Kinoplakat: Geraubte Küsse
Die Leichtigkeit
à la française
Titel Geraubte Küsse
(Baisers volés)
Drehbuch François Truffaut + Claude de Givray + Bernard Revon
Regie François Truffaut, Frankreich 1968
Darsteller

Jean-Pierre Léaud, Delphine Seyrig, Claude Jade, Michael Lonsdale, Harry-Max, André Falcon, Daniel Ceccaldi, Claire Duhamel, Catherine Lutz, Martine Ferrière, Jacques Rispal, Serge Rousseau, Paul Pavel, François Darbon, Albert Simono u.a.

Genre Komödie, Drama, Romanze
Filmlänge 100 Minuten
Deutschlandstart
4. April 1969
Inhalt
Der junge Antoine Doinel will einer endgültigen Fixierung auf Freundin Christine Darbon entfliehen. Er verlässt die Armee vor Ablauf seiner dreijährigen Dienstzeit, nachdem er wegen Disziplinproblemen viel Zeit im Arrest verbracht hat. Von Christines Eltern erfährt er, dass sie den Unterricht am Konservatorium wegen der Absetzung des Direktors boykottiert hat und zum Wintersport verreist ist. Sein Schwiegervater in spe kann Antoine noch am selben Tag einen Job als Nachtportier in einem Hotel am Montmartre verschaffen. Antoine verliert seinen Job recht schnell, da er sich von einem Privatdetektiv und dem Ehemann einer Frau, die im Hotel mit ihrem Liebhaber abgestiegen war, zu Indiskretionen überreden lässt.

Durch den Ermittler erhält er allerdings rasch eine Anschlussstellung in der Detektei Blady. Doch auch diese hält für den jungen Mann oft ein zu hohes Maß an Komplexität bereit: Als er mit Christine ein Varieté besucht, wo er den dort auftretenden Zauberkünstler beschatten soll, lässt Antoine seine Freundin kurzerhand zurück, um den Mann zu verfolgen, verliert jedoch bald dessen Spur. Blady hält den Tagträumer wenig geeignet für Observationen und setzt Antoine nun auf einen scheinbar leichten Fall an: Er soll, angestellt im Geschäft von Monsieur Tabard, als Undercover-Ermittler herausfinden, wieso dieser von niemandem geliebt wird. Antoines Interesse an Christine, in deren zweijähriger Beziehung es bisher noch zu keinen Intimitäten gekommen ist, lässt in der Folgezeit nach, denn bald schon verliebt er sich in die deutlich ältere Madame Tabard und verlässt Christine mit der Begründung, er habe sie nie bewundert. Madame Tabard und Antoine haben eine kurze Affäre, die zu einer weiteren Kündigung Antoines führt.

Er findet nun Arbeit bei einem Fernsehreparaturdienst und kollidiert mit seinem Dienstfahrzeug ausgerechnet mit dem Wagen von Christines Vaters. Christine, die seit längerem unbemerkt von einem Unbekannten verfolgt wird, hat trotz Antoines Zurückweisung nicht das Interesse an ihm verloren und versucht ihn zu besuchen, steht aber vor verschlossener Tür. Da sie durch ihren Vater nun weiß, wo der junge Mann arbeitet, greift sie zu einer List …

Was zu sagen wäre
Dieser Antoine ist ein Taugenichts im klassischen Sinne, ein Herumteeiber, der nirgendwo andockt, nirgendwohin will, sich … nun, eben treiben lässt. François Truffaut macht das schon in den ersten Minuten sehr schön deutlich wenn er seinen Helden kreuz und quer durch Paris stolpern lässt, Nutten besuchen und sie gleich wieder verlassen. Es ist nicht klar, wer eigentlich wen in der Romanze verdorren lässt – Antoine Christine mit seiner neugierigen Unentschlossenheit oder Christine Antoine mit ihrer naiven Prinzesschenhaftigkeit. Jdedenfalls schickt schließlich er sie in die Wüste, weil er sich in die Frau des Schuhverkäufers verknallt hat: „Liebe und Freundschaft setzen Bewunderung voraus. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Ich habe Dich nie bewundert. Nicht mal, als ich glaubte, es ist so.“

Apropos der Schuhverkäufer: Den größten Auftritt in der Riege der Schauspieler hat Michael Lonsdale als Monsieur Tabard, der einen langen Monolog darüber hält, dass niemand ihn liebt, er aber sehr erfolgreich sei und eigentlich niemanden diskreditiere – er behandele Juden ebenso wie Araber und weist später seine Frau nach einer spöttischen Bemerkung über Hitler zurecht: „Hitler war kein Anstreicher. Das ist eine Verleumdung. Hitler war ein Landschaftsmaler!“ Lonsdale ist wunderbar schwiemelig verschwitzt. Jean-Pierre Léaud, der den durchs-Leben-Stolperer spielt, gibt das perfekte Gegengewicht. Truffauts Liebe für starke Frauen, die das Heft des Hanbdelns in die Hand nehmen, übernimmt hier – weil Christine/Claude Jade dafür nicht vorgesehen ist – Delphine Seyrig als des Schuhverkäufers Frau, Madame Tabard.

Und so flippert der Film eine Weile so vor sich hin, ist ausgesprochen amüsant mit seinem französisch Personal. Truffaut hat sich diesem Film nicht von einem Drehbuch her genähert, sondern von diesem Personal her, in dem die Figur der Christine nur eine unter vielen war. Erst, als er am Théâtre Moderne die 19-jährige Claude Jade entdeckte, änderte er das Drehbuch, und sie wurde zur Protagonistin. Er kümmerte sich fortan nur noch um die keimende Liebesgschichte zwischen Antoine und Christine, während seine Co-Autoren Claude de Givray und Bernard Revon an der Detektivgeschichte arbeiteten. Diese Detektivgeschichte ist wichtig für den Film, weil sie sehr bildstark die Neugier des sich im Leben umschauenden Antoine symbolisiert.

Gleichzeitig war Truffaut durch zwei Ereignisse im richtigen Leben von seinerm Film abgelenkt: Er verliebte sich während der Dreharbeiten in seine Hauptdarstellerin Claude Jade, bat sogar um die Hand der 16 Jahre Jüngeren und hatte Jean-Claude Brialy und Marcel Berbert als Trauzeugen vorgesehen. Truffaut nahm sein Versprechen später zurück. Sie blieben Freunde und drehten weitere Filme zusammen.

Das andere Ereignis, das Truffaut ablenkte, hieß Henri Langlois, Leiter der Cinémathèque francaise, der während der Dreharbeiten durch den französischen Kulturminister André Malraux gefeuert wurde. Das führte zu heftigen Protesten. Truffaut engagierte sich im Kampf um die Cinémathèque française und widmete seinen Film dem Geschassten. Truffaut verpasste Proben, kam zu spät und ließ schießlich viele Szenen improvisieren, was dem Film seine einzigartige Leichtigkeit verleiht, weil er eben nicht einem streng durchstrukturierten Script folgt, dafür den Spatzen von Paris seine Aufmerksamkeit widmet.

Wertung: 7 von 8 D-Mark