Kinoplakat: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen
Ein unaufdringliches Drama
mit interessanter Farbe
Titel Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen
(Hidden Figures)
Drehbuch Allison Schroeder + Theodore Melfi
nach einem Buch „Hidden Figures: The African American Woman Mathematicians who helped NASA and the United States win the Space Race“ von Margot Lee Shetterly
Regie Theodore Melfi, USA 2016
Darsteller Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Aldis Hodge, Glen Powell, Kimberly Quinn, Olek Krupa, Kurt Krause, Ken Strunk, Lidya Jewett, Donna Biscoe u.a.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 127 Minuten
Deutschlandstart
2. Februar 2017
Website hiddenfigures-derfilm.de
Inhalt

1962: John Glenn ist der erste Amerikaner, der die Erde in einem Raumschiff komplett umkreist. Das ist ein wichtiger Meilenstein im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, der auch als Wettlauf im All geführt wird – zu einer Zeit, als Weiße und Schwarze in den USA noch per Gesetz getrennt werden und von Geschlechtergleichheit keine Rede sein kann. Um die mathematische Rechenleistung zu erbringen, die notwendig ist, um eine Orbit-Mission erfolgreich umzusetzen, beschäftigt die amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA seit den 1940ern eine Gruppe Afroamerikanerinnen, die sich durch ihre Bildung und ihr Wissen hervorgetan haben. Da der Zweite Weltkrieg einzustellende Männer rar gemacht hat, entsteht auf diese Weise ein weiblicher Think Tank.

Dies ist ein Kapitel aus dem Leben der NASA-Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Ohne sie wäre Glenn im All verbrannt.

Katherine wird in eine Abteilung versetzt, welche die Flugbahnen für den ersten Flug eines Menschen in das Weltall entwickelt; dort wird eine Mathematikerin mit Kenntnissen in der Vektorrechnung gesucht. Die Mitarbeiter dort, allesamt weiß und fast ausschließlich männlich, nehmen sie sehr reserviert auf. Besonders Paul Stafford ist ihr nicht wohlgesonnen. Sie bekommt von ihm nur Unterlagen mit vielen geschwärzten Stellen, bei denen es sich um geheime Daten handeln soll. Trotzdem findet sie einen Weg, die Daten korrekt zu berechnen – sie hält die Seiten gegen das Licht und kann den Text unter der schwarzen Tinte durch lesen. Von Harrison wird sie wegen ihrer guten Arbeit zunehmend geachtet. Als ihm die lange Abwesenheit von Katherine jeden Tag auffällt, beklagt sie die schlechte Behandlung und Bezahlung der Farbigen. Harrison schlägt daraufhin eigenhändig das Schild an einer Toilette ab; die Toiletten sollen nun von allen Mitarbeitern gleichermaßen benutzt werden können.

Die demütigende Niederlage im Wettlauf ins All durch die ersten Raumflüge der Sowjetunion mit einem Tier und eines Menschen verfolgen die Mitarbeiter im Filmsaal der Forschungseinrichtung. Harrison weist daraufhin auf die historische Bedeutung hin und treibt die Mitarbeiter zu noch mehr Arbeit an. Der erste bemannte Raumfahrtflug Amerikas mit Alan Shepard ist schließlich erfolgreich. Nun wird die Erdumkreisung durch John Glenn vorbereitet. Die Hartnäckigkeit von Katherine bewirkt, das sie an einem wichtigen Briefing teilnehmen darf, wo sie insbesondere auf Glenn großen Eindruck macht. Besonders wichtig ist die Ermittlung der Koordinaten für den Wiedereintritt in die Atmosphäre. Dafür sollen neue Formeln gefunden werden. Als dies nicht gelingt, erinnert sich Katherine an die Eulerschen Gleichungen, auf deren Basis die Berechnung erfolgreich ist.

Zwischenzeitlich wurde ein IBM-Großrechner im Forschungszentrum installiert, der mit Hilfe von Dorothy zum Laufen gebracht wurde. Als dieser kurz vor dem Start der Rakete widersprüchliche Zahlen liefert, weist Glenn die Bodenstation an, diese von Katherine prüfen zu lassen; sonst würde er nicht starten …

Was zu sagen wäre

Die Moral von der Geschichte: Hätte dieser NASA-Abteilungleiter Harrison nicht dafür gesorgt, dass weiße und schwarze Frauen künftig in dieselbe Schüssel pinkeln, wäre John Glenn nicht um die Erde geflogen und wäre Neil Armstrong nie auf den Mond spaziert. Eine schöne Geschichte; ob sie zu den wahren Begebenheiten dieses Films „nach wahren Begebenheiten“ zählt, oder nur als hübsch formulierte Metapher reicht, bleibt offen. Es ist erstaunlich genug, das zeigt uns dieser Film sehr nonchallant, dass eine Gesellschaft, die es Menschen mit anderer Hautfarbe verbietet, sich im Bus neben sie zu setzen, es schafft, Menschen auf den Mond und zurück zu schicken.

Der Film ist auf amerikanische Weise aufrecht und gut. Er ist unterhaltsam. Er zeigt mir etwas Neues – die schwarzen Frauen bei der NASA, ohne die die Raketen die Erdatmosphäre nicht hätten verlassen können, und wie die mutmaßlich hochgebildeten NASA-Leute mit diesen Frauen umgingen, bringt uns das Leben unter der Rassentrennung als gesellschaftlich akzeptierte Routine beeindruckend nahe. Sein Sujet erhält zudem plötzliche Relevanz, der Film klingt wie ein Kommentar zum aktuell grassierenden Nationalismus. Der Film liefert jede Menge Bilder, Emotionen und – ja, trotz allem auch dies: – Fakten auch für Menschen, die sich vor Anderen, Fremden eher fürchten, die vor US-Ikonen wie John Glenn auf die Knie gehen. Nebenbei erzählt der Film eben, dass dieser John Glenn niemals The JOHN GLENN geworden wäre, wären da nicht diese schwarzen Frauen gewesen.

So. Kurz durchatmen.

Schwieriges Thema – Leicht gelöst

Nein: „Hidden Figures“ ist kein Volkshochschulfernsehen. Theodore Melfi erzählt diese historisch neu justierten Eckpfeiler der amerikanischen Geschichte so beiläufig, dass die Borniertheit der vorgeführten weißen NASA-Herrenrasse für kaum mehr als ein allenfalls historisch interessantes Aperçu, als Hintergrundrauschen taugt. Interessanter finden die Macher ihre Gewinnerinnen-Geschichte. Denn das ist der Film eben auch: eine Party des amerikanischen economic way of life. Den es so heute nicht mehr gibt. Den es aber noch gab in jener Zeit, in der dieser Film spielt. In jener Zeit war Rassentrennung Gesetz, gemeißelt in Paragraphen.

Kinoplakat: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

Am Ende des Films sind also alle glücklich. Die weiße, männliche Herrschaft hat dann verstanden, dass Frauen – ja sogar schwarze Frauen – das Betriebsergebnis signifikant steigern können, ein NASA-Abteilungsleiter hat erkannt, dass sich der Urin schwarzer und weißer Menschen nicht unterscheidet, die durch diesen Aberglauben dennoch herrschenden Gesetze aber zu einer empfindlichen Niederlage im Kalten Krieg gegen die Sowjets führen können, und The JOHN GLENN persönlich sendet einen letzten Blitzschlag gegen das weiße Establishment. Dann hat auch der dickschädeligste Dickschädel im Kinosaal verstanden, dass Intelligenz nicht vor der Hautfarbe oder gar dem Geschlecht Halt macht. Wenn man sich nur ordentlich anstrengt, so die gar nicht so neue Botschaft des Films, kann man alles schaffen, stehen einem alle Türen offen – selbst solche, die es heute noch gar nicht gibt. Mehrmals taucht das Motiv Der oder die Erste sein wollen auf in diesem Film, in dem am Ende Männer und Frauen, Weiße und Schwarze gemeinsam John Glenn ins All und zurück bringen. Die Rassentrennung aber berührt das alles nicht, die geht damals einfach weiter (bis sie 1964 US-Präsident Lyndon B. Johnson  – zumindest juristisch – aufhob).

Schein und Sein

Plakat, Marketing und Trailer verkaufen mir den Film als Schicksal dreier Farbiger in borniert weißer Umgebung. Da stellt sich mir, wenn ich mir die Plakate anschaue, die Frage: Brauche ich das? Schon wieder? Männer unterdrücken Frauen. Weiße unterdrücken Schwarze. Im Kino hundertmal gesehen.

Und dann geht es darum höchstens am Rande.

Gleich die erste Szene macht das deutlich. Da stehen die drei Hauptfiguren mit kaputtem Motor am Straßenrand – sie sind Wissenschaftlerinnen, Ingenieurinnen, sie wissen sich zu helfen. Dann kommt ein Polizeiauto, aus dem ein stiernackiger – weißer – Cop aussteigt und alle im Kino ahnen, was jetzt passiert; weil das in solchen Filmen bei so einer Personenkonstellation immer passiert. Und es passiert nicht. Statt dessen gibt der stiernackige Cop den Damen Geleitschutz bis zum Arbeitsplatz, den sie aufgrund der Panne sonst zu spät erreichten und also den Astronauten, „unsere allerbesten Männer“, wie der Sheriff sie nennt, nicht zur Seite stehen könnten. Erwartungshaltung ausgekontert. Das große Gesellschaftsproblem Rassismus gerät neben Kaltem Krieg und Business zur Folklore für einige schöne Mund-offen-steh-Szenen wie der mit dem Kloschild.

Das Kino feiert die Intelligenz

Theodore Melfi hat offensichtlich kein Interesse daran, die alten Debatten neu zu führen. Seine Hidden Figures sind eben nur auch die unbekannten Heldinnen; vor allem aber sind sie das, was der englische Begriff auch bedeutet: verborgene Zahlen. Um die dreht sich der Film im Besonderen. Solche Zahlen müssen gefunden werden, um Formeln für den Flug von Raumkapseln überhaupt nur andenken zu können. Ähnlich wie in dem Alien-Drama Arrival, das vor einigen Monaten im Kino lief, feiert auch dieser Film die Intelligenz und beweist, Menschen beim Denken zuzusehen, kann sehr spannend sein.

Es ist eine Intelligenz, die sogar die der ersten Computergeneration übersteigt. Den ganzen Film über wird ein großer „IBM“ angekündigt, eine große Rechenmaschine. Und als die endlich geliefert wird, ist der Raum, der für diese Maschine vorgesehen ist, zu klein – Wände müssen herausgerissen werden – und es findet sich auch niemand, der die Maschine bedienen könnte. Bis auf die schwarzen Frauen natürlich, die bis dahin in einem fensterlosen Gebäude ganz weit ab vom Schuss als Abteilung „Coloured Computing“ geführt werden. Und als Dorothy Vaughn das „Monstrum“ erfolgreich zum Arbeiten bekommen hat, gefährdet der Computer nun ausgerechnet die Arbeitsplätze dieser schwarzen Frauen. Theodore Melfi zeigt hier wunderbare historische Miniaturen – wie war das, als die ersten Computer kamen? – und kommentiert dabei auch unsere Arbeitswelt; Fortschritt sei „immer auch ein zweischneidiges Schwert“, sagt Abteilungsleiter Harrison. 

Fortschritt geht nur unter wirtschaftlichem Druck

Und Fortschritt gelingt nur unter Druck. Erst als die Sowjets im Kalten Krieg schneller im All sind als die Amerikaner, appelliert Abteilungsleiter Harrison an seine Leute, engagierter, fokussierter, zu arbeiten, Grenzen zu überwinden, Denkschranken einzureißen – „Ich weigere mich zu glauben, dass die Sowjets intelligenter sind!“ Beim Flug zu den Sternen gehe es „um Business“. Debatten um die Hautfarbe stören das Business nur. Deswegen greift Harrison zum besagten Hammer und reißt die alten Klo-Regeln ein. Und fordert gleichzeitig von allen Mitarbeitern zahlreiche „unbezahlte Überstunden“ für das Vaterland.

Kevin Costner spielt diesen Abteilungsleiter so integer, wie das nur Costner kann (3 Days to Kill – 2014; Jack Ryan: Shadow Recruit – 2014; Man of Steel – 2013; Thirteen Days – 2000; Message in a Bottle – 1999; Waterworld – 1995; JFK – Tatort Dallas – 1991; Der mit dem Wolf tanzt – 1990; Die Unbestechlichen – 1987; „Silverado“ – 1985). Die Rolle des konservativen, knochenharten US-Mannes, der im entscheidenden Moment seinem moralisch korrekten Kompass vertraut, liegt ihm; hier hilft sie ihm auch, weil er vom Drehbuch die undankbare Aufgabe überschrieben bekommen hat, hauptsächlich Kalendersprüche aufzusagen. Wenn er schließlich seine beste Rechnerin, Katherine G. Johnson, in einer Pentagonsitzung, in der lauter weiße alte Männer sich an ihrer eigenen Wichtigkeit berauschen, ins Rampenlicht schiebt, inszeniert Melfi diesen historischen Moment wie Michelangelos Erschaffung des Menschen. In Großaufnahme überreicht Harrisons Hand Katherines Hand eine weiße Kreide, leicht berühren sich die Finger, der Funke springt über, eine Art Stabübergabe an Costners engstem Mitarbeiter vorbei; Jim Parsons (Garden State – 2004) spielt dieses Rechengenie, das Probleme mit Frauen und mit Schwarzen hat. Parsons ist die falsche Besetzung. Diese Rolle der neidischen Intelligenzbestie ist zu nah dran an der des Asperger-verdächtigen Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“. Sheldon Cooper drängt sich mehrfach zwischen Leinwand und Zuschauer. Gerade hat Katherine das entscheidene mathematische Problem an der großen Tafel gelöst, da schubst sie Parsons – nach kurzer Bewunderung – an ihren Schreibtisch zurück: „Na los, tippen Sie!“ Er trägt in der Szene einen Anzug. Er könnte in der Szene aber auch ein Green-Lantern-T-shirt tragen.

Vielsagende Oscar-Nominierungen

Um sein Gesellschaftsportrait der späten 50er Jahre komplett zu machen, verlässt der Film immer wieder das NASA-Gelände, um die Frauen in ihrem Privatleben zu zeigen. Mit diesen Momenten aber weiß Theodore Melfi dann wenig anzufangen. Außer, dass sie die Sonderstellung der Frauen auch innerhalb ihrer schwarzen Gemeinde herausstellen – die Männer verständnisvoll, bewundernd oder Kriegsopfer, keinesfalls aber herrisch, chauvinistisch oder gar prügelnd, die Kinder wohlgeraten und um das elterliche Liebesleben bemüht – bleiben das Leerstellen im Film, die kaum zusätzlichen Erkenntnisgewinn liefern.

Melfi inszeniert zurückhaltend, seine Kamera bleibt auf dem Boden, der Schnitt unaufdringlich. Filmtechnisch ist der Film nichts Besonderes, eine Handschrift höchstens in ihrer Abwesenheit zu erkennen. Theodore Melfis hält sich ganz zurück und lässt dem Drehbuch und seinen Schauspielerinnen die ganze Bühne. Dafür gibt es drei Oscar-NominierungenFilm, Drehbuch und Supporting Actress für Octavia Spencer (Die Bestimmung – Insurgent – 2015; Snowpiercer – 2013; The Help – 2011) in der Rolle der Dorothy Vaughn. Bemerkenswert ist, dass Hauptdarstellerin Taraji P. Henson („Term Life: Mörderischer Wettlauf“ – 2016; „From the Rough“ – 2013; Larry Crowne – 2011; „Karate Kid“ – 2010), die das Rechengenie Katharine spielt, nicht nominiert ist. Sie spielt nicht weniger eindrücklich als Spencer, ist aber kratzbürstiger – einmal wird sie sogar dem Abteilungsleiter gegenüber vor versammelter Mannschaft laut, während Octavia Spencers Charakter zwar auch Forderungen formuliert, aber stets sittsam schweigt, wenn sie dann wieder übergangen wird. Ein Zyniker, der böses bei solch Nominierung denkt.

Wertung: 5 von 8 €uro