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Kinoplakat: Schießen Sie auf den Pianisten
Die Frauen sind stark,
Die Männer nicht so
Titel Schießen Sie auf den Pianisten
(Tirez sur le pianiste)
Drehbuch François Truffaut + Marcel Moussy
nach dem Roman „Down There“ von David Goodis
Regie François Truffaut, Frankreich 1960
Darsteller Charles Aznavour, Marie Dubois, Nicole Berger, Michèle Mercier, Serge Davri, Claude Mansard, Richard Kanayan, Albert Rémy, Jean-Jacques Aslanian, Daniel Boulanger, Claude Heymann, Alex Joffé, Boby Lapointe, Catherine Lutz u.a.
Genre Drama
Filmlänge 81 Minuten
Deutschlandstart
25. November 1960
Inhalt

Charlie, ein ehemliger Virtuose, klimpert auf dem Klavier in einer schmuddligen Tanzbar in der Pariser Vorstadt, seit seine kurze Karriere im Konzertsaal abrupt und dramatisch geendet ist. In seiner Obhut hat er seinen jüngeren Bruder Fido, der noch ein Kind ist. Seine beiden anderen Brüder, Chico und Richard, halten sich mit kriminellen Machenschaften über Wasser

Kinoplakat: Schießen Sie auf den Pianisten

Die Kellnerin Lena, die in den schüchternen Charlie verliebt ist, eröffnet ihm, dass sie von seiner Vergangenheit als berühmter Konzertpianist unter seinem richtigen Namen Edouard Saroyan und dem tragischen Ende dieser Karriere weiß. Lena will Charlie helfen, seine Lebenskrise zu überwinden und gemeinsam mit ihr an seine Karriere als Konzertpianist anzuknüpfen. Als sie zusammen dem Wirt der Bar kündigen wollen, kommt es zu einem Handgemenge, bei dem Charlie den Wirt in Notwehr ersticht. Mit Hilfe der Wirtin fliehen sie. Als sie erfahren, dass der junge Fido von den Gangstern aus der Schule weg entführt wurde, und diese Chico und Richard in der heimatlichen Provinz aufsuchen wollen, brechen Charlie und Lena auf, um die Brüder zu warnen und Fido zu retten …

Was zu sagen wäre

Eine Krimifarce mit ironisch gebrochenen Verneigungen  vor dem amerikanischen Gangsterfilm, bevölkert von starken Frauen und – abgesehen von dem melancholischen Pianisten – dümmlichen Männern. Charlie, der einmal als Edouard einer großen Karriere als Konzertpianist ins Auge blickte, blickt heute aus seinen traurigen Augen nur noch den runtergekommenden Gästen der Spelunke, an deren Piano er klimpert, bei Balztanz zu. Regisseur François Truffaut setzt in der Eingangssequenz den Ton seiner CrimeComedy-Melancholie: Die Frauen bestimmen die Gangart. Eine Tänzerin lockt einen jungen Mann auf die Tanzfläche und stößt ihn gleich wieder zurück, lockt ihn wieder auf die Tanzfläche, stößt ihn wieder zurück, lockt ihn wieder, stößt, lockt, das ganze geht eine Weile so, bis die Kamera ein neues Paar findet. „Warum starren Sie mir dauernd auf die Brüste?“, fragt eine Tänzerin im Lokal. „Ich studiere Medizin.“, sagt ihr Partner. „Aha!“

Der zweite Mann von Bedeutung – nach Charlie – ist dessen bruder, offenbar ein kleiner Krimineller ohne Fortune, der wieder mal die Hilfe seines Bruder einfordert, oder wenigstens ein bisschen Geld auf der Flucht vor zwei ehemaligen Komplizen. Der mann am Klavier, dem wir bei seinen stummen Selbstgesprächen zuhören dürfen, hat augenscheinlich eine bewegte, wenn nicht sogar bewegende Vergangenheit. Mit Frauen kann er nicht. Jedenfalls nicht ernsthaft. Kellnerin Lena, die ihn nach Ladenschluss bittet, sie nach Hause zu geleiten und die ihn nach Aussage anderer „anhimmelt“ traut er sich kaum zu berühren; zumal die sich ihm kokett entzieht. Charlie zieht Ratgeber-Bücher zu Hilfe, die sein Selbstbewusstsein stärken sollen. „Du wirst Dich einfach an Dein Klavier setzen. Du hast ja mit all dem eigentlich gar nichts zu tun.“

Kinoplakat: Schießen Sie auf den Pianisten

Nur mit der Nachbarin Clarisse klappt’s auch im Bett. Die ist eine Professionelle, die nachts die Wärme und den witz des musikalischen Melancholikers sucht. Hier zitiert Truffaut mit – unbekümmert die Erzählebene verlassend – seine amerikanischen Vorbilder, in der zwar schon in den 40er und 50er Jahren allerhand Sex verhandelt wurde, ohne aber je auch nur ein Schlafzimmer, geschweige denn Spitzenunterwäsche zu zeigen. Wir schreiben das Jahr 1960 und François Truffaut schickt Clarisse barbusig zu Charlie in dessen Bett, woraufhin der ihr die Decke über den Busen zieht und sagt: „Vergiss nicht, dass so etwas in einem Film nicht erlaubt ist!“

In einer ausführlichen Rückblende führt uns Truffaut vor Augen, was einst geschah, das aus Edouard, dem Konzertflügelspieler Charlie machte, den Barpianisten. Es ist, wenig überraschend, keine schöne Geschichte. Sie beginnt ähnlich, wie die Beziehung, die er in der Gegenwart gerade zu Lena aufbaut. Auch sie war Kellnerin. Seine große Liebe, auf die ein reicher Impressario ein Auge geworfen hat. Die Ehe war schwierig, sie depressiv, gelangweilt. „Ich wünschte mir, Du Du wärst selbstsicherer. Dann hätte ich wenigstens meine Ruhe.“, klagte sie. Später wird der Impressario Edouard den Einstieg in die Karriere ebnen. Für einen hohen Preis. Noch heute funkelt die hoffnungslose Melancholie aus seinen, Charlies, Augen

Es sind die Männer, die in der Welt Truffauts, in der Welt des Pianisten, für die schlechten Momente sorgen. Sie schießen, rauben, entführen und erweisen sich als große Kinder, wenn sie dem entführten Fido stolz erzählen, was sie alles besitzen oder sich brüsten, wie gut sie Auto fahren können. Die Frauen sind es, die für Ordnung sorgen und sich Männer wählen, die „nicht so sind“, wie alle anderen („Geh’ und kauf mir schnell ein paar Nylons, Scandal Nr.2; beige ist meine Farbe“).

Dieses Lena, Marie Dubois spielt sie, sieht sicher nicht zufällug aus wie Lauuren Bacall, die große Frau der Schwarzen Serie (Gangster in Key Largo – 1948; Die schwarze Natter/Das unbekannte Gesicht – 1947; Tote schlafen fest – 1946; Haben und Nichthaben – 1944).

Wertung: 6 von 7 D-Mark
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