Plakatmotiv: Baby Driver
Spaßkino mit ordentlich,
nunja, Drive und Coolness
Titel Baby Driver
(Baby Driver)
Drehbuch Edgar Wright
Regie Edgar Wright, UK, USA 2017
Darsteller Ansel Elgort, Jon Hamm, Eiza González, Jamie Foxx, Lily James, Kevin Spacey, CJ Jones, Jon Bernthal, Morse Diggs, Sky Ferreira, Lance Palmer, Hudson Meek, Viviana Chavez, Hal Whiteside, Micah Howard, Morgan Brown u.a.
Genre Action, Crime, Music
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
27. Juli 2017
Website babydriver-movie.com
Inhalt

Er heißt Baby – soweit man weiß. Er ist seit einem Autounfall seiner Eltern ein Waisenkind. Aktuell verdingt er sich als Fluchtwagenfahrer für Gangboss Doc, dem er nach einem Autodiebstahl eine große Menge Geld schuldet. Weil Baby einen Tinnitus hat, trägt er fast immer Kopfhörer im Ohr und versucht mit der Musik auf seinen iPods das durchgehende Piepen zu übertönen.

Baby hat seine Schulden bei Doc fast abbezahlt und sieht eine Chance, sein kriminelles Leben hinter sich zu lassen, auch auf Drängen seines tauben Adoptivvater Joseph. Er verliebt sich in Debora, die als Kellnerin in einem Diner arbeitet. Er deutet an, als Fahrer zu arbeiten und lässt sie im Glauben, er würde für Prominente arbeiten. Nachdem er seine Schulden getilgt hat drängt Doc ihn durch offene Drohungen jedoch zu weiteren Raubüberfällen.

Nach mehreren Raubzügen plant Doc nun einen Überfall auf ein Büro der Post – da winken offenbar leere Zahlungsanweisungen in hohem Wert. Die neue Crew besteht dabei aus dem extrovertierten Waffennarren Bats, dem Schönling Buddy und dessen Freundin Darling, die Baby bereits getrennt voneinander bei mehreren vorigen Überfällen gefahren hat.

Bei einem Waffengeschäft mit dem „Butcher“, einem Kontaktmann Docs, beginnt Bats eine Schießerei, nachdem er die Waffenhändler als Polizisten erkannt hat. Doc, für den der Kontakt zu den korrupten Polizisten grundlegend für sein Geschäft war, will nun wütend den Überfall abbrechen, wobei jedoch Bats, Buddy und Darling nicht auf ihn hören und den Überfall dennoch durchführen wollen. Baby versucht, nachts aus dem Quartier der Crew zu fliehen, wird davon jedoch von Buddy und Bats abgehalten.

Während des Überfalls sieht Baby aus dem Auto eine Angestellte des Postbüros, die er zuvor beim Ausspähen des Büros getroffen hatte. Er hält sie durch Gesten davon ab, an ihren Arbeitsplatz zu gehen. Nachdem Bats vor seinen Augen einen Wachmann erschießt, weigert er sich, bedroht von seinen Komplizen, loszufahren …

Was zu sagen wäre

Spaßkino mit, nun ja, Drive und hohem Cool-Faktor. In seinem Storygerüst wirkt der Film wie eine Verbeugung vor Walter Hills Driver (1978), in dem Ryan O'Neal in der Titelrolle seine Boliden ähnlich cool durch die Straßen schleuderte, wie hier Hollywoods neuestes Angebot an die nachwachsende Generation: Ansel Elgort (Die Bestimmung – Allegiant – 2016; Die Bestimmung – Insurgent – 2015; #Zeitgeist – 2014; Das Schicksal ist ein mieser Verräter – 2014; Die Bestimmung – Divergent – 2014; Carrie – 2013).

Traumfrauen im Diner

Es ist eine goldige, wild aus Hollywoods alten Auto-Filmen zusammengeträumte Lovestory, in der das Mädchen natürlich im American Diner arbeitet (wo eigentlich sonst können Traumfrauen arbeiten, die in Liebe zu ihrem Kerl stehen, außer in einem Diner?) Lily James ist als Debora ein hinreichend (und hinreißend) guter Grund, sich gegen Kollegen und Mentoren aufzulehnen. Mentor? Ja: Kevin Spacey spielt hier eine Rolle, die er vordergründig schon zig Mal gespielt hat (Kill the Boss – 2011; Der große Crash – Margin Call – 2011; Männer, die auf Ziegen starren – 2009; Superman Returns – 2006; Schiffsmeldungen – 2001; Das Glücksprinzip – 2000; American Beauty – 1999; Verhandlungssache – 1998; L.A. Confidential – 1997; Die Jury – 1996; Sieben – 1995; Outbreak – Lautlose Killer – 1995; Die üblichen Verdächtigen – 1995) – der coole Schurke mit intellektuellen Sentenzen – die er aber im entscheidenden Moment Obi-Wan-Kenobi-mäßig erweitert.

Oscar-Preisträger Jamie Foxx (The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – 2014; White House Down – 2013; Django Unchained – 2012; Kill the Boss – 2011; Valentinstag – 2010; Operation: Kingdom – 2007; Miami Vice – 2006; „Jarhead – Willkommen im Dreck“ – 2005; Collateral – 2004) hat diesem Film nichts beizutragen, was seinem Status gerecht würde. Er ist ein paranoider Killler, der im Rythmus dieses Films eine reine Funktionsrolle zu erfüllen hat – wann schlägt er wieder über die Stränge? Aber weil in diesem Film nichts über seine Schauspieler definiert ist, ist auch Foxx ein guter Taktgeber. Dieser Film ist kein klassisches Home-Movie, kein verfilmtes Drehbuch. „Baby Driver“ ist ein 110-minütiger Videoclip, getrieben nur vom Rythmus seiner Musik.

Der Sound macht den Film

Hier geben die Sounddesigner, die sonst im Verborgenen tüfteln, den Takt vor, Montage, Kamera, Armbewegungen, alles bleibt im Takt des jeweiligen Songs, der gerade gespielt wird.

Regisseur Edgar Wright (The World's End – 2013; Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt – 2010; „Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis“ – 2007; „Shaun of the Dead“ –2004) nutzt diese Gelegenheiten für ein paar wunderschöne Plansequenzen in einem Film, der auf dieser (Kamera)Ebene viel zu bieten hat. Green-Screen-Action ist hier der Ausnahmefall. Etwa 90 Prozent dieses Autostunt-Films ist echtes, physisches Kino. Das überträgt sich so sehr in den Kinosessel, dass die Szenen, die zur Entwicklung der Story nötig sind, als lästiger Ballast wahr genommen werden.

Blechschaden im Vierviertel-Takt

Die Choreografie der Actionszenen übernahm der Performance-Künstler, Choreograf, Designer und Gründer des Tanzlabors Sweat Spot Ryan Heffington, der bereits für mehrere Musikvideos ausgezeichnet wurde, die er choreografierte („Chandelier“ von Sia). Das Tempo der Choreografie der Szenen, in denen Stunts mit Autos gezeigt werden, wurde also durch den Soundtrack des Films vorgegeben. Der Zuschauer hört die Musik, die Baby im Film hört.

Normalerweise wählen Regisseure für den Soundtrack eines Films Musikstücke, die das untermalen sollen, was auf der Leinwand geschieht. In „Baby Driver“ lässt Wright seinen Titelhelden solche Musik hören, die über sein Schicksal zu entscheiden scheint. Baby gibt durch die Auswahl der Songs selbst den Takt für die folgenden Szenen vor – und dem produzierenden SONY-Studio natürlich eine glänzende Vorlage, den Soundtrack zum Fim zu vermarkten. Das Lied Baby Driver von Simon & Garfunkel gab dem Protagonisten und dem Film seinen Namen. Der Soundtrack umfasst 30 Musikstücke. An einigen Stellen des Films wurde ein heller Piepston in das Sound Design eingefügt, der den Tinnitus zum Ausdruck bringen soll, unter dem Baby leidet.

Spaßkino mit ordentlich Drive

Das alles sind technische Informationen, die einem durchschnittlichen Kinogänger nicht erklären können, was dieser Film sein soll. Nun: Dieser Film folgt keiner dramaturgisch getriebenen Story. Das muss man im Kinosessel akzeptieren, um sich auf „Baby Driver“ einzulassen. Der Film ist Spaßkino, ein überlanges Musicvideo, eine selten zu bewundernde Handarbeit, in der alle Gewerke ineinander greifen.

Wertung: 6 von 8 €uro