Plakatmotiv: Die süße Haut (1964)
Truffaut macht aus der
Liebe einen Thriller
Titel Die süße Haut
(La peau douce)
Drehbuch François Truffaut + Jean-Louis Richard
Regie François Truffaut, Frankreich 1964
Darsteller Jean Desailly, Françoise Dorléac, Nelly Benedetti, Daniel Ceccaldi, Laurence Badie, Philippe Dumat, Paule Emanuele, Maurice Garrel, Sabine Haudepin, Dominique Lacarrière, Jean Lanier, Pierre Risch, Maurice Magalon u.a.
Genre Drama
Filmlänge 113 Minuten
Deutschlandstart
15. Januar 1965
Inhalt

Pierre Lachenay ist ein in Frankreich durch das Fernsehen bekannter Literaturkritiker und Wissenschaftler. Er ist verheiratet mit Franca und hat mit ihr die zehnjährige Tochter Sabine. Um einen Vortrag mit dem Titel Balzac und das Geld zu halten, fliegt er nach Lissabon.

Bereits im Flugzeug wird er auf die hübsche Stewardess Nicole aufmerksam. Nach dem Vortrag trifft er nachts im Aufzug seines Hotels erneut auf sie. Er versucht, mit ihr anzubandeln und trifft sich schließlich am nächsten Tag mit ihr. Pierre verliebt sich in die 20 Jahre jüngere, lebenslustige Frau und verbringt eine Liebesnacht mit ihr.

Plakatmotiv: Die süße Haut (1964)Wieder zurück in Paris meldet er sich bei ihr und trifft sie nun regelmäßig. Er stimmt einer Reise nach Reims zu, wo er einen Film über André Gide vorstellen soll. Sein eigentliches Ziel ist es aber, ein paar Tage ungestört mit Nicole zu verbringen. Das Glück wird jedoch von den Organisatoren der Filmvorführung gestört, die seine Zeit in Anspruch nehmen. Nicole fühlt sich vernachlässigt; erste Risse entstehen in der Beziehung zwischen dem Intellektuellen und der Stewardess …

Was zu sagen wäre
In Sachen Liebe ticken Franzosen anders als wir Deutschen – leidenschaftlicher. François Truffaut inszeniert seine Dreiecks-Geschichte, seine Geschichte um unterdrückte Gefühle, Leidenschaft und Betrug, wie einen Thriller. Unruhig die Kamera, schnell der Bildschnitt, vielsagend die Augen-Blicke. Truffaut braucht nur wenige Szenen, um seine Hauptfiguren einzuführen und zusammenzubringen. Nach nichht einmal zehn Minuten steht das Tableau: Er, prominent, gediegenes Bürgertum, leidenschaftliche Gattin, gute Freunde, für die alltägliche Regelverstöße wie etwa im Verkehr mit Geld und einem fröhlichen Winken aus der Welt gebracht werden – die Gesellschaft richtet sich nach ihnen, nicht umgekehrt. Wenn der TV-Star später nach reims in die Provinz zu einem kleinen Vortrag reist, steht die halbe Stadt Spalier, um dem prominenten Feuilletonisten den roten Teppich auszurollen. Die Franzosen lieben ihr Bildungsbürgertum. Seine Geliebte hingegen, 20 Jahre jünger, Stewardess, die sich im Fitnessstudio fit halten muss, die noch nicht recht im Leben steht, am Ende aber die notwendigen Entscheidungen trifft.

Wieder sind es die Frauen, die bei Truffaut das Heft des Handelns in die Hand nehmen (Schießen sie auf den Pianisten – 1960). Allerdings gesellt sich hier ein Mann hinzu, den in seiner ganzen Ich-Bezogenheit ein Arschloch zu nennen dennoch schwer fällt, obwohl er im Grunde eins ist. Ein armer Tor halt, dem seine Autoren davonlaufen, weil sie es satt haben, die letzte Seite seines Literaturmagazins vollzuschreiben; einer, den im Leben nichts mehr erwartet. Nicht einmal die Métro fährt für ihn schneller und Flugzeuge warten auch nicht, bloß weil er prominent ist. Sein leben ist trist. Truffaut zeigt ihn, seit er die Stewardess erstmals erblickt hat, beständig in grauem halbdunkel und als sie seinen Avancen entgegenkommt und einem gemeinsamen Glas in der Hotelbar zustimmt, macht er im Hotelzimmer alle Lichter an – mit einem Mal kommt wieder Licht in seine grau gewordene Männlichkeit. Fortan friert Truffaut sein Bild für ein paar Frames ein, wann immer sich Bedeutsames zwischen Pierre und Nicole tut.

Dieser Midlife-Bourgois ist ein naiver Träumer. Zu Beginn ihrer zarten Bande will der lebensfremde Literat sie am Flughafen verabschieden, sieht ein Flugzeug gen Himmel steigen, glaubt prompt, sie verpasst zu haben und schreibt ihr ein flammendes Liebestelegram. Dann erblickt er sie, die doch noch am Boden ist und ihn aufklärt, „in Orly starten alle paar Minuten Flugzeuge“. Das flammende Telegram lässt er diskret in die Mülltonne fallen. Sie lässt sich auf ihn ein, man weiß nicht genau warum, wohl um sich noch mehr von ihrem strengen, konservativen Papa aus Bordeaux zu emanzipieren. Später erzählt sie, sie habe einige kurze Beziehungen gehabt, schlafe „gerne mit Männern“, aber erst der Co-Pilot, der sie einst einfach genommen habe, habe ihr Erfüllung gebracht. Eigene Vorstellungen über das, was mit dem älteren Geliebten nun werden soll, formuliert sie nicht, gibt sich anschmiegsam und schmollt, wenn er sie vernachlässigt.

Er will – jedenfalls Sex mit der schönen Frau mit den langen Beinen, die in schlanken Waden ihre Vollendung finden (wieder genießt Truffaut seine Obsessionen schöner Frauenbeine. Schon der Pianist Charlie wusste nicht, wohin schauen, als er einer Frau die Treppe hoch folgte; und wieder lässt Truffaut seinen zappelnden Helden Nylons für die Geliebten kaufen). Er möchte sie lieber im Kleid sehen als in Blue Jeans, worauf Truffaut ihr ein paar extrem sexy Einstellungen in der engen Jeans gönnt, und als sie im Kleid aus der Umkleide kommt, zeigt sie wieder Wade. Als er mit ihr in einem Restaurant zu Abend speist und sie von ihren Erlebnissen als Stewardess spricht, langweilt ihn das, ihre Lautstärke ist ihm peinlich („die Leute gucken ja schon“). Lieber hört er sich selbst dozieren und dann schenkt er ihr Bücher von Balzac, mit denen sie wahrscheinlich wenig anzufangen weiß. Er habe einen „demütigenden Abend“ in reims hinter sich, klagt er, dauernd bequatscht von Provinzmenschen, die sich in seiner Sonne laben wollen, während er sie demütigt und auf der straße stehen lässt, wo sie prompt für ein leichtes Mädchen gehalten wird.

Truffaut inszeniert diese Romanze nicht romantisch. Nichts passt da wirklich zusammen außer der Gier in seinem Blick auf ihren jungen Körper. Er redet nicht über Erwartungen, er kauft sie sich. Sie weiß erst, was sie will, als sie es nicht mehr will. Da überschneiden sich dann die Leben der Ehefrau und der Geliebten. Die jeweilige Trennung kommt mit aller Härte und Nebenwirkungen. Die letzte halbe Stunde des Fiulms ist inszenierte Nervosität – Missverständnisse übernehmen den Verstand, Sekunden dehnen sich, bis es um Momente zu spät ist, Anrufe verpassen sich … hier erweist sich Truffaut als Virtuose im Schneideraum. „Die süße Haut“ ist ein dramatischer, romantischer Thriller, der weder Verfolgungen noch Action braucht. Manchmal reicht ein idiotischer Bekannter aus Reims, der einem die ganze Zeit mit seinem Gefasel von der bedauerlichen Provinz in den Ohren liegt.

Jean Desailly ist in seiner ganzen bourgeoisen Aufgeblasenheit den Gezeiten, die er da losgetreten hat, hilflos ausgeliefert, gefangen im Netz kluger und schöner, reifer und lebenslustiger Frauen – ein Albtraum, ein süßer.

Wertung: 7 von 7 D-Mark