Plakatmotiv: Fluchtpunkt San Francisco (1971)
Geschwindigkeit als Freiheit der Seele
Dieser Film ist Americana at its Best
Titel Fluchtpunkt San Francisco
(Vaniching Point)
Drehbuch Guillermo Cabrera Infante
from a Story Outline by Malcolm Hart
Regie Richard C. Sarafian, USA, UK 1971
Darsteller Barry Newman, Cleavon Little, Dean Jagger, Victoria Medlin, Paul Koslo, Robert Donner, Timothy Scott, Gilda Texter, Anthony James, Arthur Malet, Karl Swenson, Severn Darden, Delaney & Bonnie & Friends, Lee Weaver, Cherie Foster u.a.
Genre Drama, Action
Filmlänge 99 Minuten
Deutschlandstart
14. Mai 1971
Inhalt

Kowalski soll ein Auto von Denver nach San Francisco überführen. Der Ex-Rennfahrer wettet, dass er die vor ihm liegende Strecke von etwa 2000 Kilometern innerhalb von fünfzehn Stunden zurücklegen kann. Eine Herausforderung, die er zum Einen durch die Einnahme von Amphetaminen zu bewältigen hofft. Außerdem kann er ihr aber auch nur dann gerecht werden, wenn er sich nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen hält und dem 7,2-l-V8-Motor des weißen 1970er Dodge Challenger R/T freien Lauf lässt.

Wegen seiner Fahrweise wird Kowalski im Laufe seiner Fahrt durch den Südwesten der USA immer intensiver von der Polizei verfolgt. Auf seiner Seite hat Kowalski insbesondere den blinden Radio-Diskjockey Super Soul, der den Polizeifunk abhört und den von ihm als „letzten amerikanischen Helden“ bezeichneten Flüchtigen über den Äther immer wieder vor geplanten Polizeiaktionen warnen kann. Jedenfalls so lange, bis Super Soul gewaltsam zum Schweigen gebracht wird.

Plakatmotiv: Fluchtpunkt San Francisco (1971)

Entlang seiner Strecke bekommt Kowalski aber auch Hilfe von einem Motorradfahrer, Angehörigen einer Hippie-Kommune und anderen Personen. In einer späteren Szene wird auch ein Zeitungsausschnitt gezeigt, in dem Bezug auf den tödlichen Surfunfall seiner Freundin Vera vor fünf Jahren genommen wird.

Und dann, kurz hinter der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien, rast Kowalski auf eine Straßensperre zu …

Was zu sagen wäre

Der Wilde Westen wird planiert. Die ersten Kameraeinstellungen zeigen unsentimental das Ende des Alten, Freien. Und dann kommt Polizei, ein Polizeihubschrauber, das Blickfeld der Kamera verengt sich auf … Ausschnitte, das Bild flimmert, Polizeisirenen drängeln sich in den Gehörgang. Nach zehn Minuten ist klar: Hier wird Abschied gefeiert. Dann: Ein Held, der immer in Bewegung ist – jetzt im Dodge Challenger: „Ich muss morgen um 3 Uhr in San Francisco sein.“

Und dann kommt noch der blinde RadioDiscJockey mit der korrekten Musik für die lange Fahrt und damit ist alles gesagt. Kino ist visuelles Erzählen mit Soundtrack. Die ersten Motorrad-Polizisten fahren in den Straßengraben, zwischengeschnitten mit Aufnahmen von zurückliegenden Stock-Car-Rennen, die Kowalski, der Driver, bestritten hat.

Richard C. Sarafian zeigt ein Land im Wandel. Die grenzenlose Freiheit ist  nur noch Illusion. Sein Director of Photography, John A. Alonzo, fängt das Land in großartigen Totalen ein – ein Americana, das die Weite dieses grandiosen Landes feiert. Diese Bilder schneidet Sarafian hart gegen mit schmallippigen Polizisten in engen Autos, die Kowalski den „Freiheits-Spinner“ nennen.

Und als Kowalski mal tanken muss (bei einer blonden jungen Frau) inszeniert Sarafian das, wie ein romantisches Date im Sonnenuntergang – Message: „Fahren ist romantisch“. Dialog ist in diesem Film eher Geräuschkulisse, nebenbsächlich: „Was hat dieser Mann angestellt?“ „Wir haben ihm bisher nichts vorzuwerfen bis auf allgemeine Gefährdung des Straßenverkehrs!“ Während Kowalski fährt, der blinde Radio-DJ ihn leitet, sammeln sich seine Fans vor der Radiostation. … bis der nationalistische Mob zuschlägt. Es ist eng geworden im Land of the Free. Die Staatsmacht verteidigt eine Gesellschaft, die nur noch zuschaut, die Events braucht, um Leben zu empfinden; und wenn die finale Explosion erloschen ist, gehen alle gesittet nach Hause und setzen sich vor den Fernseher.

Kowalski ist auf der Flucht vor seinen Erfahrungen mit dem amerikanischen Traum. Als Vietnam-Krieger hatte er noch geglaubt, die westlichen Ideale zu verteidigen; er kam ernüchtert zurück. Als Polizist versuchte er dann, eine angeblich rauschgiftsüchtige Angestellte vor ihrem Chef zu schützen, und verlor dabei seinen Job. So rast er nun mit überhöhter Geschwindigkeit dahin, wo für ihn die Freiheit lebt. Die Flashbacks, die uns den Driver erklären sollen, machen deutlich: Er ist ein Cowboy, ein Lonesome Guy, der sich in der gewandelten Gesellschaft nicht mehr zurechtfindet, einer Gesellschaft, die Leute wie ihn als Spektakl, als Brot und Spiele konsumiert, bevor sie brav heim zu TV und Cola trottet.

„Vanishing Point“ ist „Easy Rider“ mit Autos. In einer Szene steht kurz eine Harley im Bild, mit Stars-and-Stripes-Helm, Stars-and-Stripes-Tank … es ist Peter Fondas Harley aus Easy Rider (1969) – „Ein Mann suchte Amerika, doch er konnte es nirgends mehr finden“.

Bei Sarafian heißt es: „Der Mann, dem Geschwindigkeit Freiheit der Seele bedeutet.“

Wertung: 8 von 8 D-Mark