Kinoplakat: Hundstage

Blick auf in eine kranke Welt.
Al Pacinos Galavorstellung.

Titel Hundstage
(Dog Day Afternoon)
Drehbuch Frank Pierson
nach einem Magazinartikel von P.F. Kluge + Thomas Moore
Regie Sidney Lumet, USA 1975
Darsteller Al Pacino, John Cazale, Charles Durning, Chris Sarandon, Beulah Garrick, James Broderick, Carol Kane, Lance Henriksen u.a.
Genre Drama, Crime
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
19. März 1976
Inhalt

Zuerst sollte es für die beiden Gauner Sonny und Sal ein einfacher Banküberfall werden. Doch alles läuft schief und nun sitzen sie in der Bank gefangen. Die eintreffende Polizei riegelt den Straßenabschnitt vor der Bank ab. Schaulustige und das Fernsehen gesellen sich dazu.

Sonny und sein Komplize Sal nehmen die Bankangestellten als Geiseln, lassen jedoch einen Asthmakranken frei und fordern einen Hubschrauber und ein Flugzeug, um außer Landes zu kommen. Trotz allem ist das Verhältnis zwischen den Geiselnehmern und ihren Geiseln entspannt. Sie teilen alle das gleiche Schicksal, eingeschlossen in einer Bank bei tropischen Temperaturen.

Die Geiselnahme und die laufende Medienberichterstattung nehmen immer abstrusere Ausmaße an …

Was zu sagen wäre

„Machen Sie sich keine Sorgen!“, ruft Sonny seinen Geiseln in der Bank zu. „In einer halben Stunde ist alles vorbei!“ Da ist der Film noch keine zehn Minuten alt. Regisseur Sidney Lumet (Mord im Orient-Express – 1974; „Serpico“ – 1973; „Sein Leben in meiner Gewalt“ – 1973; „Der Anderson Clan“ – 1971; „Angriffsziel Moskau“ – 1974; „Die zwölf Geschworenen“) hält sich nicht mit Vorreden auf. Nach elf Minuten ist Bankraub eigentlich geplatzt. Der Safe ist leer. Der Geldbote hat vor einer halben Stunde schon alles abgeholt. Nach knapp 20 Minuten hat Sonny verloren: Polizei und Reporter mit Fernsehkameras haben die Bank umstellt.

Nach 20 Minuten also sitzt der Held des Films so tief in der Scheiße, dass klar ist: Da kommt der nicht mehr raus; der wird nicht am Ende in den Sonnenuntergang reiten oder in der Karibik die Tausender verbrennen. Noch dazu ist er ein nur leidlich sympathischer Typ und ein Bankräuber mit geladener Flinte ist er obendrein. Al Pacino ist dieser Sonny und er hat es also wirklich nicht leicht, unsere Sympathie zu gewinnen (außer, dass Al Pacino natürlich per se unsere Sympathie genießt). Dennoch gewinnt er sie. Nicht nur, weil er es einem zögerlichen Bankraub-Kumpel („Sonny, ich kann das nicht!“) gestattet, mit Beginn des Bankraubs den Bankraub zu verlassen, was auch bedeutet, dass sein Team um ein Drittel schrumpft. Auch ist er rührend besorgt um seine Geiseln.

Er ist völlig planlos. Er wollte – das ist dann nach ungefähr 30 Minuten klar – offenbar gar nicht das große Geld; im Laufe des Films schrumpft der Grund für diesen grässlich aus dem Ruder laufenden Bankraub immer weiter und es stellt sich schließlich heraus, dass er eigentlich nur 2.700 Dollar braucht – aber nicht mal so viel liegt im Tresor. Es ist eine bittere Welt und mit jeder Filmminute wächst uns dieser Sonny mehr ans Herz.

Ja, er ist ein Bankräuber. Also ein Krimineller. Aber er ist ein Krimineller in einer kriminell blöd gewordenen Gesellschaft. Es gibt eine Szene in diesem Film, die zeigt, was Kino kann, ohne viel Aufhebens zu machen. Irgendwann scheint in dieser Bank andauernd das Telefon zu klingeln und Sidney Lumet („Mord im Orient-Express“ – 1974; „Serpico“ – 1973; „Sein Leben in meiner Gewalt – 1973; „Der Anderson Clan“ – 1971) presst diesem kinematisch schwierigen Umstand immer neue Bilder ab. Am Anfang sind immer irgendwelche Kunden am Telefon. Plötzlich ist – „Es ist für Sie, Sonny …“ – die Polizei dran. und dann ist plötzlich das Fernsehen dran. Ein Live-Interview. Das dümpelt so vor sich hin, aber als Sonny, nervös, wie er ist, seine Wortwahl nicht mehr unter Kontrolle hat, schmeißt ihn das Fernsehen „wegen technischer Probleme“ – wir sind gleich wieder für Sie da – aus der Sendung. Das ist die zentrale Szene dieses Films: Ein TV-Sender holt sich – live – einen Bankräuber on Duty ans Live-Telefon. Aber als dann der Geiselnehmer am Telefon spricht, wie ein Gangster und nicht wie ein Dozent, ändert der TV-Sender rasch sein Programm – Bankraub ist der Quote dienlich, Menschen, die live on Air fluchen sind es nicht.

Kinoplakat (US): Hundstage - Dog Day Afternoon

Es ist der Film von Al Pacino (Der Pate – 1972; „The Panic in Needle Park“ – 1971) und es steckt eine lyrische Melancholie in dem Umstand, dass er für eine der sechs Oscarnominierungen steht, der einzige Oscar dann aber an das Script ging (der Best-Film-Oscar ging in jenem Jahr dann an „Einer flog über das Kuckucksnest“) – das exzellent ist, das ohne Al Pacino aber viel mehr Voraus-Liebe seitens der Zuschauer gebraucht hätte. Das Großartige an Al Pacino ist, dass er auch ohne Oscar weiß, dass er zu den Großen gehört und es trotzdem nicht raushängen lässt. Pacino beherrscht die Bandbreite von ganz weich bis ganz Arschloch und hier muss er sie in voller Breite ausspielen.

Er ist Liebhaber, Gangster, Loser, Schwuler, Stratege, Bruder, Ernährer, Hoffnungsträger. Eben muss er noch im intimen Kammerspiel des Bankschalterraums acht nervöse Menschen und seinen offensichtlich nur schwer zurechnungsfähigen Komplizen Sal in Schach halten, schon steht er draußen vor der Bank, tobt sich die Seele aus dem Leib und gewinnt die Sympathien der Zuschauermenge, als er Attica! Attica! skandiert, um Parallelen zwischen der schwer bewaffneten Polizeipräsenz und der blutigen Niederschlagung des Gefängnisaufstandes 1971 im New Yorker Gefängnis Attica herzustellen – eine grandiose Szene übrigens, die die ganze Lust am Kino aufzeigen: aus der Intimität bis in die Hubschrauber-Totale.

Der Mann ist der Hit: Ich fiebere zwei Stunden mit einem Bankräuber mit, hoffe, dass er irgendwie davon kommt.

Wertung: 9 von 9 D-Mark