „Du bist der Verlierer, weil Du mich schlägst. Ich bin besser, weil ich nicht schlage.“

Biers Film zeigt, wohin Gewalt erzeugt Gegengewalt führen kann, wenn man dieses Prinzip gedankenlos einem Halbwüchsigen überstülpen will, der mit dieser Haltung auf den Schulhof keinen Blumentopf gewinnt. Bier gelangt zu der unbequemen Erkenntnis, dass ein aus friedensbewegter Haltung heraus erzeugtes Nichtstun die schlimmeren Folgen hat.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt?

Elias‘ Vater Anton, auch seine Mutter Marianne, sind engagierte Ärzte, sie helfen Menschen, setzen sich ein, möchten die Welt zu einem besseren Ort machen, sie sind so derart engagiert, dass sie darüber den Bezug zu ihrem Sohn verlieren, der sich prompt andere Bezugspersonen sucht. Der Sohn von Ohrfeigengeber Lars hat es da wahrscheinlich einfacher – er wird von seinem Vater hart angefasst und gibt diese Erfahrung, so dürfen wir annehmen, später weiter. Die Moral von der Geschicht: Die Macht des Einzelnen ist doch, so er denn Frieden schaffen will, sehr begrenzt; für Kinder ein unauflösliches Dilemma.

Es gibt zwei Rache-Ausbrüche in diesem Film: Im Sudan provoziert ihn ein sadistischer Warlord und wir denken Verdient hat er‘s, aber gleichzeitig verrät Anton hier seine Prinzipien. Es sind jene Prinzipien, die er seinem Sohn Elias vorgebetet hat, als er von Lars geschlagen wurde. Es sind jene Prinzipien, die den ratlosen Elias und seinen Freund Christian in den zweiten Ausbruch des Films treiben, der die Katharsis einläutet – wenigstens. Diesen Anker hält Susanne Bier uns hin.

Die Sonne lacht, die Bombe kracht

Bier findet dichte Bilder für das Drama. Die Brutalität der Menschen kontrastiert mit dauerndem Sonnenschein – im Sudan strahlt die Sonne auf brutale Schlächter und deren Opfer, in Dänemark leuchtet eine heimelige Spätsommersonne die sich zuspitzende Situation aus. Es sind Landschaften voller Frieden und Harmonie, da reichen ihr dann ein paar harte Schnitte um die Grausamkeit des sudanesischen Mobs zu umreißen, ohne sie explizit zeigen zu müssen. In Dänemark zerreist eine Explosion die spätsommerige Stille, die ohne Effekthascherei zeigt, was ist. Die großen amerikanischen Actionmaschinen würden solche Bilder ablehnen, größere Explosionen setzen – aber weniger Wirkung erzielen.

An manchen Stellen, vor allem bei den Szenen im Sudan schweift Bier ein wenig ab, da könnte sie ihren Zwei-Stunden-Film straffen aber technisch gesehen zeigt Susanne Biers Film Weniger ist mehr. Mehr Wirkung.

Wertung: 7 von 8 €uro