Kinoplakat: Girl on the Train
One-Woman-Show für Emily Blunt in
einem durchschnittlichen TV-Krimi
Titel Girl on the Train
(Girl on the Train)
Drehbuch Erin Cressida Wilson
nach dem gleichnamigen Roman von Paula Hawkins
Regie Tate Taylor, USA 2016
Darsteller
Emily Blunt, Haley Bennett, Rebecca Ferguson, Justin Theroux, Luke Evans, Edgar Ramírez, Laura Prepon, Allison Janney, Darren Goldstein, Lisa Kudrow, Cleta Elaine Ellington, Lana Young, Rachel Christopher, Fernando Medina, Gregory Morley u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
27. Oktober 2016
Website thegirlonthetrainmovie.com
Inhalt

Die geschiedene Rachel Watson benutzt täglich den Zug, um zur Arbeit zu fahren. Auf der Strecke fährt sie immer an dem Haus vorbei, in welchem sie früher mit ihrem Ex-Mann gewohnt hat. Der wohnt dort jetzt mit seiner neuen Frau und beider Kind. Rachel kann das nur schwer verkraften.

Ein paar Häuser weiter wohnt ein junges Paar, in Rachels Augen ein Traumpaar – jung, attraktiv, augenscheinlich einander sehr zugewandt. Rachel projiziert ihre zerstörten Träume auf dieses Paar und ist schockiert, als sie aus ihrem Zugfenster beobachtet, wie die Frau des Traumpaares einen anderen Mann küsst.

Betrügt sie ihren Ehemann?  Ist ihr nicht klar, wo das endet? Rachel erliegt dem Trauma ihrer zerplatzten Eheträume, steigt aus dem Zug aus … und wacht am nächsten Tag in ihrem Bett auf, ungewaschen, blutverkrustet, ohne Erinnerung, was passiert sein könnte. Im Fernsehen hört sie eine Vermisstenmeldung: Die Frau des vermeintlichen Traumpaares ist verschwunden.

Nun beginnt Rachel sich auf die Suche zu machen, um herauszufinden, was passiert ist …

Was zu sagen wäre

Der Ärger mit Bestsellerverfilmungen beginnt in dem Moment, in dem die Produzenten keinen eigenen Ansatz für die Erzählform Film finden und lediglich den Hype, den ein Roman entfacht hat, für ihre Zwecke nutzen wollen. Viele Geschichten lassen sich wortreich – und wortgewandt – erzählen. Dazu gehört Paula Hawkins Roman Girl on the Train, die viele Sätze und Seiten Zeit hatte, ihre aus drei Perspektiven erzählte, auf zwei Zeitebenen spielende Stalker-Story zu erzählen. Tate Taylor (The Help – 2011) findet für seine Verfilmung aber auch vor allem Wörter, jedoch keine Bilder, keinen eigenen Ansatz. Brav filmt er ab, was die Buchvorlage vorgibt, kürzt hier ein bisschen, strafft dort ein wenig; werkgetreu könnte man das nennen. Oder auch langweilig.

In der ersten halben Stunde zwingt der Film den Zuschauer, einer aus dem Off erzählten Geschichte zuzuhören, während Menschen in Großaufnahme oder in der Halbtotalen in blaustichigen Bildern zu sehen sind. Das hat mehr mit Hörbuch gemein als mit Film. Noch dazu sind zwei der drei Protagonistinnen zu Beginn leicht zu verwechseln: Während der Zuschauer Emily Blunt – mit dunklen Haaren – sofort präsent hat, sind die Frauen, die sie in deren privatem Umfeld vom Zug aus beobachtet, beide blond, beide attraktiv und beide in helle Wäsche gewandet. Dazu erklärt Rachel aus dem Off den Rahmen der Geschichte, die der Zuschauer kennen muss. Aber Tate Taylor liefert dazu Bilder, die so austauschbar sind, dass sie kommenden Sonntag auch im Tatort auftauchen könnten. Das funktioniert nicht in einem Thriller, bei dem unbedingte Aufmerksamkeit erforderlich ist – jendenfalls, wenn man das Buch nicht kennt.

Wer das Buch nicht kennt, muss Rachel für verrückt halten. Ihre Motivation, sich in Dinge wie Entführung und Mord einzumischen, die sie nichts angehen, erklärt Paula Hawkins in ihrem Roman mit Rachels Verzweiflung aus ihrer gescheiterten Ehe und als Konsequenz aus den Dingen, die sie im Vollrausch gesagt und getan hat. Dem ohnehin komplizierten Film sind ausgerechnet diese Details (Warum sucht sie Scott auf, den Ehemann der verschwundenen Megan?) egal – Rachel ist Alkoholikerin, da ist es zum Zustand des Verrücktseins ja ohnehin nicht mehr weit, also mischt sie sich halt ein.

Der Zuschauer, der das Buch kennt, kann sich sich dem Film wenigstens akademisch nähern, kann herausarbeiten, dass Emily Blunt, deren Karriere gerade einen Lauf hat (The Huntsman & the Ice Queen – 2016; Sicario – 2015; Edge of Tomorrow – 2014; Looper – 2012; „Lachsfischen im Jemen“ – 2011; Der Plan – 2011; „Der Krieg des Charlie Wilson“ – 2007), als Rachel hier als einsame Alkoholikerin mit Wahnvorstellungen eine wunderbare One-Woman-Show abfeuert. Der Zuschauer mit den Romankenntnissen erkennt, dass der Film den dauernden Perspektivwechsel der Vorlage nur halbherzig umsetzt, zwischenzeitlich ganz vergisst und so ins Nirwana laufen lässt. Und auch der Romankenner muss einige Geduld aufbringen, dem Film Zeit zu geben, dass endlich was passiert. In den ersten 30 Minuten nämlich passiert eigentlich nichts – ein bisschen Eheprobleme hier, zuviel Wodka dort und überall falsch laufende Geburten.

Die dem Film zugrunde liegende Story ist eine sehr Baby-lastige. Eine Frau scheitert am Leben, weil sie keine Kinder bekommen kann. Eine Frau scheitert am Leben, weil sie ein Kind zur falschen Zeit zu bekommen droht. Eine Frau scheitert, weil sie ein Kind mit ihrem Mann gezeugt hat und nun groß zieht – auch dieses an sich doch Happy-go-lucky-Modell geht schief. Ist das so?, hat sich schon der (männliche) Leser dieser von Frauen über Frauen erzählten Story gefragt, dass der Kinderwunsch so durchdringend über allem steht? Wenn sich Hollywood dieses Stoffes annimmt, noch dazu ausgerechnet Steven Spielbergs Dreamworks SKG, das den Stoff aus dem Großraum London in den Großraum New York verlegt hat, dann: Ja!

Es ist ja nicht so, dass nicht die wahren Könner auf dem Regiestuhl mit weit weniger Vorlage ewige Klassiker des Kinos geschaffen haben, und weil es sich bei „Girl on the Train“ um einen Thriller handelt, komme ich an Alfred Hitchcock nicht vorbei – und da ist mir der (hier) naheliegende Vergleich mit „Rear Window“ noch billig. Hitchcock hat aus einer bloßen Verdachtssituation Bilder geschaffen, die bis heute nachglühen wie das möglicherweise vergiftete Milchglas, das Cary Grant die Treppe hochträgt oder die Farbe Rot, die die kleptomanische „Marnie“ durcheinanderbringt.

Von der Filmversion von Girl on the Train bleibt kein Bild hängen, weil kein Bild komponiert ist; alles wirkt abgefilmt. Tate Taylor will einen ruhigen Thriller inszenieren. Sein Komponist, der für wuchtigen Bombast in Tim-Burton-Filmen bekannte Danny Elfman (The Avengers: Age of Ultron – 2015; American Hustle – 2013; Hitchcock – 2012; Frankenweenie – 2012; Silver Linings – 2012; Dark Shadows – 2012; Alice im Wunderland – 2010; Big Fish – 2003; Planet der Affen – 2001; Sleepy Hollow – 1999; Men in Black – 1997; Mars Attacks! – 1996; Darkman – 1990; Dick Tracy – 1990; Batman – 1989), ist also mit seinem Score betont zurückhaltend, um das Geheimnisvolle der jeweiligen Situation wirken zu lassen. Aber Taylor macht diese Bemühungen gleich wieder zunichte, weil er die Kamera nicht auf einen (zu teuren?) Dolly montiert, sondern auf der Schulter führen lässt. Da haben wir dann den Effekt, dass eine Szene, die sich ganz auf die Figur (in Halbtotalen und Close Ups) und deren Gefühlshaushalt konzentriert, in sich zusammenfällt, weil kein Kameramann sein Gerät so ruhig führen kann wie ein Dolly auf der Schiene. Kameradollys sind ein zeitraubendes, teures Werkzeug, aber im Thriller unumgänglich. Robert Zemeckis Thrillerklassiker Schatten der Wahrheit (2000) mit Michelle Pfeiffer und Harrison Ford – der, was seine Story und seine Twists angeht, mit diesem Thriller vergleichbar ist – hätte den Executive Producer vom Filmset geworfen, wenn der auf Einsparungen beim Dolly gedrungen hätte. Eine ruhige Kameraführung ist Grundlage eines gelungenen Thrillers. Hier wackelt … erst das Bild – und dann fällt der Film auseinander.

Es ist nicht die Geschichte, die an „Girl on the Train“ nicht stimmt; die hat ja im Buch ihre Daseinsberechtigung schon nachhaltig bewiesen. Es ist das Medium, das nicht stimmt. „Girl on the Train“ ist einfach kein Filmstoff – jedenfalls nicht in der Hand von Tate Taylor.

Wertung: 2 von 8 €uro