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Kinoplakat: Harry Potter und der Gefangene von Askaban
Neuer Regisseur, neue Kulissen
jetzt rollt der Hogwarts-Express
Titel Harry Potter und der Gefangene von Askaban
(Harry Potter and the Prisoner of Azkaban)
Drehbuch Steve Kloves
nach dem gleichnamigen Roman von Joanne K. Rowling
Regie Alfonso Cuarón, UK, USA 2004
Darsteller Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Pam Ferris, Fiona Shaw, Harry Melling, Adrian Rawlins, Geraldine Somerville, Lee Ingleby, Lenny Henry, Jimmy Gardner, Gary Oldman, Jim Tavaré, Robert Hardy, Abby Ford, Alan Rickman, Dame Maggie Smith, Robbie Coltrane, Warwick Davis u.a.
Genre Fantasy
Filmlänge 142 Minuten
Deutschlandstart
3. Juni 2004
Website carlsen-harrypotter.de
Inhalt

Muss erwähnt werden, dass sich Harry, mittlerweile 13 Jahre, bei den Dursleys ganz erheblich mopst? Nein. Eine Tante ist zu Besuch, Harry verzaubert sie in einen voluminöser werdenden Wasserball, haut samt Überseekoffer und Eule Hedwig ab, wird vom Fahrenden Ritter in dessen dreistöckigem lila Bus aufgesammelt und im Tropfenden Kessel abgesetzt. Hier wartet schon Zaubereiminister Cornelius Fudge auf Harry. Nicht aber, um ihn zu bestrafen – schließlich hat Harry verbotenerweise außerhalb von Hogwarts gezaubert – sondern, um ihn wohlbehalten in sein drittes Jahr in das Zaubererinternat zu geleiten.

Irgendwas ist passiert. Und auf der Zugfahrt erfährt Harry auch, was. Der böse Zauberer Sirius Black ist aus dem Gefängnis Askaban ausgebrochen und will Harry töten. Wie er hat entkommen können, ist unklar – an den Dementoren, jenen schrecklichen Wächtern ist noch nie jemand vorbei gekommen. Diese „Totesser” tauchen im Zug nach Hogwarts auf. Und sie bleiben in Hogwarts – bzw. um Hogwarts herum postiert.

Der Legende nach war Black verantwortlich dafür, dass Lord Voldemort Harrys Eltern aufspüren und töten konnte. Und die Dementoren stehen bereit, Black engültig seiner Seele zu berauben. „Sie nehmen Dir all Deine guten Erinnerungen und zwingen Dich, Deine schlimmsten Albträume wieder und wieder zu durchleiden”, klärt Hagrid Harry auf …

Was zu sagen wäre

Schon die Buchvorlage war um vieles besser als die beiden geschriebenen Vorgänger. Endlich hatte sich J.K. Rowling frei geschrieben. Aus der allein erziehenden Sozialhilfeempfängerin, die mit ein paar netten Gutenachtgeschichten um einen Zaubererschüler zu Geld gekommen war, war eine selbstbewusste Schriftstellerin geworden, die das Schicksal ihres Hauptcharakters sehr genau überwacht und entwickelt. Das kam dem Buch zu Gute. Das kommt dem Film zu Gute.

Realistische Düsterfantasy statt poppig-buntem Popcorn-Kintopp

Dem Film kommt auch zu Gute, dass nicht mehr Special-Effects-Abenteuer-Kintopp-Regisseur Chris Columbus die Regie führt. Der neue, Alfonso Cuarón, hat aus dem poppig-bunten Zauberermärchen eine realistische Düsterfantasy aus der ohnehin unübersichtlichen Welt pubertierender Teenager gemacht. Er hat die Kulissen auseinander genommen, das Gelände rund um Hogwarts neu designen lassen und liegt damit viel näher am Buch. Es ist eine wahre Freude, wieviele Szenen jetzt unter freiem Himmel vor der Schule stattfinden, die diesen jetzt wirklich imposanten Bau aus immer neuen Winkeln zeigen. Endlich ist die Schule so verwinkelt, wie das im Buch immer behauptet wird. Im Hogwarts-Gebäude der Vorläuferfilme war Verlaufen ganz schön schwierig.

Cuarón hat dankenswerterweise auch auf ein paar andere Seriengesetze verzichtet:

  1. Der im Buch immer ewige Einstieg bei den Dursleys, der mit dem Rest der Geschichte nie verschmilzt, wird auf das allernötigste eingedampft.
  2. Die Punktevergabe am Ende des Schuljahres fällt einfach flach. Es wäre ziemlich langweilig geworden, wenn dann Gryffindor schon wieder gewonnen hätte.
  3. Die Quidditch-Szenen sind diesesmal kein erbauliches, farbenfrohes Spiel, sondern eine lebensgefährliche Hochgeschwindigkeitsangelegenheit in strömendem Regen, die schnell abgehakt ist. Zu Quidditch ist einfach alles gezeigt und im nächsten Film gibt es dann ja schließlich die Weltmeisterschaft …

Jetzt auch schön komponierte Szenen

Wie auch seine Vorläufer ist diese Romanverfilmung wieder eine Nummernrevue, ein Best-of des Buches. Es ist schon komisch, dass Harry sofort in tiefe, seit Ewigkeiten wartende Trauer ausbricht, als er hört, welches Geheimnis hinter Sirius Black steckt, nur um bei erstbester Gelegenheit sofort auf Blacks Seite umzuschwenken, weil Sirius – der dann doch nicht so böse Zauberer – ihm sagt, er sei es gar nicht gewesen. Und die Verwandlung der Ratte kommt ein bisschen plötzlich.

Unter Columbus' Regie wurde aus solchen Szenen aneinandergeklebtes Stückwerk. Cuarón zaubert. Er komponiert, steigt aus Szenen so aus wie er eingestiegen ist. Wunderbar, wie der Regisseur in das Klassenzimmer „einsteigt“, in dem Professor Lupin die Abwehr magischer Geschöpfe lehrt und auf demselben Weg wieder „aussteigt“. Elegant, wie er Harry und Hermine auf ihre kleine Zeitreise begleitet, dazu mit der Kamera langsam aus dem Schulgebäude durch das große Uhrwerk hinausschwebt und auf demselben Weg auch wieder zurück kommt.

Überhaupt: Dieses offene Uhrwerk mi dem gigantischen Pendel ist optisch eine hinreißende Idee.

Emma Thompson als Trelawney ist himmlich

Die Akteure: Daniel Radcliffe hat viel von seinem Kindergequike verloren und kann jetzt mehr als nur die Augen verdrehen. Harrys Reifeprozess gewinnt an Kontur und Radcliffe kriegt das einigermaßen hin. Zum ersten Mal geht er entschieden gegen seine Ängstlichkeit und sein Trauma vor. Er tritt seinen Verwandten offen entgegen, ist entschlossen, sich seinen Ängsten zu stellen. Dabei wird es aber langsam zum Problem, dass die 15jährigen Akteure hier noch 13jährige spielen. Ungewollt beginnt es zwischen Ron und Hermine schon jetzt zu knistern. Dabei geht es doch im Hogwarts dieser Teenager so keusch zu, dass man Angst bekommen möchte um den Fortbestand der Menschheit (aber das ist ja schon in den Büchern so). Eine schöne Nebenrolle ist Professor Trelawney, die Wahrsagelehrerin an Hogwarts. Emma Thompson (Tatsächlich … Liebe – 2003; „Mit aller Macht” – 1998; „Sinn und Sinnlichkeit” – 1995; Junior – 1994) gibt sie mit Flaschenboden-Brille und gigantischer Spiellaune. Wunderbar.

Snapes Part ist größer geworden, endlich also Gelegenheit für Alan Rickman (Tatsächlich … Liebe – 2003; Galaxy Quest – 1999; „Dogma“ – 1999), aufzudrehen. Gary Oldmans Sirius Black ist natürlich ein Gewinn; aber alles andere als ein grandioser Auftritt wäre bei Oldman eine Enttäuschung gewesen (Hannibal – 2001; Rufmord - Jenseits der Moral – 2000; Lost in Space – 1998; Air Force One – 1997; Das fünfte Element – 1997; Léon – Der Profi – 1994; True Romance – 1993; JFK - Tatort Dallas – 1991). Die Dementoren, die laut Roman eher aussehen, wie die Schwarzen Reiter („Ringgeister“) aus dem Herrn der Ringe, haben hier ein extrem wirkungsvolles, gruseliges Äußeres erhalten. Gut gelöst. Ein Kinderfilm ist das nicht mehr.

Harry Potter wird erwachsen

Die Serie ist merklich erwachsener geworden – FSK-Freigabe „ab 12”. Statt kindlicher Hänseleien gibt es nun handfeste Auseinandersetzungen (in der Hermine zeigen darf, wer hier der Kopf der Dreiertruppe ist), und dass selbst in Hogwarts die Todesstrafe für Kuscheltiere verhängt wird, daran muss sich ein junges Publikum sicher gewöhnen – von Dementoren, Werwölfen und fetten Ratten ganz zu schweigen. Gegen zu viel Düsternis stellt schon der Roman die Ersatz-Vater-Sohn-Beziehung Lupins zu Harry, für die Cuarón sehr schöne Bilder und Orte findet.

Die Schwächen des Films liegen im erwähnten Nummernrevue-Charakter, der manche Wendung der Geschichte etwas wirr erscheinen lässt. Der Kriminalplot und die Spannung bleiben hingegen erhalten. Mal sehen, ob das der britische Regisseur Mike Newell mit Der Feuerkelch, dem nächsten Teil der Serie, auch so gut hinbekommt.

Wertung: 6 von 6 €uro
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