Kinoplakat: Ex Machina
Eine zwingende Philosophie
in Sachen Roboter-Rechte
Titel Ex Machina
(Ex Machina)
Drehbuch Alex Garland
Regie Alex Garland, UK 2015
Darsteller

Domhnall Gleeson, Alicia Vikander, Corey Johnson, Oscar Isaac, Sonoya Mizuno, Claire Selby, Symara A. Templeman, Gana Bayarsaikhan, Tiffany Pisani, Elina Alminas u.a.

Genre Science Fiction, Drama
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
23. April 2015
Website exmachina-film.de
Inhalt

Der 26-jährige Caleb arbeitet als Web-Programmierer in einem großen Internetkonzern. Als er ein firmeninternes Gewinnspiel mit Bravour meistert, besteht Calebs Preis darin, seinen obersten Vorgesetzten, den öffentlichkeitsscheuen Konzernchef Nathan, auf dessen abgelegenem Grundstück in den Bergen besuchen zu dürfen.

Doch Caleb ist nicht der schönen Aussicht wegen in das Refugium eingeladen worden. Seine Anwesenheit ist Teil eines faszinierenden Experiments.

In seinem Domizil beherbergt Nathan nämlich die weltweit erste Künstliche Intelligenz: den weiblichen Roboter Ava, mit dem Caleb kommunizieren und eine Verbindung aufbauen soll.

Schon bald geraten er, Nathan und Ava in ein gefährliches Dreieck aus Liebe, Eifersucht und Misstrauen …

Was zu sagen wäre

„Warum hast Du Ava gebaut?“ „Was ist das für eine komische Frage. Hättest Du es nicht getan, wenn du es könntest?“ Die Antwort ist dieselbe wie auf die Frage, warum der Hund sich seinen Schwanz leckt. Der Mensch ist seines animalischen Instinktes keinen Deut Herr geworden und steckt fest irgendwo in der Zeit, in der Baron Frankenstein seine Kreatur schuf. Auch der schuf sie, weil er es konnte. Er hatte keine Idee, was er mit ihr anfangen sollte. Im Kino-Frankenstein hat schließlich die Kreatur eine Idee entwickelt, wozu es eine zweite Kreatur brauchte – um, ganz simpel, der Einsamkeit zu entgehen.

Die Traumfrau aus der Suchmaske

Alex Garlands „Ex Machina“ ist eine moderne Frankenstein-Interpretation. Erzählt in ruhigen Einstellungen, in der Kulisse eines verführerisch eleganten High-Tech-Gebäudes, untermalt mit Hinweisen auf Oppenheimer und seine Erfindung der A-Bombe – mal läuft der 80er-Jahre Hit Enola Gay, der den B52-Bomber besingt, der die erste Bombe über Hiroshima abwarf, an anderer Stelle zitiert Caleb Oppenheimer, der ebenfalls überrascht wurde von dem, was seine Erfindung so alles kann. Warum hat Nathan also Ava gebaut? Weil er es kann.

Weil sein Suchmaschinen-Imperium, das nicht „Google“ heißt, sondern „Blue Book“ nach dem Blauen Buch des Sprachphilosophen und Sprachskeptiker Ludwig Wittgenstein. Nathans Blue-Book-Engine will nicht weniger, als den Alltag von Mensch und Maschine immer noch ein bisschen besser zu machen. Da werden keine Suchanfragen mehr analysiert, um individualisierte Werbung zu generieren. Nathan nutzt seinen Such-Algorithmus, um aus den Millliarden Suchanfragen den Menschen an sich zu analysieren. Nathans Ava ist ein Produkt dieser Analyse - eine High-End-Traumfraulösung für Romantiker, denen neben äußeren Merkmalen irgendwie auch innere Werte wichtig sind.

Intelligenz kommt von Chaos

Alex Garland, der berühmt geworden ist mit seinem Roman The Beach und später für dessen Regisseur, Danny Boyle, die Bücher zu 28 Days later (2002) und „Sunshine“ (2007) schrieb, hält sich mit der Technik eher am Rande auf, stellt Nathan vor ein Bild von Jackson Pollock und erklärt, ebenso, wie Pollock rein nach Instinkt gemalt habe, habe er Ava so programmiert, dass sie nach Instinkt und Logik agiere. Dann liegen auf dem Labortisch noch ein paar Gimmicks wie ein Galertartiges Gehirn, aber das interessiert den Autor nicht besonders. Ihn interessiert, ab wann eine von Menschenhand gebaute Maschine nicht mehr dem Menschen gehört, sondern sich selbst. Da steckt auch Garland in der Vergangenheit fest, denn diese Frage hat das Kino schon so oft aufgeworfen, dass man von einem eigenen Sub-Genre sprechen kann.

Im vergangenen Monat erst ist Neill Blomkamps Streetgang-Roboter Chappie gestartet, im vergangenen Jahr war Scarlett Johansson das Betriebssystem eines Radioweckers, das sich per KI in neue Sphären katapultiert. Steven Spielberg spielte schon 2001 in  A.I. die Alltagstauglichkeit solcher Maschinen in einer Menschenwelt durch, „Der 200 Jahre Mann“ (1999) fragt, wie lange ein Roboter braucht, bis er selbst entscheiden darf, Jean Luc Picard, Captain des Raumschiffs Enterprise, kämpfte in der Folge „Wem gehört Data?“ an der Seite seines zweiten Offiziers Data (einem Androiden) um dessen Habeas-Corpus-Identität. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die AI testet ihren Tester

Was Garlands Film spannend macht, ist, dass die Menschheit heute an die Pforte zu dieser Zukunft mit Künstlicher Intelligenz klopft. Die Hardware ist vorhanden, die Algorithmen sind da, das schwierigste wäre wohl, einen Körper zu bauen, der menschenähnlich ist – der Gleichgewichtssinn scheint als physikalische Komponente nicht zu unterschätzen zu sein.

Der Film erzählt von einem Test: Caleb soll Ava auf deren KI-Tauglichkeit testen, aber es ist in diesem Sub-Genre von vorneherein klar, dass das nicht die ganze Wahrheit ist – wo künstliche Intelligenz drauf steht, steckt Täuschung drin, kann der Autor jederzeit Twists einbauen; schließlich kann die Maschine ja eigenständig denken. Die eigentliche Frage, die der Film 100 Minuten lang stellt ist also, wer testet hier wen? Daraus zieht der wunderschön fotografierte Film seine Spannung.

Nur einer bestimmt die Regeln

Schnell ist deutlich, dass in dem Haus mehr KI-Androiden leben, als von Nathan behauptet. Das macht ihn, den Oscar Isaac („A Most Violent Year“ – 2014; Inside Llewyn Davis – 2013; Das Bourne Vermächtnis – 2012; Drive – 2011; Sucker Punch – 2011; Robin Hood – 2010) mit Stoppelhaarschnitt und Wollebart wunderbar doppelseitig und geheimnisvoll anlegt, noch verdächtiger, als er aufgrund seiner Position ohnehin schon ist; sein joviales lassen-wir-doch-den-ganzen-Chef-Angestellten-Kram-einfach-hinter-uns-Getue entlarvt sich bald als Attitüde; nur er, Nathan, bestimmt die Regeln. Jedenfalls bis zum ersten Stromausfall.

Fortan stellt sich die Frage, ob nicht jemand anderes die Herrschaft über die Regeln übernommen hat, indem er die Technik kontrolliert, oder indem sie die Technik kontrolliert. Ava, wie Caleb bald lernt, kontrolliert diese Stromausfälle. Alicia Vikander (Seventh Son – 2014; „Son of a Gun“ – 2014; „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ – 2013; „Anna Karenina“ – 2012) spielt sie subtil mit rehäugigem Girlfriend-Chic im Spannungsfeld von süßer Unschuld und berechnender Amazone. Sie bleibt ein Geheimnis. Gut besetzt.

Die undankbare Moral des alten Menschen

In dem Moment, in dem Caleb glaubt, die Kontrolle zu übernehmen, hat er sie verloren. Domhnall Gleeson („Unbroken“ – 2014; „Am Sonntag bist du tot“ – 2014; Alles eine Frage der Zeit – 2013; Dredd – 2012; Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2 – 2011; True Grit – 2010) überzeugt als Zauberlehrling, der sich in die Maschine verknallt. Ihm kommt die undankbare Rolle zu, die moralische Sicht zu vertreten. Während Nathan einfach mit Hardware experimentiert, in einem coolen Haus wohnt und faszinierende Sachen schafft – schöne Menschen zum Beispiel – wedelt Caleb mit der moralischen Flagge, auf der Menschlichkeit auch für Maschinen eingefordert wird. Bei ihm schließt sich der Kreis zum Gestern und seinen Wem-gehört-Data-Diskussionen. Da ist Ava, die moderne Vertreterin künstlicher Intelligenz, schon einen großen Schritt weiter.

„Ex Machina“ ist streng gestaltet mit langen, kühlen Gängen, fensterlosen Räumen voller Glaswänden. Die Natur bleibt draußen, auf jeden Fall hinter Glas. Damit knüpft Garland an das klassische Science-Fiction-Kino der 1970er Jahre an und zitiert Stanley Kubricks architektonische Strenge (der hinter dem Ursprungskonzept von Spielbergs „A.I.“ stand). Garland bietet den Zuschauern weder schnelle Schnitte noch umschmeichelt er mit abwechslungsreicher Kulisse, setzt sie statt dessen einem ununterbrochenen Dialog aus, den drei Figuren mit-, neben- und übereinander führen und bei dem manche Aspekte nicht mehr taufrisch sind.

Wer ist menschlicher: Mensch oder Maschine?

Am Ende entlässt er uns mit einem komischen Gefühl: Wer sagt eigentlich, dass der Maschinenmensch aus einer Maschine hervorgehtß Warum geht er nicht aus dem Menschen hervor? Als wir Caleb in der ersten Einstellung des Films kennenlernen, sitzt er an seinem Arbeitsplatz – ein Großraumbüro mit vielen Glaswänden. Caleb sitzt vor seinem Rechner, kommuniziert stumm via E-Mail und SMS und ist umgeben von anderen Menschen vor Computern, die unter höchster Effizient umsetzen, was ihr Chef, Nathan, der Maschinenkonstrukteur, ihnen aufgibt zu tun.

Ist nicht eigentlich Ava mit ihrem Freiheitsdrang und Überlebenswillen schon viel mehr Mensch, als die effizienten Kommunikatoren aus dem Glasbüro?

Wertung: 8 von 8 €uro