Kinoplakat: Edward mit den Scherenhänden

Die Schöne und das Biest
in der Hölle der Suburbs

Titel Edward mit den Scherenhänden
(Edward Scissorhands)
Drehbuch Tim Burton + Caroline Thompson
Regie Tim Burton, USA 1990
Darsteller Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Robert Oliveri, Conchata Ferrell, Caroline Aaron, Dick Anthony Williams, O-Lan Jones, Vincent Price, Alan Arkin, Susan Blommaert, Linda Perri, John Davidson u.a.
Genre Drama, Fantasy
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
18. April 1991
Inhalt

Edward ist nicht fertig geworden. Ursprünglich war er Teil einer Maschine, die Kuchen backt; er war der Teil, der die Formen schnitt. Dann wollte sein Erfinder einen richtigen Menschen aus ihm machen. Und als die Hände dran waren, starb der Erifnder an einem Herzinfarkt. Edward blieb unvollendet – mit Scheren und scharfen Messern, wo richtige Menschen Hände haben.

Heute lebt Edward einsam in dem verfallenen Schloss am Berg. Da kommt man hin, wenn man hinter dem Wendehammer in der kleinen Vorstadt durch das schmiedeeiserne Tor geht. Es geht aber nie jemand durch. Erst Peg macht sich die Mühe. Peg ist Avon-Beraterin in der kleinen Vorstadt mit ihren pittoresken, bonbonbunten Häusern und akurat geschnittenen Hecken. Nie kauft jemand bei Peg, die unerschütterlich regelmäßig jede ihrer Freundinnen in der Nachbarschaft abklappert, um sie von den Vorzügen ihrer Cremes und Pflegtipps zu überzeugen. Die Freundinnen kaufen auch nichts. Also geht Peg nach oben in das Schloss. D soll ja jemand wohnen, heißt es.

So treffen sich Edward, der Unfertige und Peg zum ersten Mal und Peg ist gleich fasziniert von Edwards vernarbter, unreiner Haut – was man da mit ihren Cremes alles machen kann. Kurzerhand nimmt sie ihn mit zu sich nach Hause und es dauert nicht lange, da ist Edward mit den Scherenhänden der gerne herumgereichte Star der Nachbarschaft. Niemand kann so schöne Hecken schneiden wie er, niemand Hunde so schön frisieren oder die Haare der Damen. Er kommt sogar ins Fernsehen.

Aber irgendwann – und es gibt ja immer ein irgendwann – ist das friedliche Leben vorbei. Kim, die schöne Tochter von Peg und Edward haben zarte Bande zueinander geknüpft. Das missfällt nicht nur der libidonösen Nachbarin Joyce, die den charmant zurückhaltenden Jüngling schon für sich ausgeguckt hatte; es missfällt auch Jim, bisher Kims fester Freund. Als der Edward für einen kleinen Einbruch missbraucht und Edward deshalb kurzfristig im Gefängnis landet, schlägt die Stimmung um …

Was zu sagen wäre

„Warum wollen Sie denn richtige Hände haben? Dann sind Sie ja nichts mehr Besonderes!“, fragt eine Zuschauerin Edward in der TV-Show des Lokalfernsehens. Einfacher kann man die Befindlichkeiten des Neidgeplagten Durchschnittsnachbarn nicht zusammenfassen: Sei behindert! Leide! Dann mögen dich alle, weil du besonders bist.

Kinoplakat: Edward mit den ScherenhändenDie Hölle in bonbonfarben

Tim Burtons persönliche Hölle sind die Suburbs und in dieser Hölle spielen Männer keine Rolle. Es sind allein die Frauen, die hier Regiment führen. Die Häuser strahlen in bonbonfarbenen Pastelltönen – grün, rosa, himmelblau – der Himmel ist immer blau, verziert mit ein paar wenigen Schäfchenwolken. Und wenn eine der Frauen etwas Neues hat, oder jemand Neues mitbringt, weiß es gleich die ganze Nachbarschaft. Klatsch, Tratsch und böse Nachrede beherrschen den Alltag.

In dieser Hölle leben Peg und ihr Mann Bill (wunderbar stoisch und freundlich: Alan Arkin) mit ihren Kindern. Diane Wiest ist Peg und ich meine das so: Sie ist Peg. Sie gibt ihrer Avon-Beraterin eine wunderbar ausgewogene Mischung ewiger Freundlichkeit und uramerikanischem Optimismus mit dem leisen Hauch Niederlagen, über die man aber nicht spricht.

Ein Engel kommt in die Hölle der Frauen

Um sie und ihre Familie herum hat Tim Burton ein ganzes Panoptikum modernen Dämonen gestellt – hochtoupierte, grell geschminkte Frauen in zu bunten Klamotten, die sich das Maul übereinander zerreißen. In diese Hölle verschlägt es den unschuldigen Engel Edward.

Tim Burtons Film ist eine Art „Frankenstein“, gepaart mit „Die Schöne und das Biest“. Dabei ist nicht klar, wer wer ist, denn zumindest Edward ist ganz sicher kein Biest. Großartig, wie Johnny Depp (TV-Serie „21 Jump Street - Tatort Klassenzimmer“– 1990; „Cry-Baby“ – 1990; Platoon – 1986; „Die Superaufreißer“ – 1985) diesem Unfertigen mit wenig Mimik und wenig Worten so viel Persönlichkeit und Liebe einhaucht. Er himmelt die rothaarige Kim an, die von der wunderbaren Winona Ryder gespielt wird – auch kein Biest („Ein Mädchen namens Dinky“ – 1990; Great Balls of Fire – 1989; „Die Generation von 1969“ – 1988). Aber am Ende jagen sie ihn aus der Stadt, wie einst die Kreatur.

Zum ersten Mal überzeugt mich ein Tim-Burton-Film

Der Regisseur mit dem markant wirren Haarschopf wird schon seit vielen Jahren gefeiert. Ich kann das bisher nicht nachvollziehen; seine Filme sind phantasievoll, verspielt und ideenreich. Das ja! Aber die Geschichten haben mich nicht getroffen – „Beetlejuice“ (1988, auch mit Winona Ryder) ist mir zu albern und seine Version von Batman (1989) ein absoluter Reinfall. Dann gab es noch „Pee-wees irre Abenteuer“ (1985), der an meinem Humor vorbei läuft.

Jetzt allerdings hat Burton meinen Nerv getroffen: Edward mit den Scherenhänden ist ein schönes, ergreifendes, herzerwärmendes, trauriges, liebevolles, phantasievolles Märchen – ein zeitloser Klassiker. Und wer will, kann lustiges Filmzitate-raten machen oder Burtons liebevolle Anspielungen auf den Antichristen in seinen bonbonbunten Bildern aufspüren.

Wertung: 10 von 10 D-Mark