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Kinoplakat: Honig im Kopf
Hochprofessioneller Kitsch.
Höchst unterhaltsam.
Titel Honig im Kopf
Drehbuch Til Schweiger + Hilly Martinek
Regie Til Schweiger, Deutschland 2014
Darsteller Dieter Hallervorden, Emma Schweiger, Til Schweiger, Jeanette Hain, Katharina Thalbach, Tilo Prückner, Mehmet Kurtuluş, Violetta Schurawlow, Pasquale Aleardi, Jan Josef Liefers, Fahri Yardım, Claudia Michelsen, Lilly Liefers, Anneke Kim Sarnau, Samuel Koch, Dar Salim, Helmut Zierl, Dorothea Walda, Arnel Taci, Tim Wilde, Luca Zamperoni, Samuel Finzi, Clelia Sarto, Zarah McKenzie, Thomas Fehlen, Udo Lindenberg u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 139 Minuten
Deutschlandstart
25. Dezember 2014
Website honig-im-kopf.de
Inhalt

Der ehemalige Tierarzt Amandus leidet unter Alzheimer. Auf Drängen seines Sohnes Niko zieht er in dessen Haus nahe Hamburg. Nikos Ehe mit seiner Frau Sarah steht auf der Kippe, nachdem Niko erfahren hat, dass Sarah eine Affäre mit ihrem Chef Serge hatte.

Schnell kommt es im Haus wegen Amandus’ geistigem Zustand zu mehreren kritischen Situationen; u.a. verursacht er bei dem Versuch, einen Kuchen zu backen, beinahe einen Küchenbrand. Als Amandus’ geistiger und motorischer Verfall immer weiter voranschreitet und das Sommerfest von Niko und Sarah in einem Fiasko endet, sieht Niko keine Alternative dazu, ihn in eine betreuende Einrichtung zu geben.

Dies will dessen elfjährige Tochter Tilda nicht hinnehmen. Sie begibt sich mit ihrem Großvater auf eine Reise nach Venedig …

Was zu sagen wäre

Ich bin sehr gut unterhalten worden! Obwohl der Filmschnitt hier und da doch sehr wirr ist. Obwohl Regisseur Til Schweiger (Schutzengel – 2012; „Kokowääh“ – 2011; Keinohrhasen – 2007; „Barfuss“ – 2005; Der Eisbär  – 1998) ganz tief hinein greift ins Reich der Typicals; früher sagte man „Klischee“ dazu, aber der Begriff ist so abgehangen.

Dieter Hallervorden! In Deutschland stets eingeschränkt auf seine „Didi“-Rolle, hat er schon in den 1970er Jahren gezeigt, welch geradezu gruselige Bandbreite in ihm steckt. Wer je die Chance hat, seine Performance in Der Springteufel zu verfolgen, weiß, was ich meine. Dieter Hallervorden ist ein präziser Schauspieler mit Gespür für Timing und Stimmungen. Til Schweiger muss jeden Tag von seinem Regie-Stuhl runter auf die Knie gerutscht sein vor Dankbarkeit dafür, wie sehr Hallervorden seinen Film rettet. Ursprünglich wollte Schweiger die Alzheimer-Rolle mit Michael Caine (Kingsman: The Secret Service – 2014; Interstellar – 2014; Die Unfassbaren - Now You See Me – 2013; Inception – 2010; The Dark Knight – 2008) besetzen; das hat er in der TV-Talkshow „Markus Lanz“ im März 2015 erzählt.  Nachdem Schweiger allerdings Hallervorden in „Sein letztes Rennen“ gesehen hatte, war ihm die Besetzung für seinen Film klar; und Hallervorden ist brillant und schafft auch peinliche Momente mit großer Souveränität.

Die peinlichen Momente offenbaren das Dilemma dieses Films: Es geht um Alzheimer. Und es ist ein Til-Schweiger-Film. Schweiger ist ein gewiefter und erfolgreicher Filmemacher; er kann Komödie, Romanze, Action, das Thema „Alzheimer“ allerings verbinden wir mit ihm nicht. Er hat es – mit seinen Mitteln – glänzend gelöst. Es gibt die eben erwähnte peinliche Szene, in der die elfjährige Tilda Dieter Hallervorden aus der vollgepinkelten Unterhose in eine neue Unterhose helfen muss. Da steht Hallervorden irgendwann nackt vor Emma Schweiger, die an ihm rumzuppelt und dabei ihre natürliche Abscheu generös in Schach hält. Dazu gibt es eine nette Melodie aus dem Soundtrack, deren Takt den Schnittrythmus vorgibt. Das wirkt leicht, locker und überspielt peinliche, das weihnachtlich gestimmte Familienpublikum möglicherweise verstörende Situationen, macht aber gleichzeititg eine Dimension der Krankheit Alzheimer deutlich, auch wenn Hallerworden nachts an den Kühlschrank geht und hineinpinkelt. Anders herum ist das Thema Alzheimer so wichtig, dass ein Teil der Kinogeher aufstöhnt, wenn ausgerechnet Schweiger sich des Themas annimmt, der „ja nicht einmal ordentlich sprechen kann“.

Über die vergangenen 20 Jahre mit Til-Schweiger-Filmen im Kino und der Kritik an ihnen sozialisiert, zucke ich bei der Verknüpfung Schweiger-Alzheimer auch instinktiv zusammen; nur, um dann festzustellen, was ich oben gesagt habe: Gut gelöst. Ein Christian Petzold („Barbara“ – 2012; „Jerichow“ – 2008; „Yella“ – 2007; „Die innere Sicherheit“ – 2000) würde diese neuralgischen Szenen sicher anders inszenieren – keine Musik, wenige Schnitte, Gesichter, Betroffenheit. Womöglich wäre die Szene einfühlsamer, womöglich könnte der Zuschauer sich dadurch tiefer in die Problematik einfinden. Ich schätze aber, dass nur jeder zehnte Zuschauer, der „Honig im Kopf“ gesehen hat, sich auch den Christian-Petzold-Film zum Thema „Alzheimer“ ansehen würde. Die fluffige Schweiger-Form erreicht potenziell mehr Menschen, die sich hier zum ersten Mal mit Alzheimer auseinandersetzen und es mit Schweigers Erzählversion einfacher haben.

Kurz gesagt: Schweiger ist ein Mann des populären Kinos, der sehr genau auf professionelle Strukturen und dramaturgische Schaltpunkte im Drehbuch achtet; in einem „Spiegel“-Gespräch mit Wim Wenders hat er das mal sehr schön umrissen. Auf den Vorwurf der Spiegel-Redakteure, „Honig im Kopf“ sei konservativ, weil er als Lösung nur anbiete, dass die Ehefrau ihren interessanten Job aufgibt und zu Hause bleibt, entspinnt sich folgender Wortwechsel, der Schweigers Arbeit am Drehbuch beleuchtet:


Schweiger: Die "Frau" war in meinem Drehbuch die Antagonistin, die etwas dazulernt. Das war von Anfang an so konzipiert. Ich bin null konservativ. Die letzte Idee, die ich beim Schreiben hatte, war, die Frau gehöre hinter den Herd! Das ist absurd! Sie musste so sein, weil sie doch der Antagonist war. Ganz simpel!

Wenders: Da denkst du aber ganz schön effektiv! Einen Antagonisten habe ich immer vergessen einzubauen.

Schweiger: Ich habe ihn in deinem Film nicht vermisst. Nicht jede Geschichte braucht einen Antagonisten.

Wenders: Da bin ich ja beruhigt.

SPIEGEL: Helfen bestimmte Regeln, ein Handwerk, für Drehbuch und Plot?

Schweiger: Das passt manchmal und manchmal nicht. Die Regel Nummer eins, die jeder Drehbuchschüler lernt: Du brauchst drei Akte. Du brauchst Plotpoint one und two. "Honig im Kopf" ist ein Gegenentwurf, weil er keine drei Akte hat.

SPIEGEL: Sondern?

Schweiger: Der Plotpoint nach 70 Minuten - wie in unserem Fall - ist zu spät. Das Mädchen entführt seinen dementen Opa und geht mit ihm auf Reisen. Bei einer Länge von 130 Minuten müsste der erste Plotpoint bei ungefähr 35 Minuten kommen. Doch dann hätte ich nicht die Zeit gehabt, den Verfall des Opas zu zeigen.

Wenders: Ich kann da nicht mitreden. Wie hast du das eben gesagt? Der Plotpoint, der müsste wann gesetzt sein?

Schweiger: Bei 90 Minuten Gesamtlänge bei ungefähr 25 Minuten.

Wenders: Ich habe kein Talent für so etwas. Ich weiß nicht, wann mein Plotpoint kommt. Der Unfall in "Every Thing Will Be Fine"? Der kommt schon nach 15 Minuten. Til, hilf mir.

Schweiger: Der Plotpoint wird dort gesetzt, wo der zweite Akt beginnt. Guck mal, der erste Akt ist die Einführung der Figuren. Danach gehst du in den zweiten Akt.


Schweiger nimmt sich alle Freiheiten, die er für seine Geschichte braucht. Das elfjährige Mädchen „entführt“ also seinen dementen Opa. Der demente Opa fährt Auto, verursacht größere Blechschäden. Dennoch fahren die beiden unbehelligt mit der Eisenbahn gen Venedig und als Opa in seiner Verwirrung vorzeitig den Zug verlässt, wandern beide zu Fuß durch das schöne Tirol bis sie ein italienisierter Hamburger auf seiner Ladefläche bis nach Venedig bringt. Das muss man im Kinosessel natürlich glauben wollen, aber diese überschwengliche Naivität zeichnet klassisches Kino aus: Egal, was im Alltag geht oder nicht. Im Kino geht grundsätzlich alles; solange es in sich logisch und schlüssig bleibt. Ein Waisenknabe von einem Wüstenplaneten am Rande der Galaxis wird zu deren Retter! Ist das weniger naiv? Nein! Aber großes Kino.

Die Schauspielerei Emma Schweigers, die seit Keinohrhasen (2007) zum festen Schweiger-Cast gehört, ist immer noch erkennbar limitiert. Das scheint auch ihr Vater Til zu wissen. Zwar besetzt er sie immer wieder, so wie er auch seine Tochter Lula immer wieder besetzt (Schutzengel – 2012), die noch weniger spielen kann, aber der Regisseur Til Schweiger weiß auch, dass seine Jüngste vor allem über Blicke fasziniert. Mit seinem kurzatmigen Bildschnitt montiert Schweiger seine Tochter in der ersten Hälfte vor allem in kurzen Clips als stummes Close Up, das süß guckt. Sie wirkt authentisch und natürlich, hat aber keine Sprechausbildung, dafür die nuschelige Art ihres Vaters geerbt; das macht es schwer, sie zu verstehen, was vor allem dann blöd ist, wenn sie aus dem Off die Geschichte zusammenhalten soll. In der zweiten Hälfte ist ihr limitiertes Spiel wurscht, weil das Publikum da längst schockverknallt ist und die Geschichte Fahrt aufgenommen hat. Dass sie es ist, die aus dem Off erzählt, ist ein cleverer Schachzug. Mit dem Mädchen begeben wir Zuschauer uns gemeinasam auf die Entdeckungsreise in die Welt der Demenz.

Handwerklich auf professionellem Niveau. Nur geschnitten ist der Film schlecht. Ohne Rhythmus, unmotiviert; das sieht bisweilen aus, als sei der Film schon zigmal gerissen und jedesmal nur notdürftig geklebt worden. Da wird in belanglosen Brückensequenzen (die von der einen Szene in die nächste überleitet) hektisch von Gesicht auf Hand auf anderes Gesicht auf erstes Gesicht aber in anderer Perspektive auf Hand aus anderer Perspektive und so weiter geschnitten; zehn-Sekunden-Szenen in – augenscheinlich unmotiviert – sieben Einstellungen aufgelöst. Schnitt und Film passen nicht zusammen, haben nichts miteinander zu tun.

In Deutschland erreichte der Film 7,19 Millionen Kinobesucher. Damit ist er der erfolgreichste im Jahr 2014 gestartete Kinofilm und belegt den 6. Platz der erfolgreichsten deutschen Filme in der Bundesrepublik seit 1968. Das internationale Einspielergebnis liegt bei über 60 Millionen Euro.

Wertung: 5 von 8 €uro
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