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Kinoplakat: Eine Frage der Ehre
Großartiges Dialogbuch
adäquat verbildert
Titel Eine Frage der Ehre
(A Few Good Men)
Drehbuch Aaron Sorkin
nach seinem eigenen Bühnenstück
Regie Rob Reiner, USA 1992
Darsteller

Tom Cruise, Jack Nicholson, Demi Moore, Kevin Bacon, Kiefer Sutherland, Kevin Pollak, James Marshall, J.T. Walsh, Christopher Guest, J.A. Preston, Matt Craven, Wolfgang Bodison, Xander Berkeley, John M. Jackson, Noah Wyle u.a.

Genre Drama
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
14. Januar 1993
Inhalt

Auf dem US-Marineinfanterie-Stützpunkt Guantanamo Bay ist der Soldat William Santiago ums Leben gekommen, nachdem er von seinen Kameraden Dawson und Downey tätlich angegriffen wurde. Santiago galt als Außenseiter, während die beiden mutmaßlichen Täter Vorzeigemarines sind. Zunächst ist unklar, ob es sich bei ihrer Attacke um eine Strafaktion handelte, die von einem Vorgesetzten angeordnet wurde.

Man will den Mordfall vertuschen und milde Strafen für die angeklagten Soldaten erwirken. Ein Spiel, bei dem der Verteidiger Lieutenant Kaffee aber nicht mitspielen möchte und dabei von Commander Gallaway unterstützt wird.

Brisant wird der Fall, als immer mehr Verwicklungen ans Tageslicht kommen und vermutlich sogar Colonel Jessep ganz eng damit verbunden zu sein scheint …

Was zu sagen wäre

Manchmal sagen Wörter mehr als tausend Bilder.

Rob Reiner (Misery – 1990; Harry und Sally – 1989; Die Braut des Prinzen – 1987; Stand by Me – 1986; Der Volltreffer – 1985) hat ein Bühnenstück verfilmt. Bühnenstücke leben von elegantem Dialog, von geschliffener Sprache, von zwingenden Wortgefechten; kein Wunder, dass dieser Film in einem Gerichtssaal gipfelt, wo zwingende Wortgefechte über Leben und Tod entscheiden. Zwangsläufig hat sich der Mann des Bildes, der Filmregisseur Rob Reiner den Wörtern untergeordnet. Er überlässt den Maschinengewehr-Dialogen aus der Feder von Aaron Sorkin – und vor allem die Conclusio von Aaron Sorkin – die erste Geige; und bringt sie wunderbar in Bewegung, auch in Situationen, die der Autor selbst nur als Face-to-Face-Dialog gesehen haben mag.

Reiner hat, was die Bilder angeht, einen schönen Herbstlaub-im-Spätsommerlicht-Film gedreht über militärische Hierarchien und den Sinn oder Unsinn des Kadavergehorsams – mit einem schmucken Tom Cruise, einem sympathischen Kevin Pollack, einer charmant-giftigen Demi Moore („Tödliche Gedanken“ – 1991; „Ghost– Nachricht von Sam“ – 1990; „Das siebte Zeichen“ – 1988; St. Elmo's Fire“ – 1985) und einem akurat abgehackt gestikulierenden Kevin Bacon (JFK – Tatort Dallas – 1991; „Im Land der Raketen-Würmer“ – 1990; „She's Having a Baby“ – 1988; „Footloose“ – 1984; American Diner – 1982). Rob Reiner hat keine Chance, in diesem Film mit Filmkunst zu punkten und er nutzt sie.

Elegant seine Art, Dialogen durch geschickte Perspektive und Montage Spannung zu geben, souverän, wie er in großen Räumen seinen Stars die Bühne läst und ruhig filmt, was passiert. Reiner konnte da einigermaßen entspannt sein, denn er konnte sich auf zwei Punkte in seinem Produktionsbudget verlassen: Erstens hatte er die Feder Aaron Sorkins, der es schafft, sein Drama in Würfelpyramidenform aufzubauen. Zweitens hat er Jack Nicholson (Batman – 1989; „Wolfsmilch“ – 1987; „Die Hexen von Eastwick“ – 1987; „Sodbrennen“ – 1986; „Zeit der Zärtlichkeit“ – 1983; „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ – 1981; Shining – 1980; Duell am Missouri – 1976; Einer flog über das Kuckucksnest – 1975; Chinatown – 1974; „Das letzte Kommando“ – 1973; Easy Rider – 1969; Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der Zauberer – 1963).

An dieser Stelle muss ich vorsichtig sein. Jack Nicholson hat viele große Rollen gespielt – oder: Er hat viele Rollen groß gemacht. Natürlich ist sein Charley Partanna aus der „Ehre der Prizzis“ (1985) gülden; natürlich ist Jack Torrance aus „Shining“ (1980) – wenn auch etwas überzeichnet – ein Meilenstein; manche halten ja sogar seinen Joker aus Batman (1989) für große Kunst. Und natürlich ist sein McMurphy aus „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) unvergessen, auch sein J.J. Gittes aus Polanskis „Chinatown“ (1974). Aber sein Col. Jessup aus „A few Good Men“ ist mein Favorite. Jack Nicholson und Aaron Sorkins Dialogzeilen in Kombination sind großartig. Allein deshalb lohnt sich Reiners Aufwand, extra Kameras aufzubauen. Zu den eleganten Textzeilen Nicholsons pure Arroganz zu sehen ist allein schon das Eintrittsgeld wert.

Das kann ich von den andern nicht sagen. Auch sie leben durch Sorkins Wortgewalt. Aber Tom Cruise bleibt der charming teethbrush-boy, der hier kluge Sachen sagen darf – die dauernd angedeutete und am Ende behauptet vollzogene Emanzipation vom übermächtigen Juristenvater nehme ich seinem Lt. Daniel Kaffee gerne ab, aber unterm Strich kann Cruise nicht an seinen Oscar-nominierte Erfolg als Ron Kovic in Geboren am 4. Juli (1989) anschließen. Er bleibt der verspielte Schnösel, der es auf einmal wissen will … und gewinnt (Tage des Donners – 1990; „Rain Man“ – 1988; Cocktail – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; Top Gun – 1986; Legende – 1985; Der richtige Dreh – 1983; „Lockere Geschäfte“ – 1983; Die Outsider – 1983).

Demi Moore, sympathisch, und Kevin Pollack, super-sympathisch als geerdeter Zulieferer erfüllen kaum mehr als Funktionsrollen, Scharniere, durch deren Tür die Geschichte weitergetrieben wird – aber auch sie werden durch Sorkins Script besser. Ein Script, das sich aufbaut, hier ein Blick, da eine Dialogzeile, dort ein Schrank voll gebügelter Uniformen; im Moment nicht mehr als das, aber irgendwas – die kluge Regie vielleicht? – lässt uns ahnen: Da kommt noch was; und natürlich kommt es.

Und dann gibt es das Happy-but-not-too-much-happy-End. Sorkin und Reiner diskutieren in diesem Film die Mechanismen des Befehl-und-Gehorsam und stellen fest: Ja, das ist wichtig, dass es im Ernstfall diese absolut klaren hierarchischen Strukturen gibt. Aber, und auch das erkennt der Film, es muss klare Grenzen geben für die Definition dieses Ernstfalls – und das heißt, dass manchmal auch der vermeintlich Unschuldige sich schuldig gemacht hat. Zwischendrin wird tatsächlich die Nazi-Doktrin bemüht, bei der auch immer alle gesagt haben, „aber ich habe doch nur Befehle befolgt“.

„Eine Frage der Ehre“ schafft es, ein großer Film zu sein, in dem die Hauptzutat eines Films, das Bild, sich dem Wort souverän unterordnet.

Wertung: 10 von 10 D-Mark
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