Kinoplakat: Die Frau nebenan
Ein Thesenfilm über die wahre Liebe.
Leidenschaft tötet die Liebenden
Titel Die Frau nebenan
(La Femme d‘à côté)
Drehbuch François Truffaut + François Truffaut + Suzanne Schiffman + Jean Aurel
Regie François Truffaut, Frankreich 1981
Darsteller

Fanny Ardant, Gérard Depardieu, Henri Garcin, Michèle Baumgartner, Roger Van Hool, Véronique Silver, Philippe Morier-Genoud, Nicole Vauthier, Olivier Becquaert u.a.

Genre Romanze, Drama
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
4. Juni 1982
Inhalt
Der Schiffsingenieur Bernard Coudray lebt mit seiner Frau Arlette und dem gemeinsamen Sohn Thomas in einem kleinen Ort in der Nähe von Grenoble. Eines Tages zieht in das Haus nebenan das Ehepaar Philippe und Mathilde Bauchard. Als die neuen Nachbarn aufeinandertreffen, sind Bernard und Mathilde gleichsam überrascht sich wiederzusehen, denn beide kennen sich von früher. Vor acht Jahren beendeten sie ihre Liebesbeziehung, die von tiefer Leidenschaft und einer Art Hassliebe geprägt war. Bernard versucht Mathilde zunächst aus dem Weg zu gehen. Als sie sich kurze Zeit später zufällig beim Einkaufen begegnen, kommt es jedoch zu einem Kuss, der ihre Gefühle füreinander erneut aufleben lässt. Ungeachtet ihrer ehelichen Beziehungen treffen sie sich fortan regelmäßig in einem Stundenhotel.

Mathilde will jedoch nicht mit einer Lüge auf dem Herzen weiterleben und bittet deshalb Bernard, die Affäre zu beenden. Sie hofft, beide könnten Freunde werden, und beschließt zudem, mit ihrem Mann Philippe ihre Flitterwochen nachzuholen. Bernard reagiert mit Eifersucht, die sich in unkontrolliertes Verlangen steigert, als bei einer Gartenfeier Mathildes Kleid zufällig zerreißt und sie plötzlich nur in Unterwäsche dasteht. Bernard kann sich nicht beherrschen und fällt vor allen Leuten über sie her. Nun erfahren auch ihre Ehepartner die Wahrheit über Bernard und Mathilde.

Kinoplakat: Die Frau nebenanAuf ihrer Reise mit Philippe versucht Mathilde Abstand zu gewinnen und sich emotional zu erholen. Doch obwohl Bernards Gefühlsausbrüche Mathilde erschrecken, sehnt sie sich noch immer nach ihm und seiner Liebe. Auch ihre Arbeit an einem Kinderbuch kann sie in der Folgezeit nicht von ihrer Sehnsucht ablenken, zumal Bernard ihr erneut aus dem Weg geht. Sie erleidet schließlich einen Nervenzusammenbruch und wird in ein Krankenhaus eingewiesen. Da sie sich von ihrer Depression nicht zu erholen scheint, bittet sogar Bernards Frau Arlette ihren Gatten, Mathilde zu besuchen. Philippe sorgt sich derweil sehr um das Wohl seiner Frau und arrangiert deshalb den Umzug in die Innenstadt von Grenoble. Nachdem die Bauchards ausgezogen sind, scheint in Bernards Familienleben wieder Normalität einzukehren.

Eines Nachts hört er ein Geräusch vom leeren Haus nebenan …

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcock, einer der großen Regisseure des Kinos, hat in einem langen Interview mit François Truffaut gesagt: „Die Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mit etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt, hat keine Phantasie.“ (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht – 1966). Mit dieser Regel hat der englische Regisseur, für den Kino nicht ein Stück Leben war, „sondern ein Stück Kuchen“ zeitlos schöne Thriller mit Kinomomenten für die cineastische Ewigkeit gemacht. „Nichts in der Welt ist langweilig, wie Logik. Da halte ich es mit den Mormonen. Wenn Kinder ihnen schwierige Fragen stellen, sagen sie Verschwinde!“

François Truffaut hat sich diese Merksätze zu eigen gemacht und auf viele seiner Filme dergestalt übertragen, dass er Wert auf seine Inszenierung legt, auf die Geschichte aber nur insofern, dass sie halt nötig ist, um sein durchaus kunstvolles Regiehandwerk zusammenzuhalten. Schon In Geraubte Küsse (1968) beispielsweise hat er viele Szenen improvisiert, auch im vorliegenden Film schrieb er viele Dialoge erst am Set; ihn interessierten Szenen einer Beziehung, nicht so sehr deren Einbettung in ein schlüssiges Ganzes.

In „Die Frau nebenan“ knüpft er an die Wahrscheinlichkeitsthese an: Die Eskalation der Figuren wird behauptet, nicht aus ihnen selbst hergeleitet. Den dramatischen Höhepunkt des Films verrät er gleich in der ersten Einstellung: Truffaut eröffnet seine Moritat mit Blaulicht und einer ältere Dame, die uns nun eine Geschichte erzählen wird, die voll ist mit unmöglichen, ja bizarren Liebesgeschichten – jemand hat einen Film über eine Frau gesehen, die nicht umarmt werden möchte und für die sich ein Mann beide Arme abhackt. Eine Frau springt, als ihr Liebhaber sie verlässt, aus dem Fenster und lebt verkrüppelt weiter. Bernard und seine Frau Arlette sehen sich im Kino einen Thriller an. Im Café sprechen sie mit Freunden über den Film, dessen Clou darin besteht, dass eine Frau ihren Suizid als Mord tarnt, auf dass ihr Ex-Liebhaber im Gefängnis landet. Bernard kann sich daran schon gar nicht mehr erinnern – was natürlich Blödsinn ist, dem Regisseur aber die Möglichkeit gibt, eine weitere amour fou (in Form eines Gesprächs über den gesehenen Film) in seinem Film unterzubringen.

„La Femme d‘à côté“ ist mehr These als Kinofilm: Wahre Liebe ist unmöglich und muss von der ihr innewohnenden Leidenschaft zerstört werden; ähnlich liegt die Geschichte schon in Truffauts Die süße Haut (1964). Bernard und Mathilde hatten vor acht Jahren eine offenbar flammende Affaire, die platzte. Heute sieht er sie mit sehr großen Augen an, sie ihn mit vollen Lippen und offenem Hemd vor nackter Brust und während Bernard sie dauernd besteigen will, will sie die wieder aufkommende Liaison dauernd beenden. Es ist eine Form der Leidenschaft, die man glauben muss, mehr eine Versuchsanordnung, als realistische Erzählung. Warum das damals nicht funktionierte, bleibt im Nebel: Sie waren zu jung, sagt sie heute. Sie waren nicht reif, sagt er. Es bleibt aber offen, was denn eigentlich war.

Mathilde war wohl schwanger, sagte, es nicht bekommen zu können in der Hoffnung, Bernard werde sie umstimmen. Das deutet auf Unentschlossenheit hin. Angedeutet wird in einem Gespräch ein Hang Bernards zur Gewalt und tatsächlich bricht sich seine Leidenschaft auf einer Gartenparty gewaltsam Bahn. eine großartige Szene, die aber nicht eingebettet ist, im Film keine Herleitung hat und auch keine Folgen – seine Frau Arlette und ihr Mann Philippe, die hier über die Vergangenheit beider Ehepartner erfahren, bleiben stoisch zugewandt und liebevoll, als sei gar nichts passiert auf dieser Gartenparty.

An anderer Stelle findet Philippe auf einem alten Foto einen Hinweis, dass sich Bernard und seine Frau von früher her kennen müssen. Mathildes Reaktion: Sie schwebt zum Klavier, erfindet eine Geschichte und klimpert melancholisch auf den Tasten herum – das ist so unglaubwürdig, dass ich die Szene nur als eine Szene nehmen kann, in der François Truffaut seine neue Muse, Fanny Ardant, groß in Szene setzt; deren erster Auftritt im Film übrigens sind ihre nackten Waden, die eine Trepe hinunter kommen – willkommen im Kino von François Truffaut, der auf große Frauen und schlanke Waden steht. Der Glaubwürdigkeit der Geschichte hilft all das nicht wirklich (dazu aber siehe Hitchcock und die Mormonen).

Es ist ein Film mit großen Szenen und zwei guten Schauspielern. Fanny Ardant und Gérard Dépardieu versuchen alles, um die Liebesskeptische These ihres Regisseurs mit Leben zu füllen.
Wertung: 4 von 8 D-Mark