Plakatmotiv: Finale in Berlin (1966)
Der britische Agent
emanzipiert sich
Titel Finale in Berlin
(Funeral in Berlin)
Drehbuch Evan Jones
nach dem gleichnamigen Roman von Len Deighton
Regie Guy Hamilton, UK, USA 1966
Darsteller Michael Caine, Paul Hubschmid, Oskar Homolka, Eva Renzi, Guy Doleman, Hugh Burden, Heinz Schubert, Wolfgang Völz, Thomas Holtzmann, Günter Meisner, Herbert Fux, Rainer Brandt, Rachel Gurney, John Abineri, David Glover u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
17. März 1967
Inhalt

Das geteilte Berlin in den 1960er Jahren: Der britische Agent Harry Palmer erhält den Auftrag, in Ost-Berlin Sowjet-Oberst Stok zu kontaktieren, der angeblich überlaufen will. Obwohl er Zweifel an Stoks ideologischer Kehrtwende hegt, organisiert Palmer mit Hilfe seines deutschen Kontaktmannes Johnny Vulkan eine Flucht in den Westen.

Harry geht – von Vulkan organisiert – über die Grenze nach Ost-Berlin und trifft sich mit Stok. Dieser verlangt, dass die Flucht vom Westberliner Fluchthilfespezialisten Kreutzman geplant und durchgeführt wird. Zurück in Westberlin organisiert Harry Palmer, dass Vulkan ein Treffen mit Kreutzman arrangieren soll. Danach trifft er – zufällig? – die bezaubernd schöne Samantha, die ihn mit nach Hause nimmt.

Am nächsten Abend ist das Treffen mit Kreutzman. Dieser verlangt eine größere Summe Geld und vorbereitete falsche Papiere, weshalb Harry zurück nach London muss. Stok soll als Leiche getarnt in einem Sarg aus Ostberlin herausgeschmuggelt werden.

Plakatmotiv (UK): Finale in Berlin (1967)In London erhält Harry auf den Namen Paul Louis Broum ausgestellte Papiere und eine Pistole. Über seine Kontakte zur Berliner Polizei findet er mit Hilfe eines Einbrechers heraus, dass Samantha verschiedene falsche Pässe besitzt und es wohl einen Grund für Samanthas Interesse an seiner Person geben muss. Die Überführungsaktion für Stok wird bei einem Besuch Harrys in London genehmigt; er erhält das Geld und die von Kreutzman verlangten Papiere.

Bei ihrer nächsten Begegnung offenbaren sich Harry Palmer und Samantha gegenseitig ihre geheimdienstliche Tätigkeit. Samantha arbeitet für den israelischen Geheimdienst Mossad und ist auf der Suche nach einem ehemaligen NS-Kriegsverbrecher namens Paul Louis Broum, der unter falschem Namen in Berlin leben soll und ein von Juden gestohlenes Millionenvermögen in der Schweiz gehortet hat. Sie vermutet ihn im Umfeld Vulkans …

Was zu sagen wäre

Wir haben uns schnell an Michael Caine ausdrucksloses Gesicht gewöhnt, mit dem dessen Harry Palmer brutale Drohungen fremder Geheimdienste ebenso weg guckt wie erotische Avancen schöner Frauen. Seit dem Ende der Ipcress-Files wissen wir, dass Palmer gefährlich lebt und sein Chef, Colonel Ross, der als Hobbygärtner Unkraut züchtet – „Man muss eine Menge Rosen jäten.“ –, auf dem Standpunkt steht, dass er dafür „ja bezahlt“ wird. Das macht diesen unfreiwilligen Agenten mit der abweisenden Aura sofort menschlich.

Dieses zweite Abenteuer Palmers nach The Ipcress File lebt tatsächlich von seiner Story, nicht mehr allein durch extreme Kameraperspektiven und rätselhafte Andeutungen, die den ersten Film reizvoll, aber auch einzigartig gemacht haben. Nochmal nur schräge Bilder würden wir nicht sehen wollen. Aber James Bond-Regisseur Guy Hamilton wäre schlecht beraten, wenn er Otto Hellers spezielle Talente hinter der Kamera nicht nutzen würde und so werden wir auch in „Funeral in Berlin“ Zeuge mancher gegen die Blickrichtung geführte Kamerabewegung, die den Film aus der Dutzendware des Agentenfilms heraushebt.

Jetzt also steht Berlin im Mittelpunkt. Guy Hamilton rückt mit seinem Team in den ummauerten Westteil der Stadt und gewinnt seinem Thriller deprimierende Bilder der immer noch in Ruinen vor sich hin vegetierenden ehemaligen Hauptstadt ab – der Osten ist Hamilton verschlossen; wir können nur ahnen, wie es dort aussieht, wenn schon der Westen, der den Osten spielen muss, so kaputt aussieht. Der Film zeigt mehrere bekannte Orte in West-Berlin Mitte. Die erst wenige Jahre alte Berliner Mauer ist in ihrem ersten Bauzustand aus Hohlblöcken mit aufgesetztem Stacheldraht zu sehen, unter anderem am Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie. Ein weiterer Drehort war der Görlitzer Bahnhof (im Film Marx-Engels-Platz 59). Einige Szenen spielen rund um den Breitscheidplatz, am Kurfürstendamm und in der Tauentzienstraße. Gedreht wurde auch auf dem Dach des Europa-Centers und am Flughafen Tempelhof.

Die deutschen Schauspieler in dieser britisch-amerikanischen Koproduktion spielen ihre Karten an prominenten Stellen des Films gut aus, was dem Film im (west)deutschen Kinosessel zusätzliche Spannung gibt. Oskar Homolka als potenzieller Überläufer war schon unter Alfred Hitchcocks Regie verdächtig (Sabotage – 1936), Paul Hubschmid als Johnny Vulkan wirkt, als habe er jahrelange Erfahrung im US-Kino. Eva Renzi gibt die israelische Doppelagentin Samantha Steel so souverän, dass wir uns fragen, wo die bisher gesteckt hat.

Der Vergleich mit James Bond liegt auch bei diesem Film nahe, weil auch bei „Funeral in Berlin“ die Hälfte der maßgeblichen Hinter-der-Palmer-Kamera-Mannschaft auch bei Bond engagiert ist; aber weil Harry Palmer sich mit seinem zweiten Film emanzipiert, eine eigene Form etabliert hat, möchten wir Bond als Spaßkino nicht missen, beginnen aber, Harry Palmer parallel dazu als Spannungs-Lieferant zu schätzen.

„Funeral in Berlin“ ist eine gut konstruierte Geschichte über die deutsche Teilung, die deutsche Schuld, über deutsche Täter, die sich auf dem Rücken jüdischer Opfer und – wegen spezieller Fähigkeiten – mit Hilfe der Westmächte einen schönen Lebensabend machen wollen, und über israelische Jäger, die maskierte Nazi-Mörder auf keinen Fall entkommen lassen wollen. Das ist nicht in jedem Moment im Kinosessel nachvollziehbar, am Ende aber schlüssig.

 

Wertung: 7 von 8 D-Mark