Kinoplakat: American Graffiti
Eine schwärmerische Nacht
in schwelgendem Dekors
Titel American Graffiti
(American Graffiti)
Drehbuch George Lucas + Gloria Katz + Willard Huyck
Regie George Lucas, USA 1973
Darsteller
Richard Dreyfuss, Ron Howard, Paul Le Mat, Charles Martin Smith, Cindy Williams, Candy Clark, Mackenzie Phillips, Wolfman Jack, Bo Hopkins, Manuel Padilla Jr., Beau Gentry, Harrison Ford, Jim Bohan, Jana Bellan, Deby Celiz u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 110 Minuten
Deutschlandstart
23. August 1974
Inhalt

Es ist ihre letzte gemeinsame Nacht im wohlbehüteten Tüll ihrer Kleinstadt; morgen trennen sich ihre Wege für immer. Terry Fields, genannt Froschauge, Steve Bolander, Curt Henderson und John Milner treffen sich auf dem Parkplatz vor Mel’s Drive-In. Steve und Curt sind im Begriff, die Stadt zu verlassen, um auf ein College an der Ostküste zu gehen. Dies ist die letzte Nacht mit ihren Freunden.

Steve und Curt gehen zum Tanzball der neuen Oberstufenklasse des Junior College, John macht sich aus dem Staub, um allein durch die Straßen zu cruisen. Terry fährt in Steves Chevrolet davon. Und Curt erblickt er eine hübsche Blondine in einem weißen Ford Thunderbird. Sie schaut ihn an, ihre Lippen formen die Worte „Ich liebe dich“, dann biegt sie ab und verschwindet.

Die übrigen Handlungsstränge enthalten Trennungen und Wiedervereinigungen. Mehr und mehr verbinden sich die einzelnen Geschichten zu einer zusammenhängenden Handlung, bis schließlich Terry und Steve an der Paradise Road stehen und zuschauen, wie sich John und Bob Falfa mit Laurie als Beifahrerin ein Rennen liefern …

Was zu sagen wäre

Sweet Bird of Youth. Oh selig machende Jugendzeit. George Lucas (THX 1138 – 1971) wirft einen Blick zurück in die Zeit, in der immer alles schöner war, besser war und als Filmemacher nutzt er seine Werkzeuge, um diese viel bessere Vergangenheit in üppigen Rundungen in Chrom, Lack und Leder zu zelebrieren. Die All Time Classics des Rock 'n' Roll schallen durch die Straßen der kleinen Stadt mit dem eleganten Drive In und seinen Kellnerinnen auf Rollschuhen. Die wuchtigen Autos der fetten Fifties blubbern die Straßen entlang, die Mädchen schwingen den Petticoat und die Jungs drehen sich Marlboro-Schachteln in den T-Shirtärmel. Lucas‘ Setdekorateure Dennis Lynton Clark und Douglas Freeman haben genau hingeguckt, millimetergenau nachgebaut und 125 Prozent lackiert. Allein von seinem Style her ist der Film ein Ereignis.

Kinoplakat: American GraffitiStilistisch die stärksten Momente hat dieser Gefühlsakt, wenn er Einsamkeit inszeniert. George Lucas erweist sich als großer Stilist. Die Szene, in der Charles Martin Smith vor einem Drugstore darauf wartet, dass ihm jemand Alkohol kauft, ist so eindrücklich ins Bild gesetzt, das möchte man sich glatt ins Wohnzimmer hängen, gleich neben den Edward Hopper.

So perfekt designt wie die blubbernden Autos sind die Geschichten, die die Protagonisten erleben. In den Mittelpunkt stellt Lucas die Freunde Steve und Curt. Beide wollen zum College an die Ostküste. Steve lässt seine Freundin Laurie, eine bezaubernde All-American-Mother-to-be, zurück, Curt … eigentlich nichts. Die Fallhöhe des Films ergibt sich aus der Frage, wer am Ende tatsächlich ins Flugzeug Richtung Ostküste steigt und wer doch lieber „erstmal“ daheim bleibt; die Fallhöhe wird während des Films nicht größer; das macht aber nichts. Wenn man akzeptiert, dass Lucas hier eine Erinnerung inszeniert, nicht das reale Leben in den Fifties, dann fügt sich dieser auf allen Ebene knallbunte, mit Primärfarben gemalte Film zu einem stimmigen Vergnügen.

Manchmal bedient sich Lucas dabei der gängigen Musikdramaturgie: Ein Junge wird in dieser Nacht zum Mann ..? Das Pathos schwillt, die Bläser dominieren den Soundtrack. Boy meets Girl und romantische Küsse ..? Da greift Lucas zum mehrheitstauglichen Kuss-nach-Streit-Bild und zur Altstadtgässchen-mit-Pflaster-in-nächtlicher-Laterne-Optik und schön ist das Bild. Meistens aber verlässt er sich auf die Emotion, die das Drehbuch der Szene zuschreibt – und danach richtet er Kamera, Ton und Bildschnitt ein.

Es ist Lucas’ Glück oder Lucas’ Händchen zuzuschreiben, dass die Schauspieler auch die plakativen Bereiche des Drehbuchs mit stoischem Gleichmut spielen. Heraus sticht Richard Dreyfuss, der den unschlüssigen Curt spielt, an die nette Kleinstadtversion halbstarker Rocker gerät, sich in eine fremde Blonde verliebt und plötzlich die Liebe zur Scholle entdeckt. Dreyfuss, bisher vor allem in TV-Produktionen gestählt, verschwindet hinter diesem Curt, den ich wahlweise schubsen, herzen oder treten möchte. Ein schüchterner, leicht übergewichtiger Junge, der auch im größten Trubel Einsamkeit verströmt – Lucas findet dafür vor allem auf dem Schulball beeindruckende Kamerapositionen – dabei aber unbedingt dazugehören möchte.

Offenbar schätzen die Schauspieler die Figuren, die sie spielen und so zieht unauffällig ein Nostalgie-Effekt auf, der – jenseits der Marketing-Nostalgie und jenseits dieser Nostalgie-Parties – direkt berührt. Jeder hat irgendwann mal einen Lebensabschnitt abgeschlossen und ist in ein neues Leben getreten. Jeder kennt also diesen einsamen Moment, in dem man/frau eine Entscheidung trifft.

George Lucas’ Graffiti liefert zu diesen subjektiven Erinnerungen eine allgemein gültige Hochglanz-Zuckertüte – ein Best-of an Erinnerung an die besonderen Momente. Sentimental. Melancholisch. Witzig. So schön kann nur Kino.

„Immer mit der Ruhe und nehmen Sie ein Eis am Stil!“, sagt Wolfman Jack.

Wertung: 6 von 8 D-Mark