Kinoplakat: Erdbeben
Ein großartiges Spektakelkino.
Die Mutter der Katastrophenfilme.
Titel Erdbeben
(Earthquake)
Drehbuch George Fox + Mario Puzo
Regie Mark Robsen, USA 1974
Darsteller Charlton Heston, Ava Gardner, George Kennedy, Lorne Greene, Geneviève Bujold, Richard Roundtree, Marjoe Gortner, Barry Sullivan, Lloyd Nolan, Victoria Principal, Walter Matthau, Monica Lewis, Gabriel Dell, Pedro Armendáriz Jr., Lloyd Gough u.a.
Genre Katastrophenfilm
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
14. Februar 1975
Inhalt

Die Millionenmetropole Los Angeles wird von mehreren kleinen Erdstößen erschüttert. Niemand ahnt jedoch, dass diese lediglich die Vorboten für eine Katastrophe verheerenden Ausmaßes sein sollen, die binnen 24 Stunden über die Stadt hereinbricht. An der Hollywood-Talsperre ist ein Mitarbeiter bei einem Kontrollgang ertrunken. Der Vorfall wird untersucht, aber es gibt zunächst keine Erklärung. Unerklärlicherweise steigt der Pegel des Stausees an. Dann werden Risse im Damm entdeckt.

Der Tag wird aus der Sicht verschiedener Personen geschildert; die einzelnen Handlungsstränge sind mehrfach miteinander verflochten.

Die Ehe von Stewart Graff und seiner Frau Remy ist gescheitert. Remy ist dem Alkohol verfallen, während Stewart sein Glück in einer Romanze mit der jungen Schauspielerin Denise sucht. Remy versucht dies zu unterbinden, indem sie ihren Vater, Sam Royce, Stewarts Boss, bittet, Stewart zu befördern, wenn er im Gegenzug dafür die Beziehung zu Denise beendet. Schließlich spitzt sich die Situation zu, als bei einer Rettungsaktion in einem überfluteten Kanalschacht Stewart sich entscheiden muss, ob er versuchen soll, Remy zu retten, oder ob er sich in Sicherheit bringt und ein neues Leben mit Denise beginnt.

Polizist Lew wird vom Dienst suspendiert, weil er bei einem Einsatz durch seine Hitzköpfigkeit und seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn mal wieder die Beherrschung verloren hat. Im Angesicht der Katastrophe wächst er jedoch über sich hinaus und kann so die junge Rosa vor einer Vergewaltigung retten. In der verwüsteten Stadt trifft er auf Stewart und hilft ihm bei der Rettung von mehreren in einer Tiefgarage verschütteten Menschen, unter denen sich auch Remy und Denise befinden.

Miles und Sal haben ihren großen Tag: Sie wollen einem Künstleragenten aus Las Vegas ihre Motorrad-Stuntshow vorführen und hoffen auf einen Vertrag. Weil sie etwas knapp bei Kasse sind, leihen sie Geld bei Lew, den sie mit Sals Schwester Rosa becircen. Gerade als sie mit der Vorführung beginnen wollen, bricht das Beben über die Stadt herein und zerstört den Parcours.

Der schüchterne, feminine Jody ist leitender Angestellter eines Supermarktes, in dem auch Rosa regelmäßig einkauft. Er ist sehr angetan von ihr, traut sich jedoch nicht, sich ihr zu offenbaren. Von einigen Typen aus seiner Nachbarschaft wird er wegen seines Äußeren ständig gehänselt und als Schwuchtel beschimpft. Als er im Einsatz für die Nationalgarde ebendiese Typen als Plünderer erwischt, erschießt er sie kurzerhand. Rosa, die ebenfalls der Plünderei verdächtigt wird, nimmt er unter seine Fittiche und versucht, sie zu verführen.

Walter Russell, ein junger Mitarbeiter im Seismologischen Institut von Los Angeles, hat Berechnungen aufgestellt, nach denen in Kürze ein großes Erdbeben bevorstehen soll. Da es aber bislang keine bewiesenen Berechnungsmethoden gibt, glaubt man ihm nicht sofort. Sein Vorgesetzter befürchtet, durch eine eventuelle Falschmeldung den Ruf des Institutes zu ruinieren und der Bürgermeister hat Angst, durch eine öffentliche Warnung eine womöglich unnötige Panik auszulösen …

Was zu sagen wäre

Ein großartiges Spektakel und zusammen mit Airport und Flammendes Inferno Auslöser zahllosen Zerstörungsorgien auf der Leinwand. Es sind die Filme der Special-Effects-Künstler, die täuschend echte Modelle mit Real-Bildern verquicken, die durch geschickte Ausleuchtung, schnellen Schnitt und Zeitlupe die große Katastrophe inszenieren. Die Kunst des Matte-Painting eröffnet neue Horizonte.

Bei „Earthquake“ probieren die Produzenten zudem eine neue Soundtechnik aus, die den teilnehmenden Kinobetreiber mehrere Sitzreihen pro Saal kosten, um Platz für die Anlage zu schaffen, die den geeigneten Sound-Effekt erzeugte. Universals Ton-Abteilung hatte einen Prozessor namens Sensurround entwickelt, der zusammen mit einer Reihe großer Lautsprecher zum Einsatz kam mit einer Verstärkerleistung von 1.500 Watt. Diese Boxen arbeiten im subhörbaren Schallwellenfrequenzbereich bei zirka 120 Dezibel; das entspricht in etwa einem Düsenjet beim Start. Dem Betrachter gab dies das Gefühl eines gerade stattfindenden Erdbebens.

Für das Drehbuch machten sich die Universal-Studios nicht so viel Mühe. Der Film ist ein Austragshäuserl für altgediente, nicht mehr zum Gelderwerb benötigte, ehemalige Großstars wie Charlton „Ben Hur“ Heston, Lorne „Ben Cartwright“ Green oder Ava „Die barfüßige Gräfin“ Gardner. Regisseur Mark Robson („Limbo“ – 1972; „Das Tal der Puppen“ – 1967; „Colonel von Ryans Express“ – 1965; Schmutziger Lorbeer – 1956; „Die Brücken von Toko-Ri“ – 1954) baut gar nicht erst auf feingliedrige Figurenzeichnung. Die Schau- und Hörwerte ziehen das Publikum, der Rest ist Bilderteppich. Bei einer Kneipenschlägerei begnügt er  sich mit einer Polizeiserien-Gemütlichkeit und den dort üblichen Situationsauflösungen – mittendrin Überraschungsgast Walter Matthau als Hippie-Trinker mit rotem Breitkremp-Hut und Blümchenbluse (Extrablatt – 1974; Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 – 1974; „Massenmord in San Francisco“ – 1973; „Der große Coup“ – 1973; „Die Kaktusblüte – 1969; Ein seltsames Paar – 1968; Der Glückspilz – 1966; „Angriffsziel Moskau“ – 1964; Charade – 1963).

Zwischendurch wackelt ein bisschen die Kamera, ertrinkt einer im Fahrstuhl des natürlich bald berstenden Staudamms, wackelt wieder die Kamera und traut sich ein Experte nicht, Großalarm auszulösen – und es gibt ein süßes, jammerndes Hündchen, das gerettet werden will und von der von Cop George Kennedy (Die Letzten beißen die Hunde – 1974; Airport – 1970; Der Unbeugsame – 1967; Das dreckige Dutzend – 1967; Der Mann vom großen Fluss – 1965; Der Flug des Phoenix – 1965) vor einer Vergewaltigung geretteten Victoria Principal im engen T-Shirt adoptiert wird.

Überhaupt die Frauen in diesem Film. Überhaupt die Männer in diesem Film. Charlton Heston (Airport '74 – Giganten am Himmel – 1974; Jahr 2022… die überleben wollen – 1973; „Der Omega-Mann“ – 1971; Planet der Affen – 1968; Der Verwegene – 1967; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; Weites Land – 1958; „Im Zeichen des Bösen“ – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955) zieht gleich in seiner ersten Szene sein Hemd aus, um seiner dem Alkohol verfallenen Frau – immerhin: Ava Gardner (Die Nacht des Leguan – 1964) – zu erklären, wie unsexy sie geworden ist. Diese Eingangssequenz gibt den Ton des Films vor: No Story, but Stars! Heston, der Mann mit dem unerschütterlichen Eisenkinn, hält sich eine junge Schauspielerin als Geliebte – Geneviève Bujold (Der Dieb von Paris – 1967) als alleinerziehende Mutter – die ihrem reichen Galan zu Füßen liegt, weil der „endlich“ einen Football mit Autogramm eines wichtigen Spielers für ihren kleinen Sohn vorbeibringt. Und dann erklärt sie ihrem alten, gesettelten Lover, dass sie aber natürlich ganz allein zurecht klommt und er sich überhaupt gar keine Gedanken machen soll.

Ein bisschen platt ist das alles schon. Victoria Principal, die Rosa spielt – bzw. darstellt – ist überhaupt nur in diesem Film wegen ihrer körperlichen Vorzüge. „Zeig Dein T-Shirt“, wird sie aufgefordert, um einem möglichen Sponsor für einen harten Motorradstunt-Typen Geld aus der Tasche zu locken. Das Beben macht diese wirtschaftlichen Pläne dann hinfällig, prompt gerät sie ein einen schüchternen Supermarktleiter, der von allen gehänselt wird, dann aber als Sergeant der Nationalgarde mit großem Gewehr auftrumpft, die Typen erschießt, die ihn gehänselt haben und dann Rosa mit geklauten Diamanten behängt und vergewaltigen will. Immerhin: Eines haben die Frauen besser als die Männer. sie können ihre (elastischen) Nylons ausziehen, die bei der Rettung aus großen Höhen Erstaunliches leisten.

Nur manchmal bricht sich eine Regie in diesem Fließbandkatastrophenfilm Bahn. Wunderbar, wie Mark Robson das Big Quake ankündigt. Es wird ganz still in diesem so lauten Film. Hunde bellen. Vögel fliegen davon. Oder als durchgedrehte Nationalgarde-Typ Jody sich Rosa aufdrängt, verdeckt der Schatten eines Gerüsts ausgerechnet seine Augen. Als Bujold ihren gehirnerschütterten Sohn rettet, zucken um sie herum die abgerissenen Starkstromkabel. Und dann strömt das Wasser im Kanal, wo die Stromkabel britzeln. Das steigert effektvoll die Spannung.

Diese frühen Katastrophenfilme versuchten sich noch in der Kunst stammtischtauglicher Kritik am Wirtschaftswahn. Ähnlich, wie in dem zeitgleich entstandenen Flammenden Inferno geriert sich auch hier der Held – Charlton Heston als brillanter Architekt – als Aufklärer. Er riskiert Staatsaufträge in Millionenhöhe, weil er erdbebensichere Häuser bauen will, die höhere Auflagen erfüllen, als die vorgeschriebenen und kommt angesichts der Trümmer zu dem Schluss: „Wir hätten sie niemals bauen dürfen, diese Hochhausmonstrositäten.“

Wertung: 5 von 8 D-Mark