Kinoplakat: Hancock

Interessante Idee, versaut in
wackliger Kameraästhetik

Titel Hancock
(Hancock)
Drehbuch Vincent Ngo + Vince Gilligan
Regie Peter Berg, USA 2008
Darsteller Will Smith, Charlize Theron, Jason Bateman, Jae Head, Eddie Marsan, David Matte, Maetrix Fitten, Thomas Lennon, Johnny Galecki, Hayley Marie Norman, Dorothy Cecchi, Michelle Lemon, Akiva Goldsman, Michael Mann u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 92 Minuten
Deutschlandstart
3. Juli 2008
Inhalt

John Hancock ist ein Säufer. John Hancock ist ein Penner. John Hancock ist superstark; und absolut unverletzlich. Woanders heißen solche Wesen bisweilen Superheld oder Superschurke – was sich bei diesem Typen allerdings verbietet.

John Hancock ist nicht sonderlich beliebt in Los Angeles, wo er die meiste Zeit rumliegt. Eine Behörde hat ihm gerade via bundesweiter Pressekonferenz vorgerechnet, dass er für weit über 10 Millionen Dollar Schaden verantwortlich ist, der daher rührt, dass Hancock sich bisweilen in Polizeiarbeit einmischt – er rauft sich ganz gerne – und dann schießwütige Bankräuber und Geiselnehmer aus dem Verkehr zieht und dabei Highways, Häuser und Menschen in Mitleidenschaft zieht. Jetzt hat er Ray Embrey vor einem herranrasenden Zug gerettet: Ray lebt, der Zug sowie einige Autos haben Totalschaden. Wieder einige Millionen auf der Schadensliste.

Ray Embrey ist PR-Berater und Idealist. Er schlägt dem nervlich leicht angeschlagenen Hancock einen Deal vor. Weil er ihm das Leben gerettet hat, rettet er Hancocks Image. Dafür soll er zunächst einmal ins Gefängnis gehen, in das ihn ein Richter wegen der hohen Sachschäden abgeurteilt hat. Los Angeles, so Rays Strategie, müsse lernen, Hancock zu vermissen. Und Hancock müsse lernen, ohne Alkohol zu leben, ordentliche Landungen zu absolvieren – also solche, die keine Löcher in den Beton hauen – und überhaupt, irgendwie, freundlicher und hilfsbereiter zu sein.

Der Plan des PR-Mannes geht auf. Hancock ist bald voll beliebt. Nur Rays Frau Mary kann der ganzen Sache nichts abgewinnen. Sie mag Hancock nicht. Sie fürchtet ihn. Und Hancock fühlt sich in ihrer Nähe … verletzlich …

Was zu sagen wäre

Ein Superwesen, das an seiner Einzigartigkeit zugrunde zu gehen droht und zwischen Leckt-mich-am-Arsch und Ich-will-doch-auch-nur-geliebt-werden den rechten Ton nicht trifft. Das ist eine interessante These für ein nettes Movie mit dem netten Will Smith in der Hauptrolle. Es gibt sogar eine interessante Entstehungsgeschichte des Helden, die dem Film eine tiefere Dimension beigibt. Also alle Voraussetzungen für einen ordentlichen Kinonachmittag.

Peter Berg hat die meisten dieser Elfmeter verschossen. Die Tricktechnik – Hancock fliegt, bei Superkämpfen gehen Häuser zu Bruch, Hancock spießt Autos auf spitze Hausantennen – sieht aus, als hätte sie sich seit Richard Donners Superman von 1978 nur marginal weiterentwickelt. Das Drehbuch reiht einzelne Kapitel aneinander, die zusammengehalten werden, weil in jedem John Hancock eine Rolle spielt. Das ist aber für sich gesehen eigentlich gar nicht so schlimm: Popcorn-Movies wie das vorliegende sollen sich nicht durch charakterliche Tiefe auszeichnen, sondern durch Spaß, Action und knallige Überraschungen.

Den Film in den Sand gesetzt haben somit weder Will Smith – der ist wie immer („I Am Legend” – 2007; „Das Streben nach Glück” – 2006; I, Robot – 2004; Wild Wild West – 1999; Der Staatsfeind Nr. 1 – 1998; Men in Black – 1997) – noch Charlize Theron (The Italian Job – Jagd auf Millionen – 2003; Im Bann des Jade Skorpions – 2001; 15 Minuten Ruhm – 2001; Die Legende von Bagger Vance – 2000; The Yards – 2000; Wild Christmas – 2000; Gottes Werk & Teufels Beitrag – 1999; Mein großer Freund Joe – 1998; Im Auftrag des Teufels – 1997; That Thing You Do! – 1996; 2 Tage in L.A. – 1996), noch gar das Drehbuch. In den Sand gesetzt hat den Film sein Regisseur. Peter Berg ist ein Massentalent (Welcome to the Jungle – 2003) – ist Schauspieler, Autor, Produzent, Musiker. Und eben manchmal auch Regisseur. Sein Operation Kingdom aus dem vergangenen Jahr wurde zurecht gefeiert, unter anderem für seine fiebrige Atmosphäre, die eine unruhige Kamera erzeugte. Damals passte das ausgezeichnet. Fiebrige Wackelkamera mit fiebrigem Schnitt sind seit einigen Jahren Bestandteil moderner Regie und haben zum Beispiel in der Bourne-Trilogie grandiose Effekte erzielt.

In Hancock wiederholt Berg das Bild ohne Stativ. Und zerstört damit den Film. Wenn simple Dialogszenen in hektisches Kameragewackel aufgelöst wird, atmet das Gesamtwerk nicht mehr. Wir haben es hier nicht mit einem fiebrigen Krieg wie in Kingdom zu tun, nicht mit einer gewalttätigen Jagd auf einen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Wir haben hier einen Penner mit Superkräften, der vergessen hat, wer er ist, wo er herkommt und der nicht sonderlich beliebt ist und darüber melancholische Momente hat. Peter Berg ist das offenbar egal: Ob Action oder Dialog – es fiebert ununterbrochen.

Das Videoportal YouTube taucht werbeträchtg in „Hancock“ auf. YouTube gilt für die jüngeren Vertreter der Filmindustrie und für die ratlosen Produzenten als Gradmesser, wie heute Film konsumiert wird. Schnell, wacklig, irgendwie originell. Der angebliche Erfolg der kleinen Filmchen gilt jenen als Beweis, dass die umständlichen Regeln der alten Filmkunst im modernen Filmbusiness nicht mehr gelten; als Beweis, dass die junge Zielgruppe es gerne „anders, einfach“ hat.

Das freut den Produzenten: Wenn das umständliche Bild-einrichten mit Stativ und/oder Kameradolly weg fällt, die Kamera einfach auf der Schulter des Operators balanciert wird, lassen sich Dialogszenen natürlich schneller und effizienter drehen. Jedes Urlaubsvideo ist verwackelter und wird dennoch von den damit gequälten Freunden und Nachbarn beklatscht. Wen stören da Wackelbilder auf der großen Leinwand? Meinen beiden Begleitern war das Wackelbild gar nicht aufgefallen. Sie reagierten mit der Gegenfrage: „Mal die Kamera in Bourne gesehen? Oder bei Battlestar Galactica?“

Ich werde wohl alt …

Wertung: 2 von 6 €uro