Plakatmotiv: Barry Seal: Only in America (2017)
Eine bizarre Real-Satire,
der das Dramatische fehlt
Titel Barry Seal: Only in America
(American Made)
Drehbuch Gary Spinelli
Regie Doug Liman, Japan 2017
Darsteller Tom Cruise, Domhnall Gleeson, Sarah Wright, Jesse Plemons, Caleb Landry Jones, Lola Kirke, Jayma Mays, Alejandro Edda, Benito Martinez, E. Roger Mitchell, Jed Rees, Fredy Yate Escobar, Mauricio Mejía, Robert Farrior, Morgan Hinkleman u.a.
Genre Biografie, Action
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
7. September 2017
Website uphe.com/movies/american-made
Inhalt

Einst war Barry Seal Pilot der amerikanischen Fluggesellschaft TWA. Dann kam der Mann von der CIA, Schafer. Der machte Seal ein Angebot, dass der sxchwer ablehnen konnte. Es war doch so: Sein Job als Pilot war kotzlangweilig. Er musste in der 707 schon den Autopilot ausschalten und ein paar Turbulenzen initiieren, um Spaß zu haben, weil den Passagieren dann übel wurde – und das konnte es doch nicht sein. Schafer bot ihm eine eigene Firma, ein eigenes Flugzeug. Und dafür musste Seal nur ein paar Fotos aus der Luft machen, von kommunistischen Widerstandsnestern in Mittelamerika; Guatemal, Nicaragua, solche Sachen.

Das lief ganz gut. Bis die Drogenleute in Nicaragua ihn sich schnappten. Wenn er doch ohnehin dauernd hin und – vor allem – zurück in die USA fliege, könne er doch ein paar Drogen mitnehmen, 2.000 Dollar pro Kilo sprangen dabei heraus. Das Geschäft lief richtig gut, doch bald findet sich Seal nach einer Razzia der Polizei in einem kolumbianischen Gefängnis wieder.

Vor einer Verhaftung durch die DEA und der Inhaftierung in einem US-Gefängnis wird Seal bewahrt, weil Schafer eine neue Idee hat. Seal soll bei seinen Drogentransporten ganz nebenbei die rechten Contra-Kämpfer in Nicaragua mit US-Waffen versorgen, deren Guerilla-Krieg gegen die demokratisch gewählte Sandinista-Regierung von Präsident Ronald Reagan unterstützt wird.

Schafer stellt Seal eine Flugbasis plus angrenzendem land in Mena im Hinterland von Arkansas zur Verfügung, wo sich auch ein militärisches Trainingsgelände für die Contras für die Diktatur der Somoza-Dynastie befindet. Weil er aber nicht nur US-Waffen für die Contra-Rebellen abliefert, sondern weiterhin auch Drogen schmuggelt, wird Barry als verdeckter CIA-Agent zu einem der reichsten Männer der USA. Er hortet es nicht nur bei mehreren Banken, sondern auch in Koffern, Hutschachteln, Taschen und vergräbt es im Garten seines Hauses im ländlichen Arkansas.

Weder bleibt dabei dem FBI verborgen, dass in dem armen Kuhkaff-Landstrich Mena plötzlich eine Bank nach der anderen eine filliale eröffnet, noch bleiben die Kurierflüge der DEA verborgen. Irgendwann dämmert Barry, dass er zwar sehr sehr sehr sehr reich werden kann mit diesen Jobs, aber ein paar Aussagen auf Videoband als Lebensversicherung würden ihm sicher auch nicht schaden …

Was zu sagen wäre

Based on a true story. Wieder mal. Zwei Dinge fallen auf im Hollywoodkino der zurückliegenden Jahre. Immer mehr Based-on-true-events-Filme kommen ins Kino und die Zahl der Filme, die hier und heute spielen, nimmt ab. Die True Events verkaufen sich besser, verleihen sie – jedenfalls im verqueren Gedankengang der Produzenten und Studios – dem Film doch sowas wie Seriosität. Und wenn Filme nicht im Hier und Jetzt spielen, sondern vor 20 Jahren oder früher, muss sich der Erzähler auch nicht mit dieser jeden Spannungsbogen kaputt machenden Always-Online-Welt auseinandersetzen. Er kann noch Geschichten erzählen, wie er sie selbst früher im Kino gesehen hat.

„American Made“ ist so ein Film. Und Doug Liman (Edge of Tomorrow – 2014; „Jumper“ – 2008; Mr. & Mrs. Smith – 2005; Die Bourne Identität – 2002; Go – 1999; „Swingers“ – 1996) wählt für die unglaubliche Geschichte einen locker flockigen Umgangston, mehr Komödie als Drama, mehr zynische Farce als anklagender Politthriller; man mag sich nicht vorstellen, wie Oliver Stone mit dem Stoff umgegangen wäre, der in der Iran-Contra-Affaire gipfelt, die Lieutenant Colonel Oliver North Amt und Würden – nicht aber seinen legendären Ruf – gekostet haben. Liman also wählt den luftigen Zugang zum dreisten politischen Geschacher Washingtons mit Drogenbaronen, mörderischen Revolutionären und Kleinkriminellen. Und holt sich Tom Cruise als Titelhelden.

Das war die klügste Lösung. Cruise gilt als bankable Actionhero. Einer von der alten Sorte, die nicht alles gleich so schwer nimmt. Dieser Barry Seal gibt sich charmanterweise mehr Mühe, seiner Frau die absurde Geschichte schmackhaft zu machen, als jedem noch so schießwütigen Drogenhändler die Stirn zu bieten. Und Tom Cruise steht für den aufrechten, echten, glaubhaften Amerikaner. Einmal muss Barry Seal mit seiner Cessna voller Kokain in einer Suburb notlanden und kommt in einem Garten zu stehen, über und über mit Kokain bestäubt. Im Garten stehen zwei afroamerikanische Kinder. Ganz der gute Amerikaner steckt er dem Jungen drei Bündel Geldscheine zu – „Das müsste für den Schaden reichen. Das ist für Deine Schwester. Und das hier ist für Dich!“ – als wäre damit jedes mit dem Crash zusammenhängende Problem gelöst, weil bezahlt. Ganz offen bietet er im Büro der Generalstaatsanwältin von Arkansas jedem Polizisten einen Cadillac als Entschädigung dafür an, seine Zeit mit seiner Festnahme verschwendet zu haben. Als die Staatsanwältin ihn dann nach einem Telefonat mit Gouverneur Bill Clinton wirklich gehen lassen muss, sagt Seal noch „Ich hätte den Cadillac genommen!“ Dieser Mann hat den American way of Life, das Leben für den Deal verinnerlicht, und Cruise ist der Typ für solche Männer (Die Mumie – 2017; Jack Reacher: Kein Weg zurück – 2016; Mission: Impossible – Rogue Nation – 2015; Edge of Tomorrow – 2014; Oblivion – 2013; Jack Reacher – 2012; Knight and Day – 2010; „Operation Walküre“ – 2008; Krieg der Welten – 2005; Collateral – 2004; Last Samurai – 2003; Minority Report – 2002; Magnolia – 1999; Mission: Impossible – 1996; Eine Frage der Ehre – 1992; Tage des Donners – 1990; Cocktail – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; Top Gun – 1986; Legende – 1985; Der richtige Dreh – 1983; Die Outsider – 1983).

Das ist also alles unterhaltsam und auch effektvoll gefilmt. Das Problem ist die Geschichte als solche, die kaum Brüche kennt. Sobald die CIA in Barrys Leben getreten ist, geht es, bis auf die eine Polizeirazzia, immer nur einfach weiter; nie kommt er in echte – kinotaugliche – Schwierigkeiten. Schlimmstenfalls geht es verrückt zu mit irren Agenten und zugedröhnten mittelamerikanischen Schreihälsen. Das ist natürlich entspannend anzuschauen, wirkt bisweilen wie ein Happy-go-Lucky-Videoclip zu Drogenschmuggel und Geldwäsche, aber der Skandal dahinter, der lauthals angeprangert gehört, aber nicht bewitzelt, verliert sich in schulterzuckendem is'-halt-so. Das streckt die Filmkunst die Waffen vor der Realität und flüchtet in die Ironie.

Am Ende bleibt das Bild hängen, in dem Barry Seal in eine Videokamera, mit der er sein stundenlanges Geständnis aufzeichnet, ruft „Und jetzt sage mir nochmal einer, dass dies nicht das großartigste Land der Welt ist!“ und er im Gegenschnitt von den Drogenleuten erschossen wird. Die CIA bringt währenddessen gerade Waffen, die sie über illegale Deals mit Iran (das gegen Irak im Krieg liegt) finanziert wurden, an die nicaraguanischen Contras.

Etwas mehr Drama hätte dem unglaublichen Stoff gut getan.

Wertung: 4 von 8 €uro