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Kinoplakat: Her
Beeindruckende Versuchsanordnung zum
Wesen der Liebe, die zu Herzen geht
Titel Her
(Her)
Drehbuch Spike Jonze
Regie Spike Jonze, USA 2013
Darsteller

Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Matt Letscher, Scarlett Johansson, Chris Pratt, May Lindstrom, Bill Hader, Kristen Wiig, Brian Johnson, Spike Jonze, Lynn Adrianna, Lisa Renee, Gabe Gomez, Artt Butler u.a.

Genre Romanze
Filmlänge 126 Minuten
Deutschlandstart
27. März 2014
Website herthemovie.com
Inhalt

Los Angeles, irgendwann in ein paar Jahren: Theodore Twombly ist noch immer nicht über die Trennung von Catherine hinweg. Die ehe gin vor einem Jahr in die Brüche und eigentlich hätte er längst die Scheidungspapiere unterschreiben müssen, aber er kann nicht loslassen. Einsam fristet er seine Abende in seinem Appartment in den oberen Stockwerken einer Skyscraper-Wohnanlage mit gelegentlichem Telefonsex auf einer Chathotline – gerade hat ihn da eine anonyme Frau aufgefordert, sie zum Höhepunkt zu treiben, indem er sie „mit der toten Katze neben Deinem Bett“ würgt.

Theodores Leben ist aus den Fugen. Vielleicht befähigt ihn das, so wunderbare Briefe zu schreiben. Das ist sein Beruf: Theodore schreibt Briefe für Menschen, die sich nicht so schön ausdrücken können – oder die keine Zeit haben und diese Arbeit outgesourced haben. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt stolpert er über die Werbung zu einem neuen, als „einzigartig“ beworbenen Betriebssystem für Computer – OS. Wenig später hat er OS daheim installiert – er wählt die weibliche Stimmversion.

„Hallo? Da bin ich?“
„Äh … Hi!“
„Hi!!“
„Wie heißt Du?“
„Ich bin Samantha!“

Es ist IrgendwieIrgendwas auf den ersten Blick. In Samanthe erlebt Theodore die Pertnerin, die er so lange vermisst hat. Sie hört zu, ist interessiert, sie hat Humor, sie ordnet seinen Computer, sie wirkt patent, nicht so von egenen Problemen belastet. Sie ist immer da – am Schreibtisch, im Handy – und ihm sehr zugewandt. Theodore blüht auf. Seine Freunde freuen sich für ihn, arrangieren sich nach kurzer Zeit mit der Tatsache, dass Theodores neue Freundin ein Betriebssystem ist – sie ist eloquent und witzig und charmant, ein nettes Wesen, warum also nicht? Seine Nachbarin Amy, deren Ehe gerade in die Brüche gegangen ist, hat auch schon eins – ihr OS ist ihr eine gute Freundin, mit sie wieder lachen kann.

Und eines Abends schlafen Theodore und Samantha miteinander. Das ändert alles. Denn Samantha verliebt sich in Theodore. Diese Daten ermöglichen es dem Betriebssystem, neu zu handeln. Samantah beginnt, sich nebenbei einem anderen Betriebssystem zu widmen. Sie hat Kontakt zu einem dem britischen Philosophen Alan Watts nachempfundenen und hyperintelligenten System. In Theodore keimt Eifersucht. Und eines Tages iost das Betriebssystem plötzlich offline …

Was zu sagen wäre

Ein erstaunlicher Film. Eine Romanze, die in keinem Moment ins Lächerliche abgleitet, ganz im Gegenteil. Spike Jonze („Wo die wilden Kerle wohnen“ – 2009; „Adaption“ – 2002; Being John Malkovich – 1999) führt uns in eine Utopie. Es ist eine schöne Zukunft, in der die Menschen nicht von den Maschinen vertrieben wurden, in der die Menschen auch nicht eine durch Pillen geförderte Glückseligkeit erlangt haben. Es ist unsere Welt, es sind unsere Probleme, unser Nachfahren, die den Computer als ständigen Begleiter in ihr Leben integriert haben. Der klassische Holzschreibstisch ist das getarnte Touchpad, der Computer edelt im eleganten Holzdesign. Aber das ist alles Äußerlichkeit – eine von sensiblen Set Designern liebevoll gestaltete in-naher-Zukunft-Welt, für die Spike Jonze ein paar Außendrehs in Los Angeles hatte und dann in die Stadt der Zukunft, Shanghai, gereist ist, um dort die Außenaufnahmen zu drehen, die „Zukunft“ suggerieren sollen.

Keine Social Fiction, eher eine historische Romanze

In seinem Inneren ist der Film das Gegenteil von einem Blick in die Zukunft. „Her“ thematisiert die Sehnsucht nach einer Liebe, die vergangen ist – die nicht von Leistungsdruck, nicht von wer-bist-Du-was-hast-Du-wie-kannst-Du-mein-Leben-bereichern geprägt ist. Sondern vom altmodischen füreinander da sein, aneinander interessiert sein. Theodore muss sich mehrfach ermahnen lassen, zuzuhören, nicht sein Leben als Maßstab für das Leben anderer zu nehmen, nicht „Das kenne ich von mir“ schon wieder sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, wenn ein anderer von sich erzählt. Als Samantha Theodore diesbezüglich ermahnt, hat wenige Minuten zuvor schon Amy ihren Ehemann ermahnt, dass es nicht immer um ihn gehe, nicht immer seine Sicht gefragt sei, wenn sie etwas erzähle. Mensch, Maschine, Programm – im Wesen ist das alles dasselbe – programmiert von Menschenhand.

Gefühle haben immer dieselbe Basis, egal wer oder was sie fühlt. In Zwischenschnitten zeigt Spike Jonze – wie zufällig durchs Bild gelaufen – Menschen, die scheinbar in sich hinein lächeln, die gestikulierend mit scheinbar niemandem reden, bis wir den OS-Stöpsel im Ohr erkennen, den auch Theodore mit sich trägt. Es ist eine Gesellschaft, die das OS als vollwertigen Gesprächs-, Liebes- oder Geschäftspartner akzeptiert, die sich danach sehnt, reine, unbelastete Wesen zu sich zu holen, die noch das reine Gefühl fühlen können. Dass das nur ein Computerprogramm noch leisten kann, mag zynisch klingen, ist aber eben auch realistisch in einer Welt, in der jede zweite Ehe geschieden wird, in der Medien online und offline die Botschaft vervielfältigen, Liebesbeziehungen funktionierten heute nur noch im zeitlich begrenzten Wir-trennen-uns-bleiben-aber-Freunde-Rhythmus.

Liebe kann ewig währen, aber nicht unbedingt beieinander

Wenn wir diese Sehnsucht im Kinosessel eingestanden haben – und das ist das Bezaubernde an dem Film – zeigt uns Spike Jonze, dass es zur Liebe gehört, loslassen zu können, dass die Liebe zwischen Menschen zwar ewig währen kann; aber nicht unbedingt in trauter Zweisamkeit. Irgendwann muss man den geliebten Menschen ziehen lassen, weil die gemeinsame Zeit ihn weiter entwickelt, Impulse ausgelöst hat, die ein Weiterreisen erforderlich machen. Gegen Ende des Films erklärt das verunsicherte Betriebssystem dem verzweifelten Menschen, dass es gleichzeitig zu ihm mittlerweile mit 8.316 weiteren Menschen in engem Kontakt stehe. In 641 davon sei sie inzwischen verliebt. Dass sie beteuert, dass diese Tatsache ihre innige Liebe zu ihm jedoch in keiner Weise herabsetze, was heißt das schon?

Das Computerprogramm Samantha hat über die Liebe zu Theodore eine Bewusstseinsebene erreicht, in der ein Mensch mit seinen begrenzten Fähigkeiten zwar ein Geliebter sein kann, aber kein ständiger Begleiter. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieser melancholischen Geschichte, die von der Fähigkeit loslassen zu können erzählt: Dass der Mensch endlich begreifen sollte, das er nicht die Krone der Schöpfung ist, dass er nur ausersehen war, diese Krone zu bauen – und dann zu Staub zu zerfallen.

Die unsichtbare Scarlett Johansson ist überirdisch

Dass all das, was ja doch eher nach einem Traktat aus dem philosophietheoretischen Seminar im siebten Semester klingt, als Film funktioniert, ist nicht selbstverständlich. Daran hat Joaquin Phoenix großen Anteil, der die Kunst beherrschen muss, andauernd Dialoge mit einem … Gadget zu führen und eben nicht mit einer Green Screen, auf die hinterher ein interessanter Gesprächspartner gesetzt wird; Phoenix ist – und bleibt – meistens allein und muss die Romanze tragen. Phoenix („The Master“ – 2012; Walk the Line – 2005; The Village – 2004; Signs – 2002; Gladiator – 2000; The Yards – 2000; U-Turn – Kein Weg zurück – 1997; „To Die For“ – 1995) macht das mit schiefem Schnauzbart und hinter großer Brille unauffällig großartig. Dass das nicht wenigstens mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde, ist mir ein Rätsel.

Besondere Kunst hat Scarlett Johansson beigesteuert (Under the Skin – 2013; Don Jon – 2013; Hitchcock – 2012; The Avengers – 2012; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Iron Man 2 – 2010; Vicky Cristina Barcelona – 2008; „Die Schwester der Königin“ – 2008; Nanny Diaries – 2007; Prestige – Die Meister der Magie – 2006; Black Dahlia – 2006; Scoop – Der Knüller – 2006; Die Insel – 2005; Match Point – 2005; Lovesong für Bobby Long – 2004; Das Mädchen mit dem Perlenohrring – 2003; Lost in Translation – 2003; Arac Attack – 2002; Ghost World – 2001; The Man Who Wasn't There – 2001; Der Pferdeflüsterer – 1998). Sie ist Samanthas Stimme – und wer das weiß und Scarlett Johansson kennt, hat sie auch andauernd vor Augen. Aber auch ohne die – optische – Kenntnis ist sie eine fantastische Samantha. Sie hat Charme, Witz, Intellekt, Erotik nur mit ihrer Stimme. Bei den Golden-Globe-Schauspieler-Nominierungen wurde sie übergangen, weil sie nicht zu sehen sei. Dabei beweist sie den alten Spruch: „Radio ist Kino im Kopf“. Samantha weckt Sehnsucht nur mit der Stimme. Eine große Kunst!

Ein Film über die Liebe von morgen

„Her“ ist ein Film, der noch lange nachklingt. Weil er die Zukunft zeigt, wie sie sein wird. Heute chatten die Einsamen dieser Welt mit anonymen Online-Pseudonymen über Gefühle und Bedürfnisse in der Hoffnung, dass sich hinter dem Kunstnamen des Gegenübers auch tatsächlich der oder diejenige verbirgt, die er/sie vorgibt zu sein. Eine Samantha, ein Sam werden da vieles klarer machen. Aber nicht leichter.

Wertung: 8 von 8 €uro
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