Kinoplakat: Im Labyrinth des Schweigens
Eine historische Heldenreise
als großartiges Kammerspiel
Titel Im Labyrinth des Schweigens
Drehbuch Elisabeth Bartel + Giulio Ricciarelli
inspiriert durch eine wahre Geschichte und die Erinnerungen des Staatsanwaltes Gerhard Wiese
Regie Giulio Ricciarelli, Deutschland 2014
Darsteller

Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Johannes Krisch, Gert Voss, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Hansi Jochmann, Lukas Miko, Tim Williams, Mathis Reinhardt, Hartmut Volle, Werner Wölbern, Timo Dierkes, Michael Schernthaner u.a.

Genre Drama, Historie
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
6. November 2014
Website imlabyrinth-film.de
Inhalt

Deutschland, 1958: Die Wirtschaft brummt, den Menschen geht es wieder gut und die Geschehnisse, die gerade mal 13 Jahre zurückliegen, geraten langsam aber sicher in willkommene Vergessenheit.

Eines Tages sorgt der Journalist Thomas Gnielka am Frankfurter Gericht für Aufruhr, als er einen ehemaligen Auschwitz-Wärter anzeigen will, den ein Freund auf einem Schulhof identifiziert hat und der jetzt als Lehrer offenbar unbehelligt durchs Lebens gehen kann. Der Journalist stößt mit seiner Forderung jedoch auf Ablehnung.

Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann schenkt ihm Gehör und will die Vorgänge aufklären. Rückendeckung erhält er dabei vom Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der ihm die Leitung der Ermittlungen überträgt. Radmann sucht nach Tätern und Zeugen, die die Verbrechen im KZ bezeugen können. In der Wohnung des Malers Kirsch finden Radmann und Gnielka eine Liste mit SS-Leuten, die Gefangene im KZ getötet haben. Die aufgelisteten Täter finden er und seine Mitarbeiter in Telefonbüchern der gesamten Bundesrepublik. Weitere Unterlagen kann er im Document Center der Amerikaner in Frankfurt auftreiben.

Trotz hinhaltenden Widerstands der Behörden kann Radmann die ersten Täter verhaften lassen, so zum Beispiel den Adjutanten des Lagerkommandanten Rudolf Höß namens Robert Mulka. Seine Bemühungen, den SS-Arzt Josef Mengele festzusetzen, scheitern allerdings. Radmann versinkt völlig in dem Fall und vernachlässigt darüber sein Privatleben.

Selbst Marlene, die er gerade erst kennengelernt hat, vermag nicht auf ihn einzuwirken. Immer weiter schottet sich der junge Anwalt von seiner Umwelt ab, um das Labyrinth aus Verleugnung und Verdrängung aufzuarbeiten und ein Exempel zu statuieren …

Was zu sagen wäre

Ein Film über den Kampf gegen die Mauern im Kopf. Ein Film über ein nahezu unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte im Zwischenreich nach dem Nazi-Terror und vor der Aufarbeitung dessen. Eine klassische Heldengeschichte. Ein Film über Deutschland Ende der 50er Jahre, als der Krieg mehr als zehn Jahre zurücklag und alle offenbar dachten, so könne es weitergehen, die Vergangenheit könne man endlich ruhen lassen.

Regisseur und Autor Giulio Ricciarelli lässt alles weg, was seinem Film nur redundant im Weg stehen würde: Es gibt nicht die bei dieser Thematik naheliegenden Aufnahmen, die GIs im KZ gemacht haben, nachdem sie dort die Berge ausgemergelter Leichen gefunden hatten. Als das Lager Auschwitz im Film auftaucht, steht es im gleißenden Sonnenschein, obwohl sich Ricciarelli die Pointe erlaubt, dass der Staatsanwalt auf der Suche nach seiner Geschichte in Polen ankommt, als es tiefe Nacht ist – er fährt buchstäblich in die dunkle deutsche Vergangenheit. Dieses stereotype Pathos kann sich der Film nicht so ganz verkneifen; ohne diese klaren Bilder würde halt die Heldenreise nicht funktionieren; es wäre doch wieder nur ein Film über böse Nazis und gute Opfer.

Aber es gibt im Film eben auch nicht den bösen Nazi. Es gibt natürlich Verführungen alter Männer, die dem jungen Staatswanwalt Honig und lukrative Jobs in der Privatwirtschaft ums Maul schmieren, aber das sind Nebenbei-Handlungen, die wir aus zahllosen Krimis und Thrillern kennen; fast sind sie zu beiläufig erzählt. Der Film ist so auf seine Aufklärung und deren Motivation konzentriert, dass auch die eben erst begonnene und schon wieder zerbrechende Liebesgeschichte Radmanns mit (der wirklich entzückenden) Marlene in einer kurzen, alkoholgeschwängerten Szene auf- und abgearbeitet wird. Gleichzeitig hält aber mehrfach Gert Voss sein markantes Gesicht in die Kamera, der den Generalstaatsanwalt spielt und als Johanns Mentor Sätze aus der Dialektik der Aufarbeitung deklamiert – „Es geht nicht um Schuld. Es geht um das Erinnern“, „Das Schweigen muss aufhören“, „Sie verstehen nicht, worum es hier geht! Es geht um Gerechtigkeit für die Toten, nicht um Bestrafung der Täter!“. Es scheint den Autoren sehr wichtig zu sein, diesen Gesichtspunkt unbedingt verstanden zu wissen.

Zu Beginn der Ermittlungen fliegt ein Pflasterschein mit Hakenkreuz durch die Fensterscheibe, aber danach hören auch die zu erwartenden Anfeindungen auf – zumindest werden sie nicht mehr plakativ gezeigt. Ricciardelli ahnt schon, dass sein Publikum das alles zur Genüge kennt, dass es die entsprechenden Bilder im Kopf hat, jederzeit zum Abruf bereit. Alles, was nicht der Suche des zu Beginn naiven Staatsanwaltes dient, blendet der Film aus, dadurch bekommt er den Charakter eines Kammerspiels – obwohl er zig verschiedene Drehorte hat. Der Regie geht Inhalt vor Form. Wo den Figuren kaum Eigenleben außerhalb ihrer Aufklärung erlaubt ist, geraten auch die Schauspieler zu Stereotypen, die mit wenig Eigenschaften haushalten müssen.

Der wackere Staatsanwalt ist blond, streng gescheitelt, blauäugig und wird von Alexander Fehling (Buddy – 2013; Inglourious Basterds – 2009) als unbeirrbar wackerer Kämpfer portraitiert, dessen Phase der Abwehr und des alles-hinschmeißen-wollens gerade mal fünf Minuten dauert – in der erzählten Handlung etwa 48 Stunden. Sein Mitstreiter ist die klassische vom-Saulus-zum-Paulus-Rolle, der Johann von Bülow („Der Minister“ – TV, 2013; „Kokowääh“ – 2011) gewohnt schmierige Präsenz gibt. Hansi Jochmann (Zettl– 2012; „Wie ein Licht in dunkler Nacht“ – 1992), die auch Jodie Foster ihre markante Stimme leiht, spielt hier (bemerkenswerterweise fast stumm) die freundliche, loyale Sekretärin mit dem Herz am rechten Fleck, die auf den Namen Schmittchen hört. Mehr Tiefe haben die figuren nicht. Und dann ist da noch Marlene, des jungen Staatsanwaltes junge Freundin. Friederike Becht („Der Vorleser – 2008), die bisher vor allem TV- und Theater spielt, gibt sie und – vielleicht, weil sie die einzige ausgebaute Frauenrolle im Film hat, vielleicht, weil sie aussieht wie die junge Winona Ryder, vielleicht, weil sie … eine starke Ausstrahlung hat – sie bleibt im Gedächtnis. Von ihr werden wir sicher mehr sehen in Zukunft.

Diese Geschichte wirkt aus heutiger Sicht, wo kaum ein Tag vergeht, an dem Deutschland sich nicht mit seiner braunen Vergangenheit auseinandersetzt – seien es brennende Asylbewerberheime, seien es runde Jahrestage zum Krieg und seiner Vernichtung – fast grotesk. Der Prozess, mit dem dieser Film endet, stand am Anfang der gewaltigen deutschen Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte – er begann 1963, 18 Jahre nach Kriegsende. Mir war das nicht klar. Schweigen. Verdrängen. Nichts wissen wollen. Nicht reden wollen. Klar, das Verhalten kennen wir aus unzähligen Schulstunden, Aufsätzen, Filmen, Artikeln, Dokumentationen – aber stets tauchen im Gegenschnitt dann die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den Vernichtungslagern mit den Leichenbergen auf, was suggeriert: Verdrängen im Angesicht der gezeigten Wahrheit.

Die Generation des jungen Staatsanwaltes Johann Radmann – „Sie sind Jahrgang 1930. Sie sind unbelastet.“, sagt der Generalstaatsanwalt einmal – hat aber offenbar wirklich nichts gewusst – „Auschwitz war doch ein Schutzhaft-Lager“, sagt er. Woher soll er es auch wissen; wenn die Eltern geschwiegen haben. Es ist auch ein Film über den Kampf einer Generation für ihre Geschichte, ihr Wissen, ihr Recht auf Aufklärung.

Außerdem ist es ein spannender Film.

Wertung: 7 von 8 €uro