IMDB
Kinoplakat: Flammendes Inferno
Apocalypse im Glashaus!
Mittendrin, statt nur dabei
Titel Flammendes Inferno
(The Towering Inferno)
Drehbuch Stirling Silliphant
mit Motiven der Romane „The Tower“ von Richard Martin Stern + „The Glass Inferno“ von Thomas N. Scortia + Frank M. Robinson
Regie John Guillermin, USA 1974
Darsteller

Steve McQueen, Paul Newman, William Holden, Faye Dunaway, Fred Astaire, Susan Blakely, Richard Chamberlain, Jennifer Jones, O.J. Simpson, Robert Vaughn, Robert Wagner, Susan Flannery, Sheila Allen, Norman Burton, Jack Collins u.a.

Genre Action, Drama
Filmlänge 165 Minuten
Deutschlandstart
6. März 1975
Inhalt

In San Francisco wird der 138 Stockwerke hohe Wolkenkratzer der Firma Duncan Enterprises als das höchste Gebäude der Welt eingeweiht. Dabei sind der Architekt, seine Verlobte, der Bauherr und der Sicherheitschef. Noch vor Beginn der Feier kommt es im technischen Kontrollraum des Gebäudes zu einem Kurzschluss aufgrund mangelhafter Kabelisolierung.

Der Architekt des Hochhauses, Doug Roberts, untersucht den Vorfall und stellt zu seinem Ärger fest, dass Bauherr und Firmenbesitzer Jim Duncan und sein Schwiegersohn Roger Simmons, der für die elektrischen Installationen zuständig war, die von Roberts geforderten Standards für die Elektro-, Sicherheits- und Brandschutzsysteme auf das gesetzlich vorgeschriebene Mindestmaß heruntergefahren haben, um Kosten einzusparen. Duncan wischt die Sicherheitsbedenken beiseite und lässt die Einweihungsparty pünktlich im Promenadenraum im 135. Stock beginnen. Unter den mehr als 300 Gästen befinden sich Bürgermeister Robert Ramsay, Senator Gary Parker, Firmenchef Duncan, dessen Tochter Patty und ihr Mann Roger Simmons sowie die Lebensgefährtin des Architekten, Susan Franklin.

Zeitgleich mit dem ersten Zwischenfall kommt es in einem Lagerraum im 81. Stock ebenfalls zu einem Kurzschluss, der ein Feuer entfacht. Die Feuerwehr wird verständigt und versucht, den Brand einzudämmen. Feuerwehrchef O'Hallorhan fordert die Gäste der Einweihungsparty vorsichtshalber auf, sich ins Erdgeschoss zu begeben, was Duncan nur widerwillig umsetzt und so Zeit verschwendet. Er scheut den Prestigeverlust für seinen Gläsernen Turm. Aber der Brand weitet sich schnell aus. Binnen kürzester Zeit wird der Stahl- und Glas-Palast zu einer kochenden Hölle.

Als es kaum noch Hoffnung gibt, die Menschen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, fasst man einen waghalsigen Plan: Durch die Sprengung der Wassertanks auf dem Dach, die eine Million Gallonen Wasser enthalten, besteht die Chance, die Brände zu löschen, jedoch stellen die herabstürzenden Wassermassen auch eine Gefahr für die Menschen dar …

Was zu sagen wäre

Eine teure Großproduktion aus Hollywood erkennt man seit einigen Jahren daran, dass die Produzenten dem Regisseur zum Auftakt Flugbilder gönnen – im vorliegenden Fall ist das ein Hubschrauber, der während des Titelvorspanns die kalifornische Küste entlang fliegt, durch eine Wolkendecke stößt und über San Francisco herauskommt; hier landet er alsbald auf dem Dach des kunstvoll ins Stadtbild hineingetrickste Super-Hochhaus, dessen Schicksal das großartige Kinoplakat bereits deutlich macht. Die Produktion gönnt sich teure Totalen und Straßenszenen in der Innenstadt San Franciscos mit mehreren Löschzügen. Schon die Optik dieses Abenteuers ist grandios.

Die Quintessenz des modernen Katastrophenfilms

„The Towering Inferno“ ist, soviel kann man heute schon sagen, die Quintessenz des noch jungen Genres Katastrophenfilm. Nach Airport (1970) und Die Höllenfahrt der Poseidon (1972), die so etwas, wie die Mütter des aufkommenden Disastermovie-Genres waren, tobt das Inferno hier in der Glas und Stahl gewordenen Metapher auf die Hybris des Menschen. Was soll da im Kino noch folgen? Auch der vor drei Wochen gestartere Erdbeben, der seinen Thrill großteils aus einem ausgeklügelten Subwoofer-Soundsystem („Sensourround“) speist, erreicht nicht das Bedrohungspotenzial dieses Feuerfilms, der Einzug gefunden hat in den Kanon des Kinos.

Hollywood wird weitere Flugzeuge abstürzen lassen, Inseln versenken, Vulkane ausbrechen lassen. Am Ende werden sie alle an diesem einen Film gemessen werden. John Guillermin („Shaft in Afrika“ – 1973; „Endstation Hölle“ – 1972; „El Condor“ – 1970; „Die Brücke von Remagen“ – 1969) verzahnt perfekt Urängste des Menschen: Enge, Feuer, Ausweglosigkeit, Höhe, die mörderische Arroganz des Geldes. Letzterer entgegen treten Steve McQueen und Paul Newman (Der Clou – 1974; Der Mackintosh Mann – 1973; „Das war Roy Bean“ – 1972; „Sie möchten Giganten sein“ – 1970; Butch Cassidy und Sundance Kid – 1969; Indianapolis – 1969; Der Unbeugsame – 1967; „Man nannte ihn Hombre“ – 1967; Der zerrissene Vorhang – 1966; „Ein Fall für Harper“ – 1966; Immer mit einem anderen – 1964; „Der Preis“ – 1963; „Der Wildeste unter Tausend“ – 1963; „Süßer Vogel Jugend“ – 1962; Haie der Großstadt – 1961; „Exodus“ – 1960; „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – 1958; Der lange heiße Sommer – 1958), Fleisch gewordener amerikanischer Pioniergeist, als Feuerwehrchef und Architekt. Um sie herum haben die Autoren ein kunstvolles, abwechslungsreiches Netz aus Nebenhandlungen gewoben – Ehedramen, Geschäftsprobleme, Existenzangst, Pfusch am Bau, Angst-vor-dem-Alter – gespielt von einem für das Genre erfunden Aufgalopp von Stars.

Kinoplakat: Flammendes InfernoErklärbären, große Effekte und Over-the-Edge-Action

Paul Newman, Steve McQueen, Faye Dunaway (Chinatown – 1974; Little Big Man – 1970; Thomas Crown ist nicht zu fassen – 1968), Fred Astair, William Holden (The Wild Bunch – 1969; Casino Royale – 1967; „Die Brücke am Kwai“  1957; Sabrina – 1954; Boulevard der Dämmerung – 1950), Richard Chamberlain, Robert Vaughn (Bullitt – 1968; Die glorreichen Sieben – 1960), O.J. Simpson, Robert Wagner … die Liste der Stars ist schon atemberaubend <Nachtrag im Jahr 2015>und wirkt in der Rückschau, wie der Schwanengesang auf das alte Hollywood, das sich zu Tode bezahlt und kopiert hat. Das junge, das New Hollywood mit seinen Protagonisten Martin Scorsese, Steven Spielberg, Francis Ford Coppola, George Lucas hatte sich längst in eine andere, realistische, kostengünstige Moderne aufgemacht. In dieser Rückschau setzt der Katastrophenfilm den – immerhin fulminanten – Schlussakkord für das sterbende Kino.<Nachtrag Ende>

Die nur grob skizzierten Figuren fungieren vor allem als Erklärbären, die wahlweise beschreiben, was gerade brandtechnisch passiert oder, worauf Architekur in Zukunft achten müsste. Grandiose Effekte versetzen den Zuschauer mitten hinein ins Inferno. In seiner Action feiert der Film jenes Größer Schneller Weiter, das er in der Architektur seines Titelhelden kritisiert. Da lässt er die Physik der realen Welt schon mal ein wenig die der Filmwelt links liegen. Anfangs sind es noch einzelne Stuntleute, die John Guillermin effektvoll brennend durch die Kulisse laufen lässt, dann explodieren Scheiben, stürzen Menschen aus großer Höhe; irgendwann hängt dann in mehreren 100 Fuß Höhe eine mit in Agonie erstarrten Menschen gefüllte Gondel des Panorama-Aufzugs unter einem Helikopter an einem dünnen Stahlseil und der geneigte Hubschrauber-Fan fragt sich, wie der Helikopter wohl so nah ans Gebäude fliegen konnte, ohne seine Rotoren daran zu zerschellen.

Die doppelte Moral Hollywoods

So einen Stunt mit schwebender Fahrstuhl-Gondel überleben naturgemäß nicht alle. Vor allem diejenigen nicht, die sich nach den moralischen Grundsätzen der Doppelmoral Hollywoods nicht einwandfrei verhalten. Die Sekretärin, die ihren Chef zum Schäferstündchen auf dem Schreibtisch trifft („Du siehst auch hinterher noch so unschuldig aus, als wolltest Du zur Kirche gehen“), wird mittels Explosion aus dem Fenster in die Tiefe geschleudert, während ihr Chef auf der Suche nach Rettung verbrennt. Der auf die tödliche Kosteneffizienz bedachte Bauleiter, der nach dem Motto „Frauen und Kinder zuletzt, ich zuerst“ stürzt in den Tod, als er sich in der nervösen Rettungskette nach vorne drängelt.

Es fehlen auch die Heldenfiguren nicht, jene Firefighter, unter denen sich zwei Freiwillige für eine gefährliche Mission im Treppenhaus melden sollen, und die sich dann alle gleichzeitig melden. „Warum sind unsere Klamotten so verflucht schwer“, schimpft Chief O'Hallorhan. „Sie sollten leicht sein, wie die von Football-Spielern!“ „Aber wer will uns schon spielen sehen?“, fragt seine rechte Hand Kappy. Im Vorspann heißt es, dieser Film sei „all jenen Männern und Frauen gewidmet, die ihr Leben für andere geben“. Wenn Hollywood Helden wittert, drückt es ordentlich auf die Pathostube – hier findet es mal die richtigen.

Es bleibt auch Steve McQueen vorbehalten („Papillon“ – 1973; Le Mans – 1971; Bullitt – 1968; Thomas Crowne ist nicht zu fassen – 1968; „Kanonenboot am Yangtse-Kiang“ – 1966; „Cincinnati Kid“ – 1965; Gesprengte Ketten – 1963; Die glorreichen Sieben – 1960), am Ende jene Message vorzutragen, die dem spannenden Event-Movie, das den Pioniergeist, die Schaffenskraft, den Mut des Menschen feiert, soziologische Tiefe geben soll. Chief O'Hallorhan erklärt, dass man mit den weniger als 200 Toten noch Glück gehabt habe, „eines Tages werden 10.000 Menschen in so einem Hochhaus sterben, bis endlich mal einer uns fragt, wie man sowas richtg baut!

Wertung: 7 von 8 D-Mark
IMDB