Kinoplakat: Drive
Eine Actionstory, die
keine Actionszene braucht
Titel Drive
(Drive)
Drehbuch Hossein Amini
nach dem Buch von James Sallis
Regie Nicolas Winding Refn, USA 2011
Darsteller Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman, Kaden Leos, Jeff Wolfe, Tan Suit, James Biberi u.a.
Genre Drama
Filmlänge 100 Minuten
Deutschlandstart
26. Januar 2012
Inhalt

Sein Arbeitsplatz ist der Fahrersitz. Er ist ein Driver. Tagsüber fährt er für Filmproduktionen in Hollywood kunstvoll Autos zu Schrott, abends verdient er sich als Fluchtwagenfahrer noch etwas Geld dazu. Seine Regeln sind klar: Er trägt keine Waffe, beteiligt sich nicht an Einbrüchen und wartet exakt fünf Minuten vor dem Objekt, in das eingebrochen werden soll. Nach diesen fünf Minuten macht sich der Driver aus dem Staub. Mit den Auftraggebern auf dem Rücksitz. Oder ohne. Aber auf jeden Fall aus dem Staub – kunstvoll. Und immer den einen Schritt schneller, als die Polizei.

Sein ziviles Leben verbringt er in der Autowerkstatt, wo er für den alten Shannon Wagen repariert, sie aufmotzt. Shannon hat gerade mit Bernie ein Rennen ausgedealt. Bernie sponsort einen Wagen, den der Driver gewinnbringend ins Ziel steuert. Alles läuft gut, soweit.

Dieses Leben ändert sich, als der Driver seine Nachbarin kennenlernt, die allein erziehende Irene, deren Mann im Knast sitzt. Sie freunden sich an, der Driver kümmert sich verantwortungsvoll um Irenes Jungen, zeigt ihnen schöne Plätze in Los Angeles, zu denen man nur gelangt, wenn man sein Auto beherrscht, fast ist man versucht zu glauben, der Driver habe sich ein wenig verliebt. Dann kommt Standard aus dem Gefängnis, Irenes Mann.

Und Standard hat ein Problem. Er hatte sich im Knast von einer Gang beschützen lassen, die jetzt dafür bezahlt werden will – in Form eines Überfalls. Der Driver bietet seine einzigartigen Fähigkeiten an. Der Überfall läuft glatt. Blanche, die als Komplizin von den Auftraggebern ins Spiel gebracht worden war, sitzt schon auf dem Rücksitz, als Standard den Shop des ausgeraubten Pfandleihers verlässt – und erschossen wird. Dem Driver bleibt keine Zeit. Schon sind Finstermänner an ihm dran, die ihn mit schwerer Limousine verfolgen. Der Diver kann sie abhängen. In einem Motel hält er sich versteckt und holt aus Blanche Informationen über den Coup und die Hintermänner raus. Aber schon stehen die Finstermänner vor der Tür und schießen Blanche den Kopf weg. Und jetzt hat der Driver die Faxen dicke.

Bei dem Überfall wurde eine Million Dollar erbeutet – bisschen viel, um bei einem Pfandleiher in der Kassenschublade zu liegen. Es handelt sich um Geld der Ostküsten-Mafia. und die will das Geld zurück haben. Und zwar von Bernie, dem vermeintlichen Renn-Impressario, der es seinerseits vom Driver wiederhaben möchte.

Bald muss Bernie erkennen: Der Driver wäre nicht so weit gekommen im Leben, wenn er nur ganz gut Auto fahren könnte. Offenbar beherrscht er auch die Kunst, sich durchzusetzen …

Was zu sagen wäre

Eine Entdeckung. In jeder Hinsicht! Ryan Gosling („Crazy, Stupid, Love.” – 2011; „Blue Valentine” – 2010; Lars und die Frauen – 2007) als The Driver ist ein stoischer Hingucker. Zahnstocher hat zuletzt so cool Sylvester Stallone als Marion Cobretti Cobra (1986) zerkaut. Und so regungslos ein Auto durch Polizeisuchscheinwerfer gesteuert zuletzt Ryan O'Neil in „Driver” (Walter Hill – 1978).

Lässig ent-actioned der norwegische Regisseur Nicolas Winding Refn diesen auf Action angelegten Plot. Im ganzen Film gibt es zwei Autojagten, von denen die erste gleich zur Eröffnung des Films nicht wirklich als Jagd bezeichnet werden kann – eher als Schachspiel auf vier Rädern mit Zahnstocher im Mundwinkel, das uns die spezialle Kunst der Hauptfigur nahebringt. Dazwischen fährt der Driver, der namenlos bleibt, durch das nächtliche L.A. und diese Szenen einsamer Profession sind pure Romantik. Carrey Mulligan („Alles, was wir geben mussten” – 2010; Wall Street: Geld schläft nicht – 2010; „Brothers” – 2009; „An Education” – 2009) als Nachbarin Irene ist wunderbar. Sie und Gosling beherrschen es, ohne viele Worte zu kommunizieren, sich näher zu kommen und einsam dabei zu bleiben.

Kinoplakat: DriveBarbusige Milieubeschreibung

Regisseur Refn versteht es, seinem Film im einen Moment das Tempo zu nehmen und es im nächsten explodieren zu lassen und dann wieder zur Kontemplation der ruhigen Beobachtung zurückzukehren. Es gibt eine Szene zum auftakt des letzten Drittels, in denen der Driver eine Stripbar stürmt, dem dortigen Chef Macho die Hand zertrümmert und schmerzvoll aushorcht, während drumrum fünf barbusige Stripperinen taten- und Mitleidlos zusehen. Diese Szene ist in ihrer Kälte und Klarheit einzigartig und sagt viel aus über das Milieu, in dem wir uns befinden.

Zwangsläufig stolpern einige der Charaktere in die Klischeefalle, aber das ist in einer Genre-Variation wohl nicht zu vermeiden. Die gröbsten Klischees tragen die Gangster mit sich herum. Ron Perlman („Der letzte Tempelritter” – 2011; Hellboy 2 – Die goldene Armee – 2008; „Schwerter des Königs – Dunkeln Siege” – 2007; „Stephen Kings Desperation” – 2006; Hellboy – 2004) tröstet sich und das Publikum mit der Anmerkung, er habe immer schon mal einen alternden Juden unter lauter Italienern spielen wollen und deshalb auf seine normale Gage verzichtet und Albert Brooks, der den Bernie gibt, unterläuft schon durch seine Besetzung die Gangsterklischees; Brooks ist normalerweise der stoffelige Held im herzigen Drama. Selten waren Klischees besser besetzt.

Erinnerung an die neonfarbenen 80er Jahre

Solche Filme werden heute eigentlich nicht mehr gedreht. Und deshalb gibt Refn seinem Kunstwerk in Design und Soundtrack einen Anstrich aus den 1980er Jahren – die geschwungene Schrift in Neon-Pink, die die Titelsquenz ziert, war Mitte der 80er Jahre Stilmittel viele Filme, die gerne in Miami spielten. Der Soundtrack – und vor allem dessen Einsatz – lässt Erinnerungen an „Nur 48 Stunden” oder „Beverly Hills Cop” aufkommen.

Wertung: 7 von 7 €uro